Life Streaming: Mit nackten Füßen ans andere Ende der Welt

Schauspielhaus Bochum

8000 Kilometer entfernt, ans andere Ende der Welt, führt der niederländische Theatermacher Dries Verhoeven mit seiner Inszenierung "Life Streaming". Es wird ein amüsanter, aber auch nachdenklich machender und manchmal irritierender "Ausflug".

von von Ronny von Wangenheim

, 01.10.2010, 19:38 Uhr / Lesedauer: 2 min
Auch Intendant Anselm Weber mischte sich unter die Besucher der Premiere von "Life Streaming".

Auch Intendant Anselm Weber mischte sich unter die Besucher der Premiere von "Life Streaming".

Erst einmal müssen alle die Schuhe ausziehen. 8000 Kilometer entfernt, so heißt es, sind sie auch barfuß. Dafür haben sie es sicher wärmer als wir. Das gilt es heraus zu finden. Meine Füße werden auf jeden Fall immer eisiger. Und schon bin ich drin, im auf Englisch geführten „Gespräch“. Warm und sonnig sei es, bestätigt Yash, wie sich der junge Mann, den ich auf dem Monitor sehe, vorstellt. Mehr will er noch nicht verraten. Will lieber wissen, wo ich wohne. Google map hilft. Irgendwann gehen die Jalousien runter, Bochum verschwindet. In geschickt miteinander verschränkten Chatphasen und eingespielten Bildern meines Gesprächspartners mitsamt offensichtlich vorformulierten Texten werde ich hinein gelenkt in eine Begegnung, die auf vielerlei Weise spannend wird.

Dries Verhoeven spielt mit unseren Vorstellungen von der Dritten Welt. Yash und seine 19 Kollegen berichten von ihrer Kultur, von ihrem Umgang mit dem Tod, von Wiedergeburt und der Zerstörung, die der Tsunami ihrer Heimat beschert hat. Will er Kontakt mit mir oder will er gar meine Hilfe? Und wie reagiere ich darauf? Auch unsere Bereitschaft, im Internet völlig Fremden unser Leben zu erzählen, unser Innerstes nach Außen zu kehren, thematisiert Verhoeven geschickt.

Vertrauen, was ist das? Und warum nur tippt mein Nachbar wie verrückt in die Tasten, während ich zwischendurch auch mal ganz einsilbig werde. Den Verlauf dieser „Weltverbindung“, die ja letztendlich eine Inszenierung ist, kann ich nur unwesentlich beeinflussen. So mischt sich ganz kalkuliert auch manch Unbehagen in das Vergnügen. Mit schönen Bildern entlässt Dries Verhoeven uns 20 am Ende in die Bochumer Realität. Und die Füße sind auch wieder warm.