Mitarbeiter werden angespuckt und beleidigt

Wattenscheider Tafel

Verbale Beleidigungen, zurückgeworfene Lebensmittel – der Ton bei der Wattenscheider Tafel ist rau geworden. Doch für Manfred Baasner, Chef der Hilfseinrichtung, ist das kein neues Problem. „Das ist eine schleichende Entwicklung“, sagt er. Doch jetzt habe der Trend einen neuen Höhepunkt erreicht.

BOCHUM

, 18.02.2015, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Mitarbeiter werden angespuckt und beleidigt

Die Wattenscheider Tafel ist stolz auf die hohe Qualität ihrer Lebensmittel. Alles andere sei "menschenunwürdig", so Tafel-Chef Manfred Baasner.

Begonnen hat sie im Jahr 2011. „Damals wurden unsere Kunden fordernder“, sagt Baasner. Statt Dank für die Lebensmittelspenden hieß es immer häufiger: „Aber Du musst mir dies und das geben.“ Baasner, der, wie er sagt, durch die Entwicklung schlaflose Nächte bekam, schrieb daraufhin ein kleines Gebet. „Es muss und darf niemand hungern auf der Erde, es ist genug da für alle“, heißt es unter anderem in dem Text des religiösen Tafel-Leiters. Kurzfristig habe sich die Situation gebessert, doch bereits in der Vorweihnachtszeit 2011, bei der Ausgabe der Weihnachtspäckchen, spitzte es sich zu: „Wir gestalten das gesellig, aber das interessierte nicht mehr. Die Pakete wurden direkt aufgerissen und über den Inhalt gestritten“, erzählt der 71-Jährige. Lange habe man das akzeptiert, habe das als Einzelfälle von Menschen in extremen Notsituationen wahrgenommen. „Aber das hat Schule gemacht“, sagt Baasner und erzählt von Kunden, die mit dem Sozialgesetzbuch in der Hand bei der Tafel stehen. „Die verstehen überhaupt gar nicht, dass wir ein Verein sind“, sagt er. „Die halten uns für den Staat.“

Personalnot

Seitdem verschlechterte sich der Umgangston der Tafel-Kunden mit den Helfern zusehends, wie auch Larisa Rogovaja, Teamleiterin der Tafel, bestätigt: „Wir kriegen inzwischen auch beleidigende Anrufe“, sagt sie und spielt die Aufzeichnung eines besonders krassen Falles vor. „Du Hurensohn“, heißt es da unter anderem, minutenlang. Dass die Mitarbeiter beleidigt und angespuckt werden, ist für die Tafel zu einem Problem geworden. Angesichts von rund 10.000 Menschen, die von der Tafel im Schnitt jede Woche versorgt werden, habe die Arbeitsbelastung ohnehin schon deutlich zugenommen. „Wir arbeiten täglich bis zu 14 Stunden in zwei Schichten“, sagt Baasner.

Die Anstrengungen der ehrenamtlichen Arbeit, die maximal als 1-Euro-Job bezahlt wird, und die Aggressionen gegenüber den Helfern sorgen für Personalnöte. „Zehn bis 15 Helfer fehlen uns jeden Monat“, sagt Team-Leiterin Larisa Rogovaja. Viele Helfer seien nach schlechten Erfahrungen ganz weggeblieben. Woraus die resultieren, dazu haben Rogovaja und Baasner eine eindeutige Meinung: „Die Menschen bekommen zu viel und dadurch wird ihnen die Eigenständigkeit genommen“. Wer aber keine Grenzen gesetzt bekomme, wer das Prinzip von Engagement und Gegenleistung verlerne, der würde immer fordernder.

Tafel ist kein Supermarkt

Eigentlich will Baasner nur den Menschen helfen, ganz gleich ihrer Herkunft und ihrer individuellen Schicksale. Man merkt ihm an, dass er seine Sätze mit Bedacht ausspricht. Zu groß ist die Gefahr, missverstanden und in eine rechte Ecke gedrängt zu werden.

Nur müsse die Hilfe notwendig sein. Doch inzwischen kommen zur Tafel auch Menschen, die das Angebot als preisgünstige Alternative zum Supermarkt verstehen, äußerst wählerisch sind und in den Kisten rumwühlen. „Diese Menschen protzen mit Geld und ihren Bezügen, parken mit teuren Autos die Einfahrten unserer Nachbarn zu. Das sorgt für Unruhe.“ Denn durch das Verhalten dieser Menschen entstehe zwangsläufig Neid und Frust über die eigene, finanzielle Situation. Weil das auf Kosten der Menschen gehe, die wirklich die Unterstützung der Tafel benötigten, ist Baasner verärgert.

Gespräch suchen und Verein erklären

Doch die Türe für diese Menschen verschließen, das will der 71-Jährige vorerst auch nicht. Er will das Gespräch suchen und das Konzept von ehrenamtlicher Arbeit und seines Vereins erklären. Am Ende des Tages glaubt Baasner dann doch noch an das Gute im Menschen.

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