Leipziger Orchester spielte wie vor 100 Jahren unter Nikisch

Philharmonie Essen

Große Sinfonie zu Beginn, Ouvertüre am Schluss - wer meinte, Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester Leipzig hätten am Samstag in der Philharmonie Essen das Pferd von hinten aufgezäumt, wurde vom 89-jährigen Maestro nach der Pause eines besseren belehrt: Das war genau das Programm der ersten Auslandstournee des Orchesters vor 100 Jahren unter Arthur Nikisch. Da stand Beethovens Dritte, so Blomstedt, am Anfang, "wo das Publikum noch frisch ist". Und die "Tannhäuser"-Ouvertüre war eine von zwei "Wagner-Zugaben".

ESSEN

, 20.11.2016, 13:04 Uhr / Lesedauer: 1 min
Ganz entspannt gab sich Dirigent Herbert Blomstedt beim Konzert in der Philharmonie Essen.

Ganz entspannt gab sich Dirigent Herbert Blomstedt beim Konzert in der Philharmonie Essen.

Dass Blomstedt jetzt mit Beethoven nach Essen kam, hatte aber auch noch einen anderen Grund: Der Gewandhauskapellmeister von 1998 bis 2005 erarbeitet derzeit mit dem Orchester eine Gesamteinspielung der neun Beethoven-Sinfonien, die nächsten Juli zu seinem 90. Geburtstag herauskommen soll.

Beethovens "Eroica"

Die Dritte, die "Eroica", legte er dabei am Samstag weniger heroisch als vielmehr lyrisch und klangschön an. Da hatte man über weite Strecken den Eindruck, ein Geschwisterwerk der "Pastorale" zu hören.

Selbst im Trauermarsch modellierte Blomstedt eher die Melodie, was denn etwas zulasten der rhythmischen Präzision ging. Überdies waren seine eher kantigen Bewegungen immer besonders klein, wenn leise gespielt werden sollte.

Die Musiker indes genossen ihren Beethoven, wirkten gleichermaßen motiviert und freudig entspannt. Die Hörner allerdings schienen dabei ihren allerersten Einsatz (was sich bei Strauss wiederholte!) etwas zu sehr auf die leichte Schulter zu nehmen; anschließend waren sie jeweils voll in der Spur.

Jungbrunnen Romantik

Die Tondichtung "Tod und Verklärung" von Richard Strauss spielte das Gewandhausorchester mit sehr feinen Holzbläsern, schwelgerischen Streichern und sattem Blech. Hier, wie dann auch in Wagners stimmungsvollem "Waldweben" und seiner "Tannhäuser"-Ouvertüre, formte Blomstedt die Musik mit ausladenderen, runderen Gesten. Er blühte förmlich mit auf, als sei die deutsche Romantik sein Jungbrunnen.