Mit akustischem Memory Hördefizite erkennen

Neuer Test

Alina spielt Memory. So weit, so normal. Doch etwas ist anders: Alina spielt es mit ihren Ohren. Die Fünfjährige leidet an einer Sprachentwicklungsstörung. Beim Memory hört sie verschiedene akustische Signale, die sie zuordnen muss. Das Spiel ist Teil eines neuen, von Forschern der Ruhr-Uni entwickelten Untersuchungsverfahrens für versteckte Hörstörungen.

BOCHUM

, 07.03.2015, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Prof. Dr. Neumann führt am sechs Wochen alten Joel den neuen Hörtest durch. Das sogenannte Screening ist seit 2009 ein verpflichtendes Standardverfahren bei der Untersuchung von Neugeborenen.

Prof. Dr. Neumann führt am sechs Wochen alten Joel den neuen Hörtest durch. Das sogenannte Screening ist seit 2009 ein verpflichtendes Standardverfahren bei der Untersuchung von Neugeborenen.

Der hat einen komplizierten Namen: Bochumer Auditiver und Sprachdiskriminations-Test (BASD-Test). Ziel des Tests ist es, versteckte Hörstörungen aufzudecken. „Dabei handelt es sich um eine häufig unterschätzte Krankheit“, sagt Prof. Dr. Katrin Neumann, die Leiterin der Pädaudiologie und Phoniatrie der Hals-Nals-Ohren-Klinik des Universitätsklinikums der RUB.

„Denn wer nicht hören kann, steht meistens außerhalb der Gesellschaft. Gerade für junge Kinder kann das verheerend sein, da eine normale Sprachentwicklung so nicht möglich ist.“ Neumann betont, dass der Test für Kinder ab vier Jahren spielerisch durchgeführt wird.

Und das kann man erkennen: Alina hat sichtlich Spaß daran. „Wollen wir ein bisschen spielen?“, fragt Neumann. Alina nickt und setzt sich einen Kopfhörer auf. Gespannt lauscht sie den Hörbeispielen und tippt auf dem Bildschirm des Geräts, das in etwa aussieht wie ein größerer Gameboy, die Lösungen ein.

Komplexer Test

Der BASD-Test ist komplex, er besteht nicht nur aus Memory. So muss Alina unter anderem auch zwei längere von einem kurzen akustischen Signal unterscheiden.

Die Hörprobleme, die der Test aufdecken kann, sind oft Ursachen für Schulschwierigkeiten, Lese-Rechtschreibschwächen und Aufmerksamkeitsdefizite. Das Ohr funktioniert normal, aber das Gehörte wird nicht genau an das Gehirn weitergeleitet oder dort nicht richtig verarbeitet.

Alleine in den deutschen Grundschulen sind rund 140 000 Kinder von dieser versteckten Störung betroffen. „Durch spezielle Trainings, eine veränderte Akustik in den Klassenzimmern oder durch Hörhilfen kann die Wahrnehmungsfähigkeit verbessert werden und die Kinder können effektiver lernen“, so Neumann.

Bei Tagung vorgestellt

Alina wird bereits seit anderthalb Jahren behandelt – mit Erfolg. Vorgestellt wurde der Test bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, der vom 5. bis 7. März auf dem RUB-Gelände stattfand. 

Neben dem BASD-Test hat sich bereits der Hörtest für Neugeborene etabliert. Neumann sorgte maßgeblich für die Einführung des sogenannten Screenings als verpflichtendes Standardverfahren. Seit 2009 ist der Anspruch auf einen Hörtest gesetzlich verankert. „Zwei von tausend Neugeborenen haben dauerhafte Hörstörungen“, sagt Neumann.

„Das möglichst früh zu erkennen, ist sehr wichtig.“ Wie das funktioniert, zeigt Neumann am sechs Wochen alten Joel: Sie verbindet seine Ohren mit dem Gerät, nach einigen Sekunden kommt das Signal, dass alles gut ist.

Mögliche Vorsorge

Die Professorin wünscht sich, dass auch der BASD-Test zukünftig stärker zum Einsatz kommt. „Zum Beispiel könnten Kinderärzte den Test in ihren Praxen zur Vorsorge verwenden“, so Neumann. „Auch bei Einschulungsuntersuchungen ist er einsetzbar. In etwa zehn Minuten kommt so ein klares Ergebnis heraus.“

Neumann möchte mehr Kindern mit versteckten Hörstörungen die Chance geben, besser lernen zu können. Um das zu ermöglichen, müssen sie nur mit ihren Ohren Memory spielen.