Morde im Weißen Haus

"Labdakiden" in Bochum

BOCHUM. Blauer Anzug, hellblaues Hemd, gestreifte Krawatte: König Ödipus trägt die Uniform der Macht. Neben ihm die elegante Gattin, hinter ihm die brave Kinderschar, rechts und links klassizistische Säulen. Regisseur Roger Vontobel hat sein Antikenprojekt "Die Labdakiden" in die Korridore moderner Macht, ins amerikanische Weiße Haus verlegt. Ganz schön mutig. Aber auch extrem gelungen.

von Von Bettina Jäger

, 10.10.2010, 19:01 Uhr / Lesedauer: 1 min
Morde im Weißen Haus

Ödipus (Paul Herwig) und seine Familie.

Für die Premiere am Samstag im Schauspielhaus Bochum hat Vontobel vier antike Stücke - "König Ödipus" und "Antigone" von Sophokles, "Sieben gegen Theben" von Aischylos und die "Phönikerinnen" des Euripides - ebenso rabiat wie klug zusammengeschnitten. Die wohl älteste Politsaga der Welt erzählt von Ödipus, der unwissentlich seinen Vater mordet und die Mutter heiratet, bis zu Antigone, die den toten Bruder bestattet und dafür selbst sterben muss. Essenz der antiken Texte Zusammen ergibt das auf der konsequent sich wandelnden Bühne von Claudia Rohner und in den modernen Kostümen von Nadine Grellinger dreieinviertel mitreißende Stunden über Macht und ihre Mechanismen. Wir sehen nur die nackte Essenz der antiken Texte - präzise interpretiert, kühl seziert und schnell inszeniert. Vor allem Paul Herwig ("Schauspieler des Jahres" 2010) und Katharina Linder zeigen das Herrscherpaar als moderne Machtmenschen. Diese zurückgenommene Spielweise macht den Abend, an dem auch Lena Schwarze als Antigone und Barbara Hirt als ihre Schwester Ismene sehr beeindrucken, so verblüffend heutig. Wohl niemand, der nicht an den "Fluch der Kennedys" oder an die Gesten Barack Obamas denkt. Macht und Schuld Zum Schluss hocken Ödipus und sein Nachfolger Kreon (väterlich-verbohrt: Michael Schütz) zwischen lauter lebenden Toten. Macht, so sagt es dieser Abend, hat auch bei besten Absichten immer Schuld im Schlepptau. Respektvoller, kräftiger Applaus.

Termine: 15.10., 21.10., 24.10., 12.11. Karten unter Tel. (0234) 33 33 55 55.

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