Martin Scorseses „Silence“ ist eine Geduldsprobe

Neu im Kino

Bekannt ist er eher für Filme über Mafiosi, Mord und Totschlag, nun aber denkt Martin Scorsese fast drei Kinostunden lang über die christliche Moral nach, wenn er (dem Roman eines japanischen Katholiken folgend) zwei Jesuiten in das Reich der aufgehenden Sonne schickt und sie leiden lässt.

DORTMUND

, 01.03.2017, 14:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
Martin Scorseses „Silence“ ist eine Geduldsprobe

Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Pater Ferreira (Liam Neeson) ringt mit sich und seinem Glauben. Foto Concorde

Die Handlung von "Silence" setzt im Jahr 1633 ein, als Gerüchte den Orden in Portugal erreichen: Ausgerechnet Jesuitenpater Ferreira (Liam Neeson) sei im fernen Japan vom Glauben abgefallen und diene nun einem anderen Herrn, einem japanischen Fürsten. Kann das sein?

Ferreira, der Fels in der Brandung, ein Verräter an der Kirche? Die Padres Sebastiao (Andrew Garfield) und Francisco (Adam Driver) reisen nach Japan, um der Sache auf den Grund zu gehen. Heimlich gehen sie an Land und merken, dass den Katholiken der Wind ins Gesicht bläst. Auf Christen steht ein Kopfgeld, Japans Adel will die fremde Religion ausmerzen.

Passionsgeschichte

Die beiden stoßen auf ein Dorf armer Bauern, die förmlich hungern nach den Sakramenten. Sie sind Christen, dürfen es aber nicht zeigen. Die Padres werden gebraucht (was ihnen schmeichelt), wollen aber Ferreira finden. Es sind die Häscher der Inquisition, die Sebastiao finden. Sie kreuzigen Christen, die Jesus nicht abschwören und verschleppen den Priester.

Hier beginnt Sebastiaos Passionsgeschichte, die ihn den Alleinvertretungsanspruch der Kirche und die Mission in Japan mit anderen Augen sehen lässt. Das Resultat einer brutalen Gehirnwäsche, teils auch Ferreiras Einfluss, der diesen Prozess vor Sebastiao durchlaufen hat.

Umtreibende Fragen

"Silence" stellt Fragen, die vermutlich auch Martin Scorsese umtreiben, der schon 1988 mit "Die letzte Versuchung Christi" über Gottes Werk und Teufels Beitrag nachdachte. Sebastiao ringt um Antwort: Bin ich egoistisch, wenn ich an Gott festhalte, obwohl ein Tritt auf das Jesusbild das Leben anderer rettet? Ist unser Märtyrerkult nicht ähnlich unmenschlich wie das Blutgericht des Inquisitors? Meint missionieren nicht doch unterwerfen?

Das sind Fragen, für deren Formulierung der Film quälend lange braucht. Die Gewissensnot des Priesters wird zur Geduldsprobe für die Zuschauer.

Absage an den Fanatismus

Der Film ist toll fotografiert und ansprechend gespielt, doch die Geschichte meditiert zäh in die Breite, verweilt so träge in philosophischer Introspektion, dass die Langeweile nur einen Hauch entfernt ist. Man kann "Silence" als vage Absage an den Fanatismus jeglicher Couleur verstehen, doch mit klareren Statements wollte Scorsese uns wohl nicht belästigen.