Lockdown, Maske, Quarantäne: Das kannten schon unsere Vorfahren

Coronavirus

Pandemien und Seuchen gehören zur Geschichte der Menschheit dazu und forderten unzählige Opfer. Immer waren auch die Maßnahmen zur Bekämpfung umstritten.

28.09.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Maskenpflicht hat es schon früher als Maßnahme gegen Seuchen gegeben.

Die Maskenpflicht hat es schon früher als Maßnahme gegen Seuchen gegeben. © picture alliance/dpa

Stehen wir Seuchen genauso hilflos gegenüber wie unsere Vorfahren? Manchmal scheint es so zu sein. Und die Maßnahmen von heute waren schon damals umstritten: Grenzen offen? Gesichter verhüllt? Zweite Welle durch verfrühte Lockerungen? Unser Kampf gegen das Coronavirus wirkt in vielem wie ein fernes Echo. Schon unsere Ahnen reagierten mal hilflos und aktionistisch, mal aber auch klug und weitsichtig im Kampf gegen Seuchen.

Die Antoninische Plage dauerte 20 Jahre

Die Antoninische Plage kam im Jahr 165 nach Christus über Rom. Das römische Weltreich dürfte sich den bis dato unbekannten Erreger – vermutlich die Pocken – eingefangen haben, weil es für die nach Spielen dürstenden Bürger in Ostafrika wilde Tiere für die Arenen einfangen ließ. Die Antoninische Plage dauerte 20 Jahre.

Weltweit könnten rund 60 Millionen Menschen betroffen, jeder zehnte römische Bürger gestorben sein, darunter ein Großteil der Berufssoldaten. Im globalisierten Weltreich schlug die Seuche an den Handelsachsen zu, mit der Geschwindigkeit von marschierenden Soldaten erreichte sie über die Straßen jeden Winkel des Imperiums.

Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston, USA (Aufnahme von 1918).

Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston, USA (Aufnahme von 1918). © National Museum of Health and Medicine/dpa

Doch die Seuche war nicht das einzige Problem von Marcus Aurelius. Rom befand sich im Krieg mit den Parthern, deren Territorium sich über die Krisenherde von heute erstreckte: Syrien, Iran, Irak, die Osttürkei. Zwar siegten die Römer, doch Germanen überschritten die entblößte Donaugrenze genau in der Phase, in der die Pocken ausbrachen. Unter den heimkehrenden siegreichen Soldaten des Orientfeldzuges grassierte die Seuche bereits.

Militär hat keine Priorität

Wie der Kaiser auf diese doppelte Bedrohung reagierte, fanden Forscher des Österreichischen Archäologischen Instituts in Slowenien heraus. Stefan Groh, stellvertretender Direktor des Instituts, untersuchte zwischen 2015 und 2018 die Überreste eines römischen Militärlagers, das 170 nach Christus an der alten Bernsteinstraße errichtet wurde, um das italienische Kernland vor den Barbaren zu schützen – und den Blattern.

Das Bemerkenswerte: Trotz des militärischen Drucks aus dem Norden gaben Roms Militäringenieure nicht den Truppen die Priorität. Der Bau der Baracken begann als letztes und nur für zwei statt sechs Kohorten, also höchstens 1500 Soldaten. Fertiggestellt wurden nur ein „übergroßer Getreidespeicher“, so Groh, mit dem man 5000 Menschen ein Jahr lang versorgen konnte, und ein überdimensioniertes Heeresspital, das 500 Erkrankte versorgen konnte.

Lager bewusst abgebrannt?

Römische Militärlager mit 6000 Soldaten hatten normalerweise Stationen für 150 bis 160 Kranke. „Analogien zu den aus dem Boden gestampften Spitalbauten in Wuhan und befürchteten Nahrungsmittelengpässen tun sich da auf“, schreibt der Archäologe in einem Blog für den „Standard“.

Auf der Website seines Institutes vermutet Groh, dass das Spital möglicherweise dazu gedient habe, „neu rekrutierte Soldaten vor Dienstantritt unter Quarantäne zu stellen, um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Oder das Lager könnte ein Kontrollpunkt gewesen sein, um Soldaten auf dem Weg nach Hause auf Krankheitserscheinungen zu untersuchen.“ Nach seiner Nutzung „wurde es bewusst abgebrannt“. Die Angst vor der unbekannten Krankheit überlagerte die vor den lästigen, aber bekannten Germanen.

Quarantäne gab es schon im 14. Jahrhundert in Venedig

Als EU-Grenzer im März 2020 überall die Schlagbäume herunterließen, ahmten sie also unbewusst die alte Strategie Roms nach. Wer heute für zwei Wochen in häusliche Quarantäne geht, kopiert ein Konzept, das Venedig im 14. Jahrhundert erfand. Damals mussten Schiffe, die aus dem östlichen Mittelmeer kamen, zunächst 40 Tage vor Anker liegen, eine „quarantena“, bevor die Besatzung von Bord durfte. Für Pestkranke richteten die Venezianer 1423 auf der Laguneninsel Santa Maria di Nazareth ein „nazaretto“ ein, aus dem später ein „lazzaretto“ wurde.

Leider wurden Pandemien im Laufe der Geschichte schneller. Zu Zeiten der Römer reisten Krankheitserreger im Fußgängertempo, zu Zeiten der Venezianer in dem von Segelschiffen, im Ersten Weltkrieg in der Geschwindigkeit von Dampfschiffen, also Truppentransportern.

Social Distancing war schon 1918 Standard

Als die Spanische Grippe 1918 mehr Soldaten tötete als die Kriegsmaschinerie, griffen die Ärzte zur Gazemaske. In Tucson im US-Bundesstaat Arizona verfügte die Behörde, dass an öffentlichen Orten „unbedingt Masken zu tragen sind, die aus wenigstens vier Lagen Käseleinen oder sieben Lagen gewöhnlicher Gaze bestehen und Nase wie Mund bedecken“. Über deren Wirksamkeit wurde schon damals gestritten, ebenso über die von Desinfektionsmitteln. „Absolut nutzlos“, sagte der Direktor des Pasteur-Instituts, Émile Roux, nachdem zuvor Pariser Metrostationen mit Chlorbleiche desinfiziert worden waren.

Social Distancing war schon 1918 Standard, als die wohl verheerendste Seuche der Menschheitsgeschichte mindestens 20 Millionen Opfer forderte. Im Oktober schloss Cuxhaven die städtische Mädchenschule, nachdem von 700 Schülerinnen 250 von der Grippe befallen waren. Auch in Budapest gingen die Schulen in den Lockdown. In Lüneburg erkrankten von 18 Fernsprechbeamtinnen 14. Männer mussten die „Fräuleins vom Amt“ ersetzen. Hamburg verlängerte wegen der Grippe die Herbstferien, der Konfirmationsunterricht wurde ausgesetzt, Gerichte schlossen, nachdem Richter im Fieber lagen.

Die Kleidung eines Pestarztes aus dem siebzehnten Jahrhundert.

Die Kleidung eines Pestarztes aus dem siebzehnten Jahrhundert. © Rijksmuseum Boerhaave/dpa 

Mitte September änderten sich die Formeln in den Todesanzeigen der Gefallenen. Hieß es vorher: „Er starb den Heldentod“, „nach schweren Kämpfen“ oder „erlitt einen Kopfschuss“, fanden sich nun Formulierungen wie „ist dem Kriege zum Opfer gefallen“, „kurzes, schweres Leiden“ oder ganz offen „infolge von Lungenentzündung und Grippe“. Überproportional viele 15- bis 22-Jährige wurden in diesen Wochen in der Heimat betrauert. Der Erreger kaperte das besonders kampfstarke Immunsystem junger Menschen und wendete es gegen sie.

Zweite Infektionswellen tobten durch jedes Land. In San Francisco, weil die unbeliebte Maskenpflicht am 21. November aufgehoben wurde. In Deutschland, weil eine neue Infektion die Menschen zurück auf die Straßen brachte: das Revolutionsbazillus. Die Infektionszahlen schnellten hoch, am 21. Oktober schlossen die Schulen ein zweites Mal.

RND

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