Mit dem "Ebstein" ist ein Stück Kneipenkultur gestorben

Rückblick

Mit dem Jahreswechsel musste das Ebstein an der Herner Straße schließen. Mit ihm geht ein Stück junger, besonderer, anderer Kneipenkultur in einem Viertel verloren, das mehr und mehr von Leerständen und Ramschläden geprägt wird. Ein Nachruf.

BOCHUM

von Von Max Florian Kühlem

, 03.01.2013, 18:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Second-Hand-Herrenausstatter „Le Salon“ und eine dazu passende Schneiderei vervollständigten das facettenreiche Bild einer stilvollen Retrokultur. Im „Rauschen“ und „London Tokyo Paris“ gab es Lesungen, Theater, Konzerte und Partys. „Im Sommer saß man draußen auf der Straße, knüpfte Kontakte und wusste oft gar nicht mehr, in welchem Laden man eigentlich war“, erinnert sich Britta Maas, die das Ladenlokal des „Rauschen“ später übernahm. 2005 nämlich musste Marc Tewes schließen, weil er sich mit dem schönen Club „Lumen“ an der Brückstraße übernommen hatte. Die Stammkundschaft war jedoch so schnell gewachsen und eng mit „ihren“ Läden verbunden, dass es bald weiterging.

Neue Gastronomen übernahmen das „Rauschen“ und führten es in ähnlichem Geist erst als „Betsy Meier“ und dann als „Ebstein“ fort. Ein gemeinnütziger Verein übernahm außerdem das „London Tokyo Paris „inklusive Mobiliar und machte es zur „Goldkante“. Leider ist jedoch etwas Wahres daran, dass sich in Bochum eine junge, kreative Szene außerhalb von Bermuda-Dreieck und Ehrenfeld nur schwer entwickeln kann. „Das liegt immer auch an der Politik der Hauseigentümer“, sagt Britta Maas, die weiß, welch große Brocken beiden Läden in den Weg gelegt wurden. Sei es wegen utopischer Mietforderungen oder wegen des Umgangs mit Nachbarn, die sich gestört fühlten. „Unsere erste Eigentümerin hat sich immer für uns eingesetzt und vermittelt“, erinnert sie sich, „getreu dem Motto: Wenn es laut ist, läuft der Laden.“ Die, die danach kamen, waren an Kneipenkultur offenbar kaum mehr interessiert.

Nachdem die „Goldkante“ sich vergrößert und den im „Rauschen“ gewachsenen Geist ins Ehrenfeld getragen hatte und auch „Le Salon“ in Schauspielhausnähe zog, war das Ebstein allein auf weiter Flur. „Ich wollte nie exklusiv sein“, sagt der letzte Gastronom Marc Solcany: „Der Schrauber von der Arbeit sollte neben den Studierenden sitzen. Ich habe Chancen im guten Kontakt zur den Kulturvereinen in der Nachbarschaft gesehen. Das ist meine Interpretation des Viertels.“ Man kann nur hoffen, dass sich doch jemand findet, der den Laden in diesem Geiste weiterführt – und nicht sterben lässt, was mit dem „Rauschen“ in Bochum geboren wurde.