Kumpel kämpften lange um ihre Rechte

rnAbschied vom Bergbau

Mit dem Bergbau endet auch die Bergarbeiterbewegung. Der Historiker Wolfgang Jäger erklärt im Interview, welche wichtige Rolle ein Dortmunder Bergmann in den Anfängen spielte.

Bochum

, 19.12.2018, 06:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Der Dortmunder Zechenarbeiter Fritz Bunte war einer von drei einfachen Bergleuten aus dem Ruhrgebiet, die 1889 bis zum deutschen Kaiser gingen, um ihre Rechte einzufordern. Sie scheiterten, daraus folgte aber eine wichtige Erkenntnis.

Über die Bergarbeiter im Ruhrgebiet und ihren Kampf um soziale Absicherung sprachen Ilka Bärwald und Benjamin Legrand mit dem Historiker Wolfgang Jäger vom Institut für Soziale Bewegungen in Bochum.

Die Untersten beim Obersten. Wie muss man sich diese Audienz vorstellen?

Die Überraschung war ja, dass der gerade neu ins Amt gekommene Wilhelm II. die Bergleute in Berlin überhaupt empfangen hat. Die Unternehmer waren ja nicht bereit gewesen, mit den Delegierten des großen Bergarbeiterstreiks zu verhandeln. Nach einer Überlieferung soll Wilhelm in etwa gesagt haben: Ihr seid vertragsbrüchig geworden, habt einfach Eure Arbeit niedergelegt, das geht nicht. Aber ich kann Euer Anliegen verstehen und ich will ein Wort für Euch einlegen. Daraufhin hat auf Druck des Kaisers der Vorsitzende des Zechenverbandes aus Essen Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Doch dann wurde er vom Zechenverband abgesetzt. Das war die Antwort der Kohle- und Schlotbarone an der Ruhr.

Dieser Streik endete ohne ein Ergebnis?

Ja, aber es begann dadurch ein Erkenntnisprozess, dass man die gemeinsamen Interessen der Bergleute nur durch einen Zusammenschluss durchsetzen kann. Das ist die berühmte Gewerkschaftsgründung am 18.8.1889 in Dorstfeld. Sozialdemokratische und christliche-soziale Bergarbeiter gründeten gemeinsam den „Alten Verband“.


Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1917.

Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1917. © dpa

Warum dort?

Wenn man sich das Ruhrgebiet anschaut, dann war im westlichen Teil des Landkreises Dortmund ein Schwerpunkt der frühen Sozialdemokratie. In Lütgendortmund, Dorstfeld und Marten bildete sich ein sozialdemokratisches Milieu heraus. Auch später stammen wichtige Funktionäre der Bergbaugewerkschaft von dort. Da waren Leute vor Ort, die sich um die Alltagssorgen der Bergleute kümmerten. Das ist ein Nucleus der Bergarbeiterbewegung, dieses sozialdemokratische Milieu im westlichen Teil Dortmunds. Das ist aber nur ein Phänomen im märkischen Teil des Ruhrgebiets, es strahlt auch ein bisschen Richtung Bochum. In Essen, besonders im Westen, haben wir eine ganz andere Bergarbeiterbewegung – die christliche Bergarbeiterbewegung.

Wie groß waren die Unterschiede? Der Alte Verband blieb so nicht lange zusammen.

Das stimmt. Wobei man sagen muss, dass bei der Verbandsgründung in Dorstfeld die verschiedenen politischen Richtungen vertreten sind. Der Alte Verband – ich sage es mit unseren modernen Worten – war zu Beginn eine Einheitsgewerkschaft. Sie umfasste – unter dem Eindruck der Niederlage im Streik – viele, nicht weltanschaulich gebundene Bergarbeiter, aber auch eben sozialdemokratische und christlich-soziale. Aber das klappte nicht. 1894 wurde dann der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter in Essen gegründet. Die Bergarbeiterschaft war organisatorisch getrennt.

Gab es immerhin gemeinsame Ziele?

Es ging vor allem um einen auskömmlichen Lohn, vernünftige Arbeitsbedingungen, aber auch darum, dass man vernünftig behandelt werden wollte. Ein Stichwort ist ‚Gruben-Militarismus‘. Man muss sich die Arbeitsbedingungen im Bergbau lange wie beim Militär zu dessen schlimmsten Zeiten vorstellen. Befehl und Gehorsam. Wer nicht gehorchte, wurde verprügelt. Der Steiger hat mit seinem Häckel auch mal zugeschlagen. Auf der anderen Seite gibt es Geschichten, dass ein Steiger im Blindschacht verschwunden sein soll.

Aber der Mythos beschwört den starken Zusammenhalt unter den Bergleuten, die große Solidarität unter Tage. Über Tage sah das dann anders aus?

Wenn die Bergleute unter Tage sind, unter dieser Gefahr des Berges über ihnen, dann müssen sie sich aufeinander verlassen können. Das geht nicht anders. Aber wenn sie aus dem Bergwerk raus sind – dann konnten sie schon unterschiedlicher Meinung sein. Ich will es mal so formulieren: Die sozialdemokratischen Bergarbeiter aus Dortmund, sie hatten ihre eigene Lebenswelt. Genauso wie die christlichen Bergarbeiter, für die die religiöse Bindung sehr wichtig war. Aber nach der Novemberrevolution 1918 waren beide Gewerkschaften endlich als Tarifpartner anerkannt.

Wenn man sich das Ruhrgebiet genauer anschaut, dann ist es in diesen bewegten Jahren 1919/20 nach der Novemberrevolution, in der südlichen Ruhr-Zone oder auch in der Hellweg-Zone vergleichsweise ruhig, wohingegen es in der nördlichen Emscher- oder in der Lippe-Zone hoch herging. Da waren Großschachtanlagen, dort waren seit 1890 ganz viele Zuwanderer hingekommen, das war der „Wilde Westen“. Da war man auch der Meinung, durch spontane Aktionen müssten sofort Ergebnisse erreicht werden, und wenn nichts passiert, dann waren die Radikalsten bereit, mit der Zerstörung der Bergwerke zu drohen. Man muss ja in einen Schacht nur ein paar Wagen hineinwerfen, dann kommt man schon nicht mehr an die Kohle. Die Bergarbeiterschaft war 1919 nicht einer Meinung. Die einen waren mit der Tarifautonomie schon zufrieden, die anderen wollten mehr, eine „linkere“ Politik, die sofortige gravierende Verbesserungen bringt.


Wolfgang Jäger ist Historiker und arbeitet im Institut für Soziale Bewegungen in Bochum.

Wolfgang Jäger ist Historiker und arbeitet im Institut für Soziale Bewegungen in Bochum. © Legrand

Die Durchdringung der Region mit Gewerkschaftsorganisationen folgt quasi auch der Süd-Nord-Wanderung des Bergbaus. Es dauert auch da, bis sich diese Organisationen verfestigen und gelebt und anerkannt werden.

Das ist sehr, sehr augenfällig. Sich einer Gewerkschaft anzuschließen, bedarf ja auch erst einmal einer gewissen gedanklichen Leistung. Man muss erkennen, dass man nicht durch direkte Aktionen etwas erreichen kann, sondern dass man sich mit anderen verbünden muss. Man muss eine politische Strategie finden, wie man vorgeht, man muss gemeinsam Forderungen formulieren. Das setzt schon die Entwicklung einer gewissen politischen Kultur voraus. Das braucht Zeit. Der Organisationsgrad der Gewerkschaften lag 1920 hier im Ruhrgebiet bei 60 Prozent, sank aber dann bis Ende der Weimarer Republik auf 30 Prozent ab. Nach dem Krieg, 1950, waren es 91 Prozent.


„1919 wurde der erste bezahlte Urlaub eingeführt: Vier Tage nur, aber bezahlt!“
WOLFGANG JÄGER, HISTORIKER

Welche handfesten Erfolge hatten die Gewerkschaften für die Bergleute vom Kaiserreich bis in die 20er-Jahre schon erreicht?

Im Kaiserreich nichts. Es gab überhaupt keine Verhandlungen. Das ist schon exzeptionell. Nach 1918 ging es los mit den Tarifverhandlungen. Was kommt dann an Neuerungen? Es wird die Schichtzeit unter Tage von acht auf siebeneinhalb Stunden verkürzt, schließlich auch zunächst auf sieben Stunden. Es gab eine gewisse Lohnentwicklung. Das war auch sehr nützlich. 1919 wurde der erste bezahlte Urlaub eingeführt: Vier Tage nur, aber bezahlt! Vieles andere, was die Bergarbeiter bekommen haben, haben sie nicht von den Unternehmen bekommen, sondern vom Staat. Betriebsräte sind durch ein staatliches Gesetz geschaffen worden. Auch die Arbeitszeitverkürzungen gelangen nur durch den Einfluss der Weimarer Reichsregierung.

Ein paar Verbesserungen gab es ja auch im Kaiserreich.

Ja, aber die kamen nur von staatlicher Seite. Zwar hatte der Staat keine Sympathien für Gewerkschaften, aber er hatte ein Problem damit, dass in einer Leitbranche wie dem Bergbau immer wieder große Streiks drohten. Für Wilhelm II. war das ganz besonders ärgerlich, weil seine Flotte mit Kohlen beheizt wurde.

Unterschiedliche Gewerkschaften, unterschiedliche Milieus, ein weiter Weg bis zur Einheitsgewerkschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie verlief der Weg?

Heute sprechen die Soziologen von Milieus, aber dann meinen sie Lebensstilmilieus. Ein Herauskommen war früher nicht möglich. Milieus waren ja Gesinnungsgemeinschaften von der Wiege bis zur Bahre. Man hat gemeinsame Werte, gemeinsame Organisationen, Vereine. Diese Wertegemeinschaft ist maßgebend für das ganze Leben. Diese Art von Milieugesellschaft ist dann durch Krieg, Inflation, Ruhrbesetzung und das Aufkommen der Massenmedien immer mehr durcheinander gewirbelt worden. Auch durch die Zuwanderung ins Ruhrgebiet wurden die Milieus herausgefordert. Sie konnten gar nicht alle integrieren. Zudem veränderte sich der Arbeitsplatz unter Tage schon in den 1920ern durch Rationalisierungen dramatisch. Mit der massenhaften Einführung des hydraulischen Abbauhammers löst der Einzelakkord den Gruppenakkord ab. Jeder Einzelne wurde danach bezahlt, was er allein förderte. Dann ist diese alte Milieugesellschaft durch die Zeit des Nationalsozialismus‘ noch weiter zerrieben worden. Die Bergarbeiterschaft 1950 war dann eine ganz andere als die von 1930 oder 1890. Die war nahezu ausgetauscht.

Und dann gründete man eine gemeinsame Gewerkschaft für die Bergbaubranche.

Keiner konnte nach 1945 die Bergleute mehr überzeugen, dass eine eigene christliche oder sozialdemokratisch orientierte Gewerkschaft gegründet werden müsste. Die Not war einfach viel zu groß, dass es nur ein Motto gab: Wir müssen zusammenhalten. Speck wurde dann wichtiger als die Sozialisierung.


Das Verhältnis zwischen Gewerkschaft, Bergarbeitern und Industrie-Arbeitgebern im Bergbau nach dem Krieg ist ja ein besonderes. Das zieht sich ja bis zum Ende so durch. Welche Rolle spielt die Montan-Mitbestimmung?

Dass sich in der Kohleindustrie etwas ändern musste, das war nach 1945 allen klar. Es gab ja danach heftige Auseinandersetzungen, die IG Metall und die IG Bergbau riefen 1950 zu einer Urabstimmung für Streiks zur Durchsetzung der Montanmitbestimmung auf. Denn die Bundesregierung mit Wirtschaftsminister Erhard hatte da nichts mehr für übrig. Das Ergebnis der Urabstimmung war aber eindeutig, Konrad Adenauer wollte aber keinen Großkonflikt. Der Korea-Krieg lief gerade, Kohle und Stahl wurden gebraucht. So kam es zur paritätischen Mitbestimmung. Der Bergbau blieb – anders als der dann verstaatlichte Bergbau der Besatzungsmacht England – privatwirtschaftlich, aber auf der Führungsebene der Unternehmen kam eine ganz starke Beteiligung der Arbeitnehmer und der Gewerkschaften hinzu. Die Montanmitbestimmung war ein Kulturbruch mit vergangenen Zeiten. Die Kohle- und Schlotbarone mussten sich jetzt im Innersten des Unternehmens mit den Gewerkschaftern und betrieblichen Arbeitnehmervertretern auseinandersetzen. Das war ein Prozess, der seine Zeit brauchte. In vielerlei Hinsicht: Bei der IG Bergbau war man der Meinung, dass die Kumpel sich bei den gemeinsamen Essen nach den Aufsichtsratssitzungen bei den Arbeitgebervertretern nicht blamieren sollten: In der Gewerkschaftsschule in Haltern achtete man darauf, dass fein mit Messer und Gabel gegessen wurde.

„Die Mitbestimmung war ein Kulturbruch mit vergangenen Zeiten.“
Wolfgang Jäger, Historiker

Dann kam 1958 die Kohlekrise. Die Gewerkschaft war jetzt Herr im Hause, wie ging sie damit um?

Man mobilisierte. 1959 Marsch auf Bonn, mit schwarzen Fahnen. Schweigend marschierten 60.000 Mann durch Bonn, fast wie auf einer Beerdigung. Es gab dann als erstes Feierschichtenausgleich, Kurzarbeitergeld. Anfang der 1960er-Jahre verließen zigtausende Bergleute die Zechen und gingen in andere Branchen, wo sie in der Hochkonjunktur gerne aufgenommen wurden. Das war schon gewaltig. Da gingen so viele von den Bergwerken weg, dass diese nicht mehr genug Leute hatten. Das glich man über die „Gastarbeiter“ aus, obwohl der Bergbau weiter herunter ging. Nach der Gründung der Ruhrkohle AG 1968/69 waren die Personalbüros auf jedem Bergwerk fast so etwas wie ein Arbeitsamt. Vorruhestand und Arbeitsvermittlung spielten eine ganz große Rolle. Die Zauberformel ab 1969 war „Kein Bergmann darf ins Bergfreie fallen“, das heißt, betriebsbedingten Kündigungen zum Opfer fallen. Der Sozialplan wurde im Bergbau erfunden als ein Instrument, um Belegschaftsabbau sozialverträglich zu gestalten.


Empörte Bergleute brachen am 11. März 1997 durch die Absperrungen, mit denen die Polizei die Bannmeile um den Bonner Bundestag vor den Demonstranten abgeriegelt hatte. Als die Verschiebung des Kohlegesprächs bekannt wurde, drangen die Bergleute an verschiedenen Stellen in die Bannmeile ein.

Empörte Bergleute brachen am 11. März 1997 durch die Absperrungen, mit denen die Polizei die Bannmeile um den Bonner Bundestag vor den Demonstranten abgeriegelt hatte. Als die Verschiebung des Kohlegesprächs bekannt wurde, drangen die Bergleute an verschiedenen Stellen in die Bannmeile ein. © dpa

Trotzdem kämpften die Bergleute lange um ihre Jobs.

1997 gingen die Bergleute wieder auf die Straße, in Bonn. Was passierte, war im Grunde ein großer wilder Streik, der sich gegen den Wortbruch der Bundesregierung unter Helmut Kohl richtete. Es war dramatisch. Bonn war faktisch von den Bergleuten besetzt. Die Saarbergleute kamen, wurden abgefangen und ins Müngersdorfer Stadion nach Köln gebracht. Die Bergleute waren bitter enttäuscht, weil es immer hieß, neue Kohlerunde, aber sozialverträgliche Anpassung läuft weiter, und sie führten sich vorgeführt. Es drohte sogar die Stürmung des Bundestages. Danach gab es eine Regelung, die auch dank des Einsatzes der Gewerkschaft IGBCE verkraftbar war – mit dem sozialverträglichen Auslaufen bis 2018.

Bergleute von der Saar, die am 12. März1997 in Bonn demonstriert hatten, warteten, gebettet auf weichem Laub, auf den Aufbau von THW-Zelten, die lange im Stau um Köln standen. Die Kumpel waren zur Übernachtung nach Köln gefahren, um auf dem von der Stadt zur Verfügung gestellten Gelände am Freibad und in Turnhallen zu übernachten.

Bergleute von der Saar, die am 12. März1997 in Bonn demonstriert hatten, warteten, gebettet auf weichem Laub, auf den Aufbau von THW-Zelten, die lange im Stau um Köln standen. Die Kumpel waren zur Übernachtung nach Köln gefahren, um auf dem von der Stadt zur Verfügung gestellten Gelände am Freibad und in Turnhallen zu übernachten. © dpa

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