Kunst kann Stadt verändern

Katja Aßmann im Gespräch

Es hat lange gedauert. Aber endlich hat die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 doch ernste Folgen. Erfolgsformate wie die Ausstellungen "Emscherkunst" und "B1/A 40" kommen wieder. Neue Projekte wie "This ist not Detroit" in Bochum laufen an. Dahinter steckt Katja Aßmann. Die 42-Jährige leitet die Urbanen Künste Ruhr.

GELSENKIRCHEN

von Von Bettina Jäger

, 22.08.2013, 17:34 Uhr / Lesedauer: 4 min
Kulturmanagerin Katja Aßmann leitet die "Urbanen Künste Ruhr".

Kulturmanagerin Katja Aßmann leitet die "Urbanen Künste Ruhr".

2011 hatten das Land NRW und die 53 Städte des Ruhrgebietes die Gründung einer Nachfolge-Institution für die Ruhr.2010 beschlossen. Im Februar 2012 übernahm Katja Aßmann die Leitung der neuen "Urbanen Künste Ruhr". Ihr erstes Projekt war gleich ein Knüller: Die Lichtinstallation "Pulse Park" in Bochum begeisterte 2012 Tausende von Menschen. Mit dem Wasserturm ("Tower") auf Zollverein zeichnet Aßmann ab heute für eine weitere Aufsehen erregende Kunst-Installation verantwortlich.

Wie sind die Urbanen Künste Ruhr entstanden?

Schon während der Kulturhauptstadt hat man überlegt, ob es die RUHR.2010 weitergeben soll. Es gab aber Bedenken, dauerhaft noch eine zusätzliche Organisation ins Ruhrgebiet zu setzen. Die Kultur Ruhr GmbH ist schon zu IBA-Zeiten gegründet worden mit dem Auftrag, regional Kultur zu produzieren. Daraus sind das Festival Ruhrtriennale, das Chorwerk Ruhr und die Tanzlandschaft Ruhr mit PACT Zollverein entstanden. Wir sind jetzt die vierte Säule der Kultur Ruhr GmbH.

Wie viel Geld steht Ihnen pro Jahr zur Verfügung?

Insgesamt geben der Regionalverband Ruhr (RVR) und das Land NRW 4,8 Millionen Euro für die Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadt. Davon gehen Teile an die Ruhr Tourismus GmbH, an "Ecce" für die Förderung der Kreativwirtschaft und an die Stabsstelle Kultur beim RVR. 3,1 Millionen Euro gehen an die Kultur Ruhr GmbH.

400 000 Euro fließen ins Marketing für die Kulturmetropole Ruhr. Wir starten gerade eine Anzeigenkampagne zu Medienkunst und Lichtkunst. 500 000 Euro pro Jahr legen wir für die Emscherkunst zurück, die alle drei Jahre stattfindet. Dann gibt es noch Overheadkosten (Personal- und Raumkosten etc., die Red.) und jährlich einen künstlerischen Beitrag zur Ruhrtriennale. Das ist in diesem Jahr der "Tower" auf Zollverein. Am Ende hat Urbane Künste Ruhr 1,7 Millionen Euro freie Mittel, um eine Teilfinanzierung von Projekten zu stellen. Mein Wunsch ist es nicht, neue Projekte zu erfinden, sondern ich gehe auf Institutionen und Künstler zu und sage: Lass´ uns Kooperationen eingehen. Wir wollen andere verführen, mit uns zu arbeiten, um am Ende mit gemeinsamen Ressourcen ein Stück größer zu werden, als wir es alleine sein könnten.

Ich war tatsächlich die einzige bei der Kulturhauptstadt, die vorher bei der IBA Emscher Park gearbeitet hatte. Auch die Projekte, die wir jetzt machen, atmen den Geist der IBA. Ich habe damals gelernt, dass die klassischen Planungsinstrumente im Ruhrgebiet nicht mehr greifen, weil die Planung immer auf Wachstum ausgerichtete ist. Und im Ruhrgebiet gibt es nun mal kein Wachstum, sondern Schrumpfung. Das Motto der IBA hieß bereits "Wandel ohne Wachstum". Ich glaube, das ist nach wie vor aktuell.

Künstler haben neue Ideen in den Transformationsprozess eingebracht. Dass das Ruhrgebiet neue Landmarken braucht, um den Umbruch zu zeigen, war eine Idee von Künstlern, allen voran der Bildhauer Richard Serra. Diese Dinge haben wir bei der IBA selten geplant, sondern sie sind von den Künstlern an uns herangetragen worden. Der IBA-Direktor Karl Ganser hat diese Ideen aufgegriffen und am Ende die Route der Landmarkenkunst erfunden.

Glauben Sie wirklich, dass Kunst eine Stadt verändern kann?

Wenn ich daran nicht glauben würde, würde mir mein Job keinen Spaß machen. Künstler spüren oftmals instinktiv, was einer Stadt fehlt. Sie bringen durch ihre Arbeit neue Perspektiven in den Veränderungsprozess einer Stadt. Mir ist wichtig, dass von unseren Kunstprojekten Hinweise blieben, die die Stadtplanung aufnehmen und verwerten kann. Und mir ist wichtig, dass die Verantwortung der Stadtbewohner für öffentlichen Raum größer wird. Das macht gelebte Urbanität am Ende aus, dass die Menschen sich für ihre Stadt interessieren, etwas tun und nicht hoffen, dass es die Stadtverwaltung richtet. In Bochum zum Beispiel gibt es gerade viele Initiativen, die sich für ihre Stadt einsetzen. Genau da, wo diese Menschen aktiv werden, entstehen Cafés und Shops, da verändern Straßen ihr Gesicht. Nachbarn bepflanzen das Straßengrün mit Sonnenblumen. Das bringt eine Art von gelebter Urbanität hervor, die man sofort spürt.

Das Projekt kuratiere ich gemeinsam mit Sabine Reich und Olaf Kröck vom Schauspielhaus Bochum. Wir planen ein Eröffnungswochenende vom 10. bis 13. Oktober 2013, die Festivalphase beginnt im März 2014. Bochum hat sich über die Opelaner ein Stück Identität aufgebaut. Genau in einer Zeit, als das Zechensterben nicht mehr aufzuhalten war, war Opel der Heilsbringer. Deshalb ist der "Mythos Opel" so stark. Wir fragen: Wie wollen wir Arbeit und die Identität einer Stadt neu definieren?

Zusammen mit dem Schauspielhaus Bochum haben wir Partner im Ausland gesucht. Auch im englischen Ellesmere Port, im polnischen Gliwice und im spanischen Zaragoza gibt es Opel-Werke, die auf lange Sicht bedroht sind. Die Bundeskulturstiftung fördert international relevante Projekte, sie gibt uns daher 350 000 Euro. Positive Signale kommen auch von anderen Stiftungen. Wenn alles gut geht, werden wir Projektmittel von einer Million Euro haben. Urbane Künste Ruhr gibt weniger als 200 000 Euro. Unser finanzieller Einsatz hat viel bewegt.

Die Künstlerin Nadin Reschke ist auf eine Nähgruppe des Internationalen Bildungs- und Kulturvereins für Frauen in Castrop-Rauxel aufmerksam geworden. Es sind alles Frauen mit Migrationshintergrund, für die das Nähen ein Stück Heimat bedeutet. Nadin Reschke hat angefangen, mit den Näherinnen eine Modelinie zu entwickeln.

Wir haben erst mal mit der Künstlerin einen Raum angemietet, wo eine Kollektion entwickelt wird. Nadin Reschke bringt den Design-Aspekt hinein, versucht aber auch, die Ideen aus den verschiedenen Kulturen zusammenzubringen. Die Künstlerin macht einen Katalog und eine Modenschau Ende September im Bahnhofscenter Gelsenkirchen. Dann werden wir sehen, was die Künstlerin und die Näherinnen weiter machen wollen. Daraus könnte ein Modelabel entstehen.

In erster Linie sind für mich die Projekte und Inhalte wichtig. Wenn wir es schaffen, "Urbane Künste Ruhr" als Qualitätssiegel zu etablieren, wird dadurch die Institution als Marke in den Köpfen der Menschen haften bleiben und einen hohen Wiedererkennungswert erreichen.

Na ja, vielleicht kriege ich das ja bis 2014 hin, dass man auch Katja Aßmann kennengelernt hat (lacht). Aber unsere Art zu arbeiten ist die Zukunft. Die Mittel werden immer mehr gekürzt, viele Institutionen fürchten, geschlossen zu werden. Wenn wir nach wie vor ein reichhaltiges kulturelles Leben im Ruhrgebiet haben wollen, bedeutet das, wir müssen neue Wege finden. Zusammenarbeit ist die Zukunft.

 

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