"Mutter Kramers Fahrt zur Gnade" uraufgeführt

Ruhrfestspiele

Heike M. Götzes Adaption für das Bochumer Schauspiel war am Mittwoch als Koproduktion mit den Ruhrfestspielen zu sehen. Das Stück steht in geistiger Linie zum Stummfilm „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ (1929) und zu Fassbinders „Mutter Küsters Fahrt zum Himmel“ (1975): Vom Elends-Drama des „Proletarierfilms“ ist nicht viel geblieben, umso mehr von Fassbinders Thema, dass in einer kalten, egoistischen Welt die Gutherzigen ein hartes Brot essen.

RECKLINGHAUSEN

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 16.05.2013, 18:03 Uhr / Lesedauer: 1 min
Anke Zillich (Anita Kramer) und Bettina Engelhardt (Elena) sind großartig besetzt in »Mutter Kramers Fahrt zur Gnade«.

Anke Zillich (Anita Kramer) und Bettina Engelhardt (Elena) sind großartig besetzt in »Mutter Kramers Fahrt zur Gnade«.

Denn eigentlich ist Anita Kramer (gut: Anke Zillich) eine geknickte Seele. Verwitwet, alleine, ohne Kontakt zur Tochter. Da schneit der arbeitslose Konditor Hudi (wunderbar: Raiko Küster) in ihr Leben: Ein Filou mit der Melone und den Riesenschuhen eines Charlie Chaplin. Anita blüht auf, wenn er da ist. Und fällt aus allen Wolken, als es Hudi ist, der im Jobcenter mit dem Messer fuchtelt und von der Polizei angeschossen wird.

Ein mieser Witwentröster sei der Kerl, nur auf Geld aus, meint Anitas Tochter und nennt die Mutter dumm und naiv. Als die Putzfrau (ein Funkenmariechen mit allerbestem russischen Akzent: Bettina Engelhardt) ein Komplott beichtet, wird Anitas Glaube an die Menschen auf die Probe gestellt. Ist der Gute der Dumme? Das Stück spielt in einem Hier und Heute, in dem die neue Armut eine des Herzens ist. Überall Neid und Missgunst. Kinder schielen aufs Erbe. Arbeitslose schieben Frust und laufen Amok. Die „freie“ Presse taugt bloß zum Witz.

Schlaglichter auf eine Gesellschaft, wo jeder für sich kämpft. In ihrer Güte ist Mutter Kramer ein Relikt von gestern: die „versponnene“ Alte im Porzellan-Museum – eine schöne Bildmetapher. Ein starkes Stück. Exzellent gespielt, forsch zupackend gesprochen, voller schräger Ideen.