Mülldeponie wird dicht gemacht

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Von der Plastiktüte bis zum Fernseher: 2,3 Millionen Kubikmeter Siedlungsabfälle aus den Jahren 1965 bis 2003 verrotten auf der Mülldeponie im Coesfelder Ortsteil Höven. Jetzt wird abgedichtet.

von Viola ter Horst

Coesfeld

, 27.07.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bagger und Walzen rattern am Fuß der früheren Mülldeponie in Höven am Stadtrand von Coesfeld. Es staubt, ein Greifvogel segelt über den Berg, der sich bis zu 28 Meter hoch streckt und auf dem rote, gelbe und lila Blumen blühen und Gräser wachsen. Fast idyllisch, wüsste man nicht, dass unten drunter der Müll verrottet, den Bürger und Einrichtungen von 1965 bis 2003 nahezu aus dem ganzen Kreis Coesfeld angekarrt haben. Von der Plastiktüte bis zum Fernseher. 2,3 Millionen Kubikmeter Siedlungsabfälle.

1,5 Millionen Euro für die Abdichtung

Begraben ist schon längst alles und weil das früher mal eine Tongrube war und weitere Maßnahmen in der Vergangenheit getätigt wurden, ist sogar alles zunächst dicht. Auf Dauer reicht die vorübergehende Abdichtung aber nicht. „Dafür muss die Deponie mit Spezialmaterial abgedichtet werden, damit kein Niederschlagswasser mehr eindringen kann“, erklärt Stefan Bölte, Geschäftsführer der Wirtschaftsbetriebe Kreis Coesfeld (WBC), die sich für den Kreis Coesfeld um die Nachsorge der Deponie kümmern.

Und das passiert gerade unten am Hang. 1,5 Millionen Euro kostet der erste Abschnitt, bei dem neben der Abdichtung auch ein Spülschacht und Drainagerohre gelegt werden sowie die Straße zwischen Hang und Wertstoffhof verbreitert werden soll. Außerdem entstehen eine Ladefläche und ein Regenrückhaltebecken.

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„Möglich ist eine endgültige Abdichtung nur, wenn keine Zersetzungen mehr im Deponiekörper stattfinden“, erläutert Bölte. Denn erst dann sackt der Deponiekörper nicht weiter zusammen und bildet vor allem kein Gas mehr. „Unten am Hang ist das der Fall – das haben unsere Messungen ergeben.“ Unten – das ist die Fläche zur Straße und der ganze Rand einmal rund um den Berg. Ein Hektar. Eine Mammutbaustelle. Und erst der Anfang.

Das Herzstück für die Dichtung soll in Kürze eintreffen: Eine spezielle Kunststoffbahn. „Die hält mindestens 100 Jahre – von der Bundesanstalt für Materialprüfung getestet und genehmigt“, sagt Bölte. Wie bei einer Torte werden Schlacke, mineralische Schichten, Tondichtung, die 100-Jahre-Kunststoffbahn, zur Sicherheit weiterer Vlies und Schotter aufgetragen. Und falls sich doch noch Restgase entwickeln sollten – Drainagen würden dafür sorgen, dass sie austreten können.

Der Berg muss erst einmal sacken

Ein neuer Schacht geht fünf Meter tief in die Erde. Das innen liegendeEntwässerungssystem für anfallendes Sickerwasser wird darüber gewartet. Der erste Abschnitt soll voraussichtlich im Oktober fertig gestellt sein. Dann muss der Berg erst einmal weiter sacken und zur Ruhe kommen.

Die WBC gehen davon aus, dass sich der Deponiekörper in den nächsten zehn Jahren stabilisiert. Schneller als ursprünglich gedacht - möglich durch die Belüftung der Deponie. Ein Projekt, das nach etlichen Tests voriges Jahr startete. „Durch Luft wird der Zersetzungsprozess beschleunigt“, verdeutlicht Bölte. Insgesamt sind 25 Millionen Euro für die Abdichtung einkalkuliert.

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Im vorderen Bereich neben der Straße soll später Asphalt die letzte Schicht bilden. Es soll eine neue Fläche für Lkw entstehen. Eine alte manuelle Waage, die sich vorm Berg noch befand, wurde entfernt. „Somit gewinnen wir Platz“, erklärt Bölte. Auch für die Straße, die von der Bundesstraße als eine Art zweispuriger Wirtschaftsweg abzweigt. Demnächst wird sie dreispurig. Gegenüber vom Berg befindet sich der Wertstoffhof sowie die Niederlassung der Firma Remondis mit Kompostwerk und Umschlag. Durch Privatautos und Lkws bilden sich immer wieder Rückstaus und Wendeprobleme. „Das soll es künftig nicht mehr geben“, so Bölte.

Keine Auswirkungen auf Abfallgebühren

1,5 Millionen Euro kostet die endgültige Abdichtung der Deponie im ersten Abschnitt; 25 Millionen Euro sind insgesamt kalkuliert. „Das Projekt wird aber nicht auf die Abfallgebühren für die Bürger umgelegt“, versichert Bölte. Denn der Kreis Coesfeld hat bereits seit Jahren Rücklagen für die Deponie in den Haushalt gestellt. Daraus werden die Maßnahmen finanziert.


Der Müllberg in Höven

Auf der ehemaligen Zentraldeponie des Kreises Coesfeld wurden von 1965 bis 2003 insgesamt 2,3 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle abgelagert. Darunter Sperrmüll, Restmüll und Biomüll – damals gab es eine Trennung des Abfalls noch nicht. Der bis zu 28 Meter große Müllberg an der Grenze von Coesfeld zu Rosendahl befindet sich in einer ehemaligen Tongrube auf einer Fläche so groß wie 30 Fußballfelder. Für die Nachsorge ist der Kreis Coesfeld zuständig; diese Aufgaben übernehmen die Wirtschaftsbetriebe des Kreises Coesfeld GmbH (wbc).

Das Deponiegas, das der Abfall bei seiner Zersetzung produziert, verwerten die WBC: In einem Blockheizkraftwerk entsteht daraus Strom. Mit einer Belüftung soll der Zersetzungsprozess angekurbelt werden. Dadurch wird die Deponie schneller stabilisiert und kann endgültig abgedichtet werden.

Die Nachsorgezeit soll erheblich verkürzt werden – und damit wird auch tonnenweise CO2 gespart, das mit dem Gas aus der Zersetzung entsteht. Der Berg ist ansonsten schon seit vielen Jahren begrünt; Schafe pflegen die Oberfläche. Insekten und andere Tiere sind dort zu Hause. Ein Naturreservat, gewachsen aus Müll.

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