"Meine Texte sind ein Urschrei des Seins"

Daniel Puente Encina

Schon als Jugendlicher machte er mit explosiven Auftritten in seinem Heimatland Chile von sich reden - heute gilt er als musikalischer Rebell: Daniel Puente Encina tritt am Donnerstag (8.1.) im Domicil auf. Hannah Schmidt sprach mit ihm über sein Image, die Liebe zur Musik und den Unwillen, sich unterzuordnen.

DORTMUND

, 05.01.2015, 16:24 Uhr / Lesedauer: 5 min
"Meine Texte sind ein Urschrei des Seins"

Daniel Puente Encina tritt am Donnerstag im Domicil auf.

Daniel Puente Encina spielt im Domicil, Hansastraße 7.11, am Donnerstag (8.1.) um 20 Uhr.

Ich war schon immer ein kritischer Denker und habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich gegen das ungerechte und das auf Dauer nicht funktionierende System bin. Auf der anderen Seite hasse ich offensichtliche Protestlieder, die einem Lektionen darin erteilen wollen, wie man handeln oder denken sollte. So beabsichtige ich, selber immer poetisch zu sein und versuche die Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen, die in uns allen wohnen, in denen das Individuum und unsere Gesellschaft einem ultramächtigen, fremden und gefühlskalten System ohnmächtig und einflusslos gegenüberstehen. Aber es ist genau diese unbedeutende und zarte Stimme, die mich interessiert, denn sie ist frei und authentisch. Meine Musik unterwirft sich weder dem Markt noch der politischen Korrektheit und manchmal ergeben meine Songtexte nicht einmal einen wirklichen Sinn, da sie sich nicht der Vernunft unterordnen. Sie sind vergleichbar mit einem Bild, dem Urschrei, dem Ursprung des Seins und das passiert nur in der Kunst. 

Ich glaube, dass die Musik eine der grundlegenden Beschäftigungen der menschlichen Kultur ist. Es ist eine Vorstellung der Natur und demzufolge eine Huldigung des Lebens. Heutzutage ist das Genießen von Musik kompliziert geworden, vor allem durch ihre Entwicklung in der westlichen Welt. Der natürliche Bezug zur Musik ist verloren gegangen. Früher gab es bei jedem Fest in jedem Dorf Musiker, die unterhielten und spielten und gemeinsam mit den Gästen verschiedene Musikstile und Rhythmen entwickelten und das alles passierte ganz spontan. Heute sehe ich das komplizierter. Die Musik von heute ist überproduziert, angepasst an einen Markt und eine Logistik, die mehr daran interessiert ist, das maximale Kapital aus den Künstlern zu schlagen als eine reiche, komplexe und vor allem menschliche Kultur, wie die Musik es nun einmal ist, zu erschaffen. Gute Musik entwickelt sich meiner Meinung nach nur in einem aktiven Umfeld zwischen Musikern und Zuhörern. Heute wird Musik nur noch konsumiert und sie wird immer weniger abwechslungsreicher und eintöniger obwohl noch nie soviel Musik gehört wurde wie heute. Ich liebe Musik über alles und kann ohne sie nicht leben. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Existenz, sie nährt mich, gibt mir neue Kraft und nimmt mich mit auf eine Reise ins Unbekannte, ins Mysteriöse...Ins Leben eben.

Alle diese Musikstile wurden auf dem neuen Kontinent, in Amerika, entwickelt und alle haben einen gemeinsamen grundlegenden Faktor und zwar die Musik der afrikanischen Sklaven mit ihrer unglaublichen Musikalität und ihrer einflussreichen ethnischen Volksmusik. Diese wundervolle Grundlage mische ich mit europäischen Elementen aus Ost und West. Mein Stil ist der Stil, der in Amerika bereits seit Jahrhunderten vorherrscht, der natürliche Rhythmen mit inspirierender Poesie vereint. 

Ja, na klar, sind das alles Eigenkompositionen. Meine Kompositionen fließen aus mir heraus, sie entwickeln sich einfach so beim Spielen. Mich beschäftigt wohl das, was alle beschäftigt. Liebe, Freundschaft, Politik, Kunst und Natur. Meine Songs sind wie kleine Drehbücher, die ich in Musik umwandele. In allen diesen Jahren habe ich versucht, das zu entwickeln, was man in der Literatur "seine eigene Stimme" nennt. Natürlich lasse ich mich von existierenden Stilen inspirieren und finde jedoch immer wieder zu meinem ganz eigenen Stil. Ich spiele das, was ich bin. Das ist eine Sache des Seins, der Authentizität. Selbst bei einer guten Interpretation sollte man immer wie man selbst klingen.  

Den Großteil der Zeit, wenn ich nicht gerade auf Tour bin, verbringe ich in Barcelona oder in Berlin. Ich würde liebend gerne nach Chile zurückgehen und sogar dort leben, aber mein bisheriges Leben hat mich in andere Richtungen gelenkt und ausserdem liebe ich es, zu reisen und Europa zu entdecken. In Chile sind die "Los Pinochet Boys" bekannt wie ein bunter Hund, es gibt Dokumentarfilme und Bücher und sogar eine TV-Serie über die Band. Ich bin nicht besonders nostalgisch und konzentriere mich lieber auf das, was mir die Zukunft noch bieten wird. Ich habe noch sehr viele große Träume, die ich privat und auch als Künstler leben möchte.   Ich denke, dass ich in den letzten Jahren genug Anerkennung bekommen habe, um mir selbst treu zu bleiben und mich immer noch von dem selben inneren Feuer leiten lasse, das schon in mir gebrannt hat, als ich mit der Musik angefangen habe. Das ist die Leidenschaft zur Musik. Ich habe mich zu dem entwickelt, der ich immer sein wollte. ein authentischer Musiker mit eigenem Stil.

Daniel Puente Encina spielt im Domicil, Hansastraße 7.11, am Donnerstag (8.1.) um 20 Uhr.

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