Leben jenseits des Komforts

Frauenfilmfestival Dortmund

DORTMUND. Festivalleiterin Silke Räbiger hat Zahlen parat: Zum 15. Mal in Dortmund, 107 Filme aus 32 Ländern, 80 Gäste aus aller Welt, 10 Sonderreihen. Und das Leitthema heißt "Komfort". Die Rede ist vom Internationalen Frauenfilmfestival, das bis Sonntag, 19. April, volles Programm verspricht.

14.04.2015, 18:48 Uhr / Lesedauer: 2 min
Sie freuen sich auf viele gute Filme: Festivalleiterin Silke Räbiger (l.) mit Gästen und Unterstützern des Festivals. Als dritte von links ist Lena Stolze zu sehen.

Sie freuen sich auf viele gute Filme: Festivalleiterin Silke Räbiger (l.) mit Gästen und Unterstützern des Festivals. Als dritte von links ist Lena Stolze zu sehen.

Dem Publikum will Deutschlands einziges Festival für Filme von Regisseurinnen ein Maximum an Komfort bieten, während viele Arbeiten zeigen, dass die Welt außerhalb der westlichen Komfortzone alles andere als kuschelig ist.

"Ich mag Filme, die in die Gesellschaft eingreifen", sagte Lena Stolze am Dienstag beim Pressetermin im Rathaus. Die Schauspielerin ("Die weiße Rose") gehört zur Dreier-Jury, die den Spielfilmwettbewerb des Festivals unter die Lupe nimmt. Sie freue sich auf Filme, die wichtig seien und mehr abbildeten als bloß die Befindlichkeit der Macherinnen, so Lena Stolze.

Die Party-Szene von Paris

Festivalbeiträge, die es mit der Wirklichkeit aufnehmen, laufen in der Schauburg, auch im Kino im U und im Domicil. Herzstück des Festivals ist der internationale Spielfilmwettbewerb mit seinen acht Konkurrenten. Den Auftakt macht "Eden" von Mia Hansen-Löve (Mittwoch, 15.4., 20.15 Uhr, Schauburg). Eine Reise zu Clubs und Partys im Paris der 90er Jahre. Paul (Félix de Givry) und sein Kumpel Stan reiten als DJs auf der Welle von Disko-House, die auch Daft Punk nach oben spülte.

Für die läuft es prima, und anfangs sind Paul und Stan mit den berühmten Kollegen auf Augenhöhe. Lange Nächte, "kolumbianisches Marschier-Pulver" (Jay McInerney), Spaß auf der Tanzfläche. Sie basteln Tracks, beschallen Raves bis nach New York. Paul genießt den Ruhm und wechselnde Freundinnen, doch die Nächte schmecken immer schaler.

Nicht wirklich authentisch

"Eden" erzählt von einer Entzauberung auf Raten. Der Soundtrack (u. a. Daft Punk) ist superb, wirklich authentisch wirkt das Szene-Porträt nicht. Für zwölf Jahre Vollgas auf der Partypiste sehen die Akteure viel zu gesund aus, emotional bleiben sie untertemperiert, der Film lässt sich an der Oberfläche treiben.

Naomi Kawase hingegen konzentriert sich völlig auf das Innenleben ihrer Figuren. "Still The Water" (Donnerstag, 16.4., 18 Uhr, Schauburg) nähert sich zwei Teenagern auf einer japanischen Insel, die über Leben und Tod räsonieren. Nach sprödem Beginn läuft Kawases Film zu großer Wärme und rührender Zärtlichkeit auf, als die sterbende Mutter des Mädchens nach Hause kommt. Eine Reflexion über Werden und Vergehen angesichts der Ewigkeit von Wind, Wellen und Natur, die der Film in erhaben schwelgerischen Momenten im Stil eines Terrence Malick einfängt.

Groteske aus den Slums

Poetisch darf man auch Libia Stella Gomez' "Ella" nennen, eine todernste Groteske aus einem Slum Bogotas (Donnerstag, 16.4., 21 Uhr, Schauburg). Expressive Schwarzweiß-Bilder der Armut wie im italienischen Neo-Realismus. Müllsammler Alcides (Humberto Arango) hat seine Frau verloren, mit ihrer Leiche auf dem Karren läuft er von Pontius zu Pilatus, um ihr eine ehrenvolle Bestattung zu sichern. Ein Leben ist billig und zählt wenig in dieser Schattenwelt, der Tod aber ist teuer. Was tun, wenn das Begräbnis ein Vermögen kostet? Alcides, der traurige Filou, findet einen Weg. Eine meisterliche Parabel über das Elend kleiner Leute, clever und stimmig bis in den Einsatz von A-Cappella-Gesang als Musik. Filmkunst mit Herz, Seele und sozialem Gewissen. In einer traurigen Welt bar jeden Komforts kämpft Alcides tapfer um einen kleinen Zipfel von Würde.

 

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