„Le Prophète“ ist eine Oper über fatalen Fanatismus

Aalto-Theater Essen

Glaube Macht Kunst" lautete das diesjährige Motto der Essener Festtage von Theater und Philharmonie. Finaler Höhepunkt am Sonntag: die Premiere der Oper "Le Prophète" als erster Meyerbeer-Inszenierung überhaupt am Aalto-Theater. Wie triumphierte die Musik da über alles fanatische Glaubens- und Machtgebaren!

ESSEN

, 10.04.2017, 16:47 Uhr / Lesedauer: 1 min
„Le Prophète“ ist eine Oper über fatalen Fanatismus

John Osborn spielt den jungen Johann von Leyden.

Vincent Boussard (Regie, Kostüme) und Vincent Lemaire (Bühne) widerstanden der Versuchung, die Oper über die radikale Wiedertäufer-Bewegung, die 1534/35 die Stadt Münster in Angst und Schrecken versetzt hatte, mit aktuellen Tendenzen des Fundamentalismus und Populismus in Verbindung zu bringen. Stattdessen erzählen sie eine zeitlose Geschichte, in der, wie vom Librettisten Eugène Scribe so angelegt, die sozialen, religiösen und politischen Kämpfe nur den buntbewegten Hintergrund für eine private Tragödie bilden.

Im Innern bleibt er ein Muttersöhnchen

Es geht um den jungen Johann von Leyden, der - wie die hochgestapelten Bierkästen einer ortsansässigen Brauerei belegen - seine Schenke in Essen hat. Religiös scheint er erstmal nicht zu sein, allenfalls mag er den "Fußballgott" über seinem Bett verehren. Als ihm dann aber der salonhafte Graf die Heirat mit Freundin Berthe verwehrt und er sie gar, um das Leben der eigenen Mutter zu retten, dem Regenten überlassen muss, lässt er sich von den Wiedertäufern vereinnahmen und zum selbst ebenso willkürlich agierenden Propheten aufbauen. Im Innern allerdings bleibt er stets ein Muttersöhnchen.

Dem Regieteam gelingt in Essen geradezu eine Wiedergeburt der Grand opéra, wobei es zeigt, dass diese auf Prunk und Effekt setzende Operngattung auch ohne Massenaufzüge, spektakuläre Bühneneffekte und sogar mit nur zwei Tänzerinnen für die Balletteinlage funktioniert. Clou der Inszenierung ist die Drehbühne, die die fließenden Übergänge der Musik kongenial übersetzt.

Ein besonderes Ohr für die zarten Töne

Giuliano Carella am Pult der um Studierende der Folkwang-Uni verstärkten Essener Philharmoniker hat ein besonderes Ohr für die zarten Töne. John Osborn gestaltet den Johann mit schlankem, empfindungsvollem Tenor und freien Höhen. Lynette Tapia als seine Berthe setzt ihre Koloraturen ausdrucksstark ein. Marianne Cornetti macht Mutter Fides mit klangsinnlichem, voluminösem Alt zum Ereignis.

 

Karten unter Tel. (0201) 8122200.

 

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