Musical „Next to normal“: Wer spinnt hier?

Opernhaus Dortmund

Pulitzerpreis, Tony Award und ein zu Tränen gerührtes Publikum am Broadway: In den USA war das 2008 uraufgeführte Musical "Next to normal" von Tom Kitt ein großer Erfolg. Wohl auch wegen des Themas: Es geht um eine manisch-depressive Mutter. Am Samstag hat die Oper Dortmund das Stück auf die Bühne gebracht.

DORTMUND

, 06.03.2016 / Lesedauer: 3 min
Musical „Next to normal“: Wer spinnt hier?

Das Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter, in dem man in vier Zimmer gleichzeitig schauen kann, ist das Beste am Musical „Next to normal“ von Tom Kitt, das am Samstag im Dortmunder Opernhaus Premiere gefeiert hat.

Wer gut komponierte Musicals kennt und nicht unbedingt amerikanische Seifenopern liebt, kann nach zweieinhalb sehr langatmigen Stunden nur zu dem Ergebnis kommen: Dies ist ein richtig schlechtes Stück.

Das beginnt damit, dass das Genre Musical nicht zum Thema passt. Dieses Problem hatte offenbar auch der Komponist. Seicht dahin plätschernden 90er-Jahre-Pop, gelegentlich mit Rock- und Jazz-Anklängen, hört man von der Band unter Kai Tietje ganz hinten auf der Bühne.

Sogar in der Szene, als sich die Mutter an ihr totes Kind erinnert, ist Kitt nicht mehr eingefallen als Kaufhausmusik. Manchmal ist die noch mit einem Schimmer Kitsch überzogen.

Heile Familie

Bei dieser Musik können die sechs Musicaldarsteller im Opernhaus Dortmund auch nie zeigen, was sie wirklich können. Rob Fowler zumindest, der den Vater singt, hat man in Dortmund als Frank'n'Furter in der "Rocky Horror Show" im Konzerthaus Dortmund schon viel präsenter erlebt. Und auch Maya Hakvoort, die Mutter, wird besser singen können, als man es hier hören konnte.

Diese Mutter Diana ist bipolar, also manisch-depressiv. Ihr Sohn (Johannes Huth) starb mit acht Monaten und geistert als Gespenst durch das Stück. Tochter Natalie (Eve Rades) und ihr Freund Henry (Dustin Smailes) sind auf Drogen, Vater Dan ist hilflos, die Ärzte (Jörg Neubauer) experimentieren. Über allem steht die Frage "Wer spinnt hier" und der Wunsch nach einer heilen Familie.

Diana geht seit 16 Jahren durch die Therapeutenmühle - mit Tabletten, Elektroschocks und Hypnose. Das volle Programm. Aber mit der Musik, die so beliebig und untheatralisch ist, bleibt das alles banal. Eine US-Seifenoper, die nicht berührt. Obwohl das Ensemble ganz dicht am Publikum, auf dem überbauten Orchestergraben, spielt. Als Theaterstück, um eine Stunde gestrafft, wäre "Next to normal" von Textdichter Brian Yorkey sicher spannender.

Raffiniertes Bühnenbild

Toll ist in der zurückhaltenden Inszenierung von Stefan Huber mit meist hilflosen, banalen Choreografien von Danny Costello das Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter. Das ist raffiniert, lässt in mindestens vier Zimmer auf zwei Etagen blicken; die hinteren Räume sind zudem verschieb- und schnell verwandelbar.

Melodien zum Merken gibt es nicht, vielleicht regt sich Mitgefühl beim Publikum. Mehr aber nicht. Dennoch: Jubel im nur zur Hälfte gefüllten Haus.

Termine: 11./17.3., 8./ 10./13.4.;, Karten: Tel. 5027222.