Lockdown hier, Öffnung dort: Wieso läuft’s beim Tourismus an der Küste so unterschiedlich?

Coronavirus

In Sachen Tourismus ist der Norden Deutschlands gerade ziemlich unterschiedlich unterwegs. Während die Einen in das erste Tourismusmodell starten, gilt bei den Anderen ein harter Lockdown.

von Maike Geißler

, 21.04.2021, 09:20 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Chancen auf Urlaub an der Küste fallen in Norddeutschland sehr unterschiedlich aus.

Die Chancen auf Urlaub an der Küste fallen in Norddeutschland sehr unterschiedlich aus. © picture alliance/dpa

Tagesausflüge sind nur noch eingeschränkt möglich, Dauercamper und Zweitwohnungsbesitzer müssen ausreisen: Mecklenburg-Vorpommern hat die Regeln weiter verschärft, vorerst für vier Wochen. Hotels, Campingplätze und Ferienwohnungen sind seit dem 2. November geschlossen, die Einreise für Ausflügler oder Urlauber aus anderen Bundesländern ist ebenfalls seit Monaten verboten.

Und Menschen, die dauerhaft in Mecklenburg-Vorpommern leben, dürfen derzeit nicht für eine Tagestour auf die Insel Usedom oder in den Landkreis Mecklenburgische Seenplatte fahren. Außerdem wurden die Kontaktbeschränkungen wieder verschärft: Angehörige eines Haushalts und nicht zusammenwohnende Paare dürfen sich nur noch mit einer weiteren Person treffen.

Anders sieht die Lage im Nachbarland Schleswig-Holstein aus: Die Außengastronomie darf vielerorts öffnen, Reisen in die Schlei-Region mit dem Ostseebad Eckernförde sind für alle Menschen aus Deutschland wieder möglich. Dort ist am Montag das erste von vier Tourismusmodellprojekten gestartet: Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätze dürfen wieder Urlauber beherbergen, Voraussetzung dafür ist ein strenges Corona-Testregime.

Die Lübecker Bucht, der Kreis Dithmarschen mit Büsum sowie Nordfriesland wollen zwischen Ende April und Anfang Mai ebenfalls im Rahmen von Modellprojekten öffnen.

Corona-Lage in Küstenländern unterschiedlich

Grund für diese konträre Situation sind die unterschiedlichen Corona-Infektionszahlen. „Die Voraussetzungen sind bei uns anders, die Inzidenzwerte sprechen eine eindeutige Sprache“, sagt Schleswig-Holsteins Tourismus- und Wirtschaftsminister Bernd Buchholz dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Denn während die Sieben-Tage-Inzidenz in Mecklenburg-Vorpommern bei 142,1 liegt, steht Schleswig-Holstein mit einem Wert von 72,1 deutlich besser dar. Es ist das einzige Bundesland in Deutschland mit einer Inzidenz von weniger als 100.

Warum Schleswig-Holstein so gut dasteht? Infektionsforscher und Epidemiologen verweisen unter anderem auf die geografische Lage, die ein Vorteil sein könnte: Das Bundesland hat aufgrund der Lage an Ostsee und Nordsee relativ wenig Landgrenzen. Außerdem sei es ein Flächenland mit relativ dünner Besiedlung, was das Social Distancing erleichtere, sagt Prof. Alexander Katalinic, Direktor des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologe am Universitätsklinikum in Lübeck, dem RND.

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Die Ausgangsvoraussetzungen für Modellprojekte sind in Schleswig-Holstein also prädestiniert – es ist bisher auch das einzige Küstenbundesland, das Modellversuche wagt. „Wir müssen einfach lernen, mit dem Virus zu leben. Bis wie höhere Impfquoten haben, wird es darum gehen, wie wir mit Testszenarien und wie wir dem Hereintasten in mehr Möglichkeiten umgehen können“, so Buchholz. Deshalb sei es wichtig, Modelle zu schaffen, die zeigen, was gut und weniger gut funktioniere.

Pilotprojekte dürfen laut dem Beschluss der letzten Ministerpräsidentenkonferenz nur „in Regionen mit niedriger Inzidenz“ ermöglicht werden. Im Kreis Rendsburg-Eckernförde ist das der Fall: Die Inzidenz liegt jüngsten Zahlen zufolge bei etwa 50. Anders sieht es im Kreis Dithmarschen aus: Er wollte eigentlich auch am vergangenen Montag öffnen, verschiebt den Start aber um rund einen Monat. Weil die Zahlen steigen.

„Es ist keinem damit gedient, wenn wir jetzt öffnen und nach ein, zwei, drei oder fünf Tagen dann wieder schließen müssen“, hatte Büsums Bürgermeister Hans-Jürgen Lütje (FWB) dem NDR gesagt. Das sei schlecht für Gastronomen, Hoteliers und Gäste – und letztlich auch für das Image des Ostseeortes. Buchholz bezeichnet dieses Vorgehen als „sehr verantwortungsbewusst“.

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Schwesig: „Sind das Land mit den härtesten Reisebeschränkungen“

Aber auch abseits der Modellprojekte war Mecklenburg-Vorpommern im Verlauf der Pandemie nie mit Tourismusöffnungen nach vorn geprescht, im Gegenteil: „Wir sind das Land mit den härtesten Reisebeschränkungen. Und dazu stehen wir“, zitierte die „Ostsee-Zeitung“ Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) am Samstag. Schon vergangenes Jahr hatte das Bundesland so hart durchgegriffen wie kein anderes und beispielsweise als Erstes die Test- und Quarantänepflicht für Reiserückkehrer aus Risikogebieten – egal ob im In- oder im Ausland – eingeführt.

Reiseforscher Jürgen Schmude zeigt sich aber optimistisch, dass die Reisebeschränkungen auch in Mecklenburg-Vorpommern wieder weniger werden: „Ich denke, dass Urlaub analog zum Sommer 2020 überall in Deutschland möglich sein wird.“ Allerdings befürchte er, dass sich der „Wildwuchs“ in Bezug auf Maßnahmen wie der Besucherlenkung verschärfen könnte, für die es bereits jetzt eine Vielzahl unterschiedlicher Apps gebe.

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„Es fehlt eine übergreifende Lösung“, so Schmude. „Ich befürchte, Urlauber werden sich für fast jede Destination eine neue App heraussuchen müssen, sei es für den Strand- oder den Restaurantbesuch.“

Damit könnte also auch für den Sommer gelten: In puncto Tourismus läuft vieles regional unterschiedlich.

RND

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