Loveparade-Unglück kommt doch vor Gericht

Überraschende Wende

Die Loveparade-Katastrophe in Duisburg wird nun doch in einem Strafprozess aufgearbeitet. Das hat das Düsseldorfer Oberlandesgericht angeordnet, wie ein Sprecher am Montag mitteilte. Bei der Katastrophe waren vor sieben Jahren 21 Menschen ums Leben gekommen und über 600 verletzt worden. Die Anwälte der Verantwortlichen schließen eine Verurteilung allerdings aus.

DUISBURG

24.04.2017, 10:55 Uhr / Lesedauer: 4 min
Die Loveparade-Katastrophe von 2010 wird nun doch vor Gericht verhandelt.

Die Loveparade-Katastrophe von 2010 wird nun doch vor Gericht verhandelt.

Das Landgericht in Duisburg hatte die Anklage gegen zehn Beschuldigte mangels Erfolgsaussichten zunächst nicht zur Verhandlung zugelassen. Dagegen hatten die Staatsanwaltschaft und verschiedene Nebenkläger Beschwerde eingelegt.

Oberlandesgericht sieht Verurteilung für wahrscheinlich

Das Oberlandesgericht hält eine Verurteilung der Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung im Gegensatz zum Landgericht jedoch für hinreichend wahrscheinlich. Das Ermittlungsergebnis lege nahe, dass die unzureichende Dimensionierung und Ausgestaltung des Ein- und Ausgangssystems bei der Loveparade 2010 zu der Katastrophe geführt haben. Das Gutachten des Sachverständigen Keith Still sei entgegen der Annahme des Landgerichts in der Hauptverhandlung verwertbar.

Von einer Befangenheit und Voreingenommenheit des Gutachters sei nicht auszugehen. Auch sieht der Senat keine Anhaltspunkte für eine unzulässige Einflussnahme auf den Sachverständigen. Die vom Landgericht kritisierten angeblichen Mängel des Gutachtens sehe das Oberlandesgericht in entscheidenden Punkten nicht. 

Anwälte der mutmaßlichen Verantwortlichen schließen Verurteilung aus

Im Gegensatz zum Oberlandesgericht schließen die Anwälte eines der angeklagten mutmaßlichen Verantwortlichen eine Verurteilung im neu angeordneten Prozess aus. „Das Gutachten [...] mag allenfalls - wenn überhaupt - für einen Verdacht reichen, für eine Verurteilung aber sicher nicht“, sagte Philip von der Meden in Hamburg. Eine Beweisfindung werde hochproblematisch, weil es auf dem Gebiet der Veranstaltungsplanung keine gesicherten Erkenntnisse gebe.

Das Landgericht in Duisburg hatte die Anklage gegen zehn Beschuldigte zunächst mangels Erfolgsaussichten nicht zur Verhandlung zugelassen. Dagegen hatten die Staatsanwaltschaft und verschiedene Nebenkläger erfolgreich Beschwerde eingelegt.

Auch Verteidiger Ioannis Zaimis betonte, eine Anklage besage noch nichts über eine etwaige Verurteilung. „Eine Verurteilung erscheint nach allem, was bislang vorliegt, nahezu ausgeschlossen.“ Das Landgericht werde nun vor der schwierigen Aufgabe stehen, einen hochemotionalen Prozess in rationale Bahnen zu lenken, sagte der Jurist. Die Kanzlei der beiden Anwälte verteidigt einen der vier angeklagten Mitarbeiter des Loveparade-Veranstalters.

Termin für den Loveparade-Prozess steht noch nicht fest

Das Landgericht Duisburg kann noch keinen genauen Termin für den Beginn des Loveparade-Prozesses nennen. Die 6. Große Strafkammer sei mit dem Verfahren bislang nicht befasst gewesen, sagte Gerichtssprecher Matthias Breidenstein. Sie müsse sich nun in den umfassenden Stoff neu einarbeiten. „Angeklagte wie Nebenkläger haben ein Recht darauf, dass die Kammer gut vorbereitet ist.“ Nach Angaben des Opfer-Anwalts Thomas Feltes verjähren im September 2020 allerdings alle Verfahren. Bis dann müsse der Prozess abgeschlossen sein, sonst platze das Verfahren, warnte er.

Das Oberlandesgericht Düsseldorf hatte zuvor die Hauptverhandlung angeordnet und das Verfahren an das Landgericht Duisburg zurückverwiesen. Dessen 5. Große Strafkammer hatte vor gut einem Jahr die Anklage nicht zur Hauptverhandlung zugelassen.

Die zeitliche Schiene des Verfahrens sei allen Beteiligten und auch dem Gericht bewusst, sagte Breidenstein weiter. „Wann das Verfahren zum Abschluss gebracht werden kann, wird auch vom Verhalten der Verfahrensbeteiligten in der Hauptverhandlung abhängen.“ 

Veranstalter meldet sich zu Wort

Der Veranstalter der tödlich geendeten Loveparade, Rainer Schaller, hat den angeordneten Strafprozess zu dem Unglück in Duisburg begrüßt. „Ich bin froh, dass es einen Prozess geben wird und vertraue auf das deutsche Rechtssystem. Dieses wird Klarheit darüber bringen, was damals wirklich geschah“, erklärte Schaller am Montag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Gerade für Angehörige und Verletzte sei es enorm wichtig, dass die Verantwortlichen gefunden würden. „In Duisburg fand keine Naturkatastrophe statt, sondern Menschen haben Fehler gemacht.“

Einen ausführlichen Rückblick auf die Berichterstattung seit der Loveparade-Katastrophe haben wir für Sie in unserem interaktiven Spezial gesammelt:

Ehemaliger Duisburger OB rechnet mit Zeugenaussage

Nach der Anordnung eines Loveparade-Strafprozesses rechnet der ehemalige Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland mit einer Zeugenaussage. „Ich gehe davon aus, als Zeuge geladen zu werden und werde dieser Pflicht selbstverständlich nachkommen“, sagte der 61-Jährige am Montag „bild.de“. „Ansonsten habe ich damit nichts zu tun, und auch mit der Politik habe ich nichts mehr zu tun. Es geht mir so weit gut.“ Der CDU-Politiker war als OB nach der Massenpanik 2010 massiv in die Kritik geraten, weil er nicht die Verantwortung für das Unglück übernommen hatte. 2012 wurde er abgewählt. 

Strafprozess soll in Kongresszentrum stattfinden

Der Loveparade-Prozess wird nach Einschätzung des Düsseldorfer Oberlandesgerichts wie ursprünglich geplant in einem Kongresszentrum auf dem Gelände der Messe Düsseldorf stattfinden. Wann die Hauptverhandlung beginne, entscheide das Landgericht Duisburg, sagte OLG-Sprecher Andreas Vitek am Montag. Entsprechende Verträge über die Anmietung der Räumlichkeiten waren bereits im Februar 2014 geschlossen worden. In keinem Gericht in der Nähe hatte sich zuvor ein ausreichend großer Saal ausfindig machen lassen.

Das Gericht ging seinerzeit davon aus, dass der Verhandlungssaal im Kongresszentrum mehr als 450 Personen Platz bieten könne. Angeklagt sind zehn Beteiligte. Hinzu kommen zahlreiche Nebenkläger. Nach früheren Angaben beläuft sich die Miete einschließlich der Nebenkosten auf 14.000 Euro pro Verhandlungstag.

Erleichterung bei den Anwälten

Erleichtert haben die Anwälte der Loveparade-Opfer auf die Entscheidung für einen Strafprozess reagiert. „Das kommt unerwartet, aber es ist sehr erfreulich“, sagte Professor Thomas Feltes der Deutschen Presse-Agentur am Montag in Bochum. Er vertritt einen Vater, dessen Tochter bei dem Technofestival am 24. Juli 2010 ums Leben kam.

Anwältin Bärbel Schönhof betonte, ein möglicher Freispruch sei für die Opfer zwar schwer zu verkraften. Aber es sei wichtig, den Sachverhalt aufzuarbeiten. „Es muss geklärt werden, was passiert ist, wo Fehler gemacht wurden“, sagte Schönhof, die mehrere Opfer vertritt. Mit einem zügigen Prozessbeginn rechnet sie nicht: „Ich habe da meine Zweifel, Messehallen sind ja weit im Voraus ausgebucht.“

Ich bin erleichtert“, sagte auch Gregor Hecker, der als Ersthelfer vor Ort versucht hatte, ein junges Mädchen zu reanimieren. „Endlich können für mich wichtige Fragen beantwortet werden.“ Ihn interessiere besonders, warum die Funkkommunikation der Einsatzkräfte damals nicht funktioniert habe, sagte Hecker der dpa.

Auch nach Einschätzung des Düsseldorfer Anwalts Julius Reiter hatten viele Opfer die Hoffnung auf eine Aufarbeitung bereits aufgegeben. „Die Richter werden sich nun im Strafprozess mit den Versäumnissen der Verantwortlichen rund um die Loveparade-Katastrophe auseinandersetzen müssen“, sagte Reiter, dessen Kanzlei rund 100 Betroffene vertritt, darunter die Angehörigen von vier Todesopfern. „Dies ist eine Erleichterung für die Opfer, die schon so lange auf die Aufklärung warten.“ Für die Duisburger Richter sei die neue Entscheidung dagegen eine „Ohrfeige“. 

Auch Kraft zeigt sich erleichtert

Auch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat sich erleichtert darüber geäußert, dass es nun doch einen Strafprozess zur Loveparade-Katastrophe geben wird. „Die ursprüngliche Ablehnung eines gerichtlichen Strafverfahrens war eine schwere Belastung für die Angehörigen und Familien der Opfer“, sagte Kraft am Montag in Düsseldorf. Dies sei ihr in den Gesprächen und Begegnungen mit den vielen Verletzten und Traumatisierten bewusst geworden. „Vor diesem Hintergrund ist es gerade für sie alle, aber auch das Gerechtigkeitsempfinden allgemein eine wichtige Nachricht, dass die Frage der Schuld nun doch von einem Gericht aufgearbeitet wird“, sagte Kraft in einer persönlichen Stellungnahme.  

Die Aktenberge der Loveparade-Ermittlungen 

Der 2. Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf hatte in den vergangenen Monaten viel zu lesen. Loveparade-Anklage: 556 Seiten. Nichteröffnungsbeschluss Landgericht Duisburg: 460 Seiten. Zudem die Beschwerdebegründung der Staatsanwaltschaft gegen diesen Beschluss: 750 Seiten. Das alles auf der Grundlage der sogenannten Hauptakte, die bereits vor einem Jahr, im April 2016, 47.000 Blatt in 99 Ordnern umfasste. Hinzu kamen schon damals mehr als 800 Ordner mit weiteren Unterlagen. Von den 1000 Stunden Videomaterial ganz zu schweigen. Das alles wertete das OLG seit September 2016 für seine jetzige Entscheidung aus. 

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von dpa