Kunstsammlung NRW verhilft der Fantasie an die Macht

"Art et Liberté" in Düsseldorf

Die Kunstsammlung NRW am Grabbeplatz in Düsseldorf blättert mit einer erhellenden Ausstellung ein fast unbekanntes, spannendes Kapitel der Kunstgeschichte auf. 37 Künstler und Autoren, darunter auch Advokaten, gründeten im Dezember 1938 in der kosmopolitischen Metropole Kairo die international orientierte Surrealisten-Gruppe "Art et Liberté" (Kunst und Freiheit).

DÜSSELDORF

, 13.07.2017, 17:03 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kunstsammlung NRW verhilft der Fantasie an die Macht

Das Bild „Die Glücklichen von Sayyidah“ hat Abdel Hadi El-Gazzar 1953 gemalt.

Die dezidiert linke politische Stoßrichtung ihres Gründungsmanifestes mit dem ironischen Titel "Es lebe die Entartete Kunst" und einer Abbildung von Picassos Gemälde "Guernica" auf dem Titelblatt zielte auf den in Europa damals allgegenwärtigen Faschismus.

Es ist die allererste zu diesem Thema. Sie fügt sich vortrefflich ein in das Forschungsprojekt "museum global", mit dem sich das Haus der Kunst der Moderne außerhalb des Westens widmet.

Bis nach Los Angeles und Tokio

Fünf Jahre sind die beiden Kuratoren Sam Bardaouil und Till Fellner den Spuren der ägyptischen Surrealisten bis nach Los Angeles und Tokyo gefolgt. Das Ergebnis ist eine mit 130 Gemälden von überwiegend hoher Qualität, mit Grafik und Fotos aufwartende und reich mit Dokumenten belegte Entdeckungstour durch verwinkelte Kabinette.

Der kosmopolitisch orientierte ägyptische Diplomatensohn Georges Henein, als Autor und Kulturjournalist ein Desperado, zählte unter dem Einfluss der französischen Surrealisten um André Breton zu den führenden Initiatoren der Gruppe.

Als er sich 1948 von den Surrealisten lossagte, zerfiel auch die Gruppe. Einige Künstler wechselten zur 1946 ins Leben gerufenen, national orientierten "Groupe de l’art contemporain" (Gruppe für zeitgenössische Kunst). Bei einem Künstler wie Abdel Hadi el-Gazzar tauchen nun volkstümliche Motive auf.

Pose einer altägyptischen Göttin

Zuvor, zu Zeiten der Surrealisten, findet sich ägyptisches Kolorit in einer altägyptischen Ikonografie und im Einfluss meditativer Sufi-Trance auf die Bildwelt des Unbewussten. Ramses Younane malte 1937 die Geliebte eines englischen Künstlerfreundes in der affektierten Pose einer altägyptischen Göttin.

Die Faszination französischer Surrealisten für alles Erotische wird man bei den Ägyptern vergeblich suchen. Sie geißelten die Prostitution der "Stadtfrauen". Fouad Kamel malte eine Soldatenhure gar entstellt als Maschinenwesen.

"Mädchen und Monster" von 1942

Drangsalierte, ausgemergelte Körper werden zum Sinnbild einer aus den Fugen geratenen Zeit. Solche Bilder sind als Reaktion auf politische und kulturelle Umbrüche zu verstehen. In einem der prägnantesten Großformate "Coups de bâtons" (Knüppelschläge) prangerte Antoine Malliarakis, ein Ägypter griechischer Herkunft, unter dem Künstlernamen Mayo die brutale Polizeigewalt gegen Demonstranten an.

Inji Efflatouns "Mädchen und Monster" von 1942 zeigt eine unter der Geißel faschistischer und stalinistisch Diktaturen lichterloh brennende Welt.

Kunstsammlung NRW: "Art et Liberté - Umbruch, Krieg und Surrealismus in Ägypten 1938-1948", 14.7. (Eröffnung um 19 Uhr) bis 15.10., Grabbeplatz, Di-Fr 10-18 Uhr, jeden ersten Mittwoch im Monat bis 22 Uhr. Katalog: 35 Euro. www.kunstsammlung.de