Menschen kämpfen um ihre Selbstbestimmung

Schauspielhaus Bochum

Diese Zusammenarbeit bleibt erfolgreich: Anselm Weber, Intendant des Bochumer Schauspielhauses, hat erneut einen neuen Stoff des Autorenteams Lutz Hübner/Sarah Nemitz inszeniert und für eine umjubelte Premiere in den Kammerspielen gesorgt: "Wunschkinder" ist großes Schauspieler-Theater.

BOCHUM

, 30.05.2016, 14:52 Uhr / Lesedauer: 1 min
Maja Beckmann (Heidrun), und Sarah Grunert (Selma).

Maja Beckmann (Heidrun), und Sarah Grunert (Selma).

Die Darsteller brillieren, indem sie echte Alltags-Menschen spielen und so ein großes Identifikationsangebot machen, das die Zuschauer gerne annehmen. Nicht selten drücken sie durch zustimmendes Nicken oder wissendes Lächeln aus, dass sie genau kennen, was auf der Bühne vor sich geht.

Arena der Gefühle

Da rekelt sich Damir Avdic als Marc mit Kopfhörern vor dem Laptop und vertut seine Monate nach dem Abitur. Studium, Job, oder Ausbildung suchen? Kein Bock. Es dauert, bis er und seine bürgerlichen Eltern sich aus dem Status von Stereotypen herausarbeiten. Marcs Liebe zu Selma, einem zielstrebigen Arbeiterkind, das zwei Jobs macht und abends das Abitur nachholt, wirft endlich alles durcheinander. Erst recht, als sie schwanger wird. Da wird deutlich, was die Bühne von Lydia Merkel ist: Eine Arena, in der Menschen um ihre Selbstbestimmung kämpfen - in einer Gesellschaft, die längst nicht so durchlässig ist, wie ihre Mitglieder es gern glauben würden.

Weber inszeniert diesen Kampf ähnlich wie er das in "Kabale und Liebe" getan hat, auch als eine Verteidigung von Räumen. Da geht sehr zu Herzen wie Maja Beckmann als psychisch angeschlagene Mutter Selmas versucht, sich Marcs Eltern vom Leib zu halten.

Riesiger Applaus

Die steigern sich durch die Nachricht der Schwangerschaft in einen Fürsorgewahn, und Katharina Linder läuft zu Hochform auf, wenn sie aus dem Urgrund ihrer Seele unbändige Wut nach oben schnellen lässt und Selma anschreit. Das Problem soll einfach nur weggehen aus ihrem Haus, bloß nicht ihren Plan durcheinanderbringen, der eine akademisch-bürgerliche Zukunft für Marc vorsieht. Nicht nur dafür gab es am Ende riesigen Applaus im Schauspielhaus Bochum.

Termine: 5./12./27./ 30.6.2016, Karten: Tel. (0234) 33335555.

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