Nach Busunfall Debatte über Sicherheitslücken

Flammeninferno auf A9

Es steht nur noch ein verkohltes Gerippe des Reisebusses auf der A9: Hier müssen sich am Montagmorgen schreckliche Szenen abgespielt haben. 30 Personen sind verletzt, zwei von ihnen schweben in Lebensgefahr. Inzwischen ist auch offiziell: Es gibt 18 Tote im Alter zwischen 66 und 81 Jahren.

Münchberg

von Von Kathrin Zeilmann

, 03.07.2017, 12:11 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist kurz nach 7 Uhr, als der Notruf bei der Feuerwehr eingeht: Busbrand auf der Autobahn 9 in Oberfranken zwischen Münchberg und Gefrees. Als die Rettungskräfte eintreffen, stehen ein Reisebus und ein Lastwagenanhänger in Flammen. 30 Menschen aus dem Bus konnten sich verletzt retten. Insgesamt saßen 48 Personen darin.

Was ist mit den 18 anderen? "Als wir eingetroffen sind, kam niemand mehr aus dem Bus", sagt Andreas Hentschel von der Feuerwehr Münchberg. Am späten Nachmittag bestätigt die Polizei: Es wurden 18 Leichen aus geborgen. Ein Busfahrer kam ums Leben, der zweite Fahrer wurde verletzt.

Reisegruppe aus Sachsen

Nach Polizeiangaben saß eine Reisegruppe aus Sachsen in dem Bus. Nähere Details etwa auch zum Reiseanbieter gibt ein Sprecher zunächst nicht preis. Nach dpa-Informationen stammten die Fahrgäste vor allem aus der Oberlausitz und dem Großraum Dresden. Zudem sollen zwei Personen aus Brandenburg im Bus gewesen sein. Sie waren zwischen 41 und 81 Jahre alt. Am Nachmittag bestätigt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, das elf Leichen identifiziert wurden. 

„Was wir gesehen haben, ist erschreckend, wie man es sich kaum vorstellen kann“, sagte Dobrindt. Die Rettungskräfte seien nur zehn Minuten nach der Alarmierung am Unfallort gewesen. Doch aufgrund der großen Hitze hätten sie nichts mehr tun können. 

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Busunfall auf der A9 bei Münchberg

Ein Reisebus fährt auf einen Sattelzug auf und gerät in Brand. 48 Menschen waren in dem Bus, es gibt viele Verletzte - und wohl auch Tote. Der Bus mit einer Reisegruppe aus Sachsen war kurz nach 7 Uhr am Montagmorgen auf den Sattelzug aufgefahren. Wie es zu diesem tragischen Unfall kam, war am Vormittag noch unklar.
03.07.2017
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Es muss ein Inferno gewesen sein: Vom Bus ist nur noch ein verkohltes Gerippe zu sehen. Das Wrack bietet einen grausigen Anblick. Selbst die Bäume nebenan sind vom Feuer gezeichnet. Hentschel von der Feuerwehr sagt: "Der Bus stand lichterloh in Flammen."

Mehrere Leichenwagen fahren vor

Die Beamten der Polizei und die anderen Rettungskräfte - rund 200 sind im Einsatz - warten am Vormittag auf Rechtsmediziner und die Staatsanwaltschaft. Um 11.30 Uhr fahren die ersten Leichenwagen vor. Zur Bergung und Identifizierung der Leichen wurden Spezialisten der Rechtsmedizin und des Bundeskriminalamts angefordert. Ein Sachverständiger sollte die Ursache des Unglücks untersuchen. Etwa 200 Kräfte von Rettungsdiensten, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Polizei waren im Einsatz.

Auch Notfallseelsorger sind vor Ort, sie kümmern sich um die Einsatzkräfte. "Feuerwehrangehörige sind für außergewöhnliche Situationen ausgebildet", sagen Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, und Alfons Weinzierl, Vorsitzender des Landesfeuerwehrverbandes Bayern. Ein derartiges Geschehen mit zahlreichen Toten und Schwerverletzten sei jedoch auch für die Einsatzkräfte belastend. "Wir hoffen, dass sie die bedrückenden Bilder gut verarbeiten können", heißt es in einer Erklärung.

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Der Unfallort dürfte vielen in der Region in schlechter Erinnerung sein: Am 19. Oktober 1990 hatte es auf der A9 bei Münchberg schon einmal einen folgenschweren Unfall gegeben. In einer Nebelwand krachte ein fast 40 Tonnen schwerer Milchlaster mit viel zu hoher Geschwindigkeit in eine Unfallstelle: Zehn Menschen starben damals. 122 wurden verletzt, 38 davon schwer.

30 teils schwer verletzte Personen

Am Montagvormittag schützen Feuerwehrfahrzeuge und Planen das Buswrack vor neugierigen Blicken. Experten der Spurensicherung haben mit ihren Arbeiten begonnen. Die 30 Menschen, die sich retten konnten, sind in umliegende Krankenhäuser gebracht worden. Rettungshubschrauber landeten dafür auf der Autobahn und flogen die Opfer in Kliniken. "Sie haben teils sehr schwere Verletzungen erlitten", sagt Polizeisprecherin Anne Höfer. Die Polizei hat die A9 komplett abgeriegelt. Lange Staus auch auf den Umgehungsstraßen sind die Folge.

Am Nachmittag wollen Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (beide CSU) zur Unglücksstelle kommen. Das Mitgefühl aller Beteiligten ist bei den Opfern der verheerenden Katastrophe und ihren Angehörigen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich betroffen über den schweren Busunfall agezeigt. „Zu diesem Zeitpunkt kann ich nur sagen, dass wir mit den Angehörigen mitfühlen und denjenigen, die verletzt sind, möglichst baldige und vollständige Genesung wünschen“, sagte er. 

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat zu Gebeten für die Opfer des Busunfalls in Oberfranken aufgerufen. „Schrecklicher Busunfall auf der A9 bei #Münchberg im @BistumBamberg: Beten wir für die Opfer, unsere Gedanken sind bei den Angehörigen!“, twitterte Schick am Montag.

Schrecklicher Busunfall auf der A9 bei #Münchberg im @BistumBamberg : Beten wir für die Opfer, unsere Gedanken sind bei den Angehörigen!

— Erzbischof Schick (@BischofSchick) 

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat eine schnelle Aufklärung der Unfallursache versprochen. „Wir werden als Staatsregierung alles tun, um schnellstmöglichst auch die Ursachen dieser Katastrophe aufzuklären“, sagte Seehofer am Montag in Berlin. Der CSU-Chef sprach den Angehörigen sein Beileid und seine Anteilnahme aus. „Wir beten für die Verletzten, dass sie ihre Verletzungen überwinden.“ Die Rettungskräfte hätten einen „sehr, sehr schweren Dienst“ zu leisten.

Notfallseelsorger im Einsatz

Notfallseelsorger haben die Polizei in mehr als einem Dutzend Fällen beim Überbringen der Todesnachrichten an Opfer-Angehörige begleitet. 15 Mal seien am Montag Helfer der Kriseninterventionsteams tätig geworden, sagte der Koordinator des Einsatzes, Polizeiseelsorger Christian Mendt, der Deutschen Presse-Agentur in Dresden. Am Dienstag solle der Einsatz abgeschlossen werden. 

Trotz der schrecklichen Umstände habe das Zusammenspiel von „Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen in diesem Fall hervorragend geklappt“, sagte Mendt. „Als wir wussten, wo die Verstorbenen zuhause sind, haben wir die Teams informiert.“ Dies sei vor allem in Ostsachsen geschehen. 

Das Vorgehen in solchen Fällen sei bundesweit standardisiert, sagte Mendt. „Das kann man ganz schlicht so beschreiben: Die Polizei überbringt die Nachricht und Notfallseelsorger begleitet die Angehörigen beim Verkraften dieser Nachricht.“ Die Angehörigen würden vorab nicht über den Besuch informiert. 

Debatte über Sicherheitslücken entbrannt

Nach dem verheerenden Unfall auf der Autobahn 9 in Nordbayern ist eine Diskussion über Sicherheitslücken in Reisebussen entbrannt. Erst seit November 2015 müssen Busse mit einem Notbremssystem ausgestattet sein. Dieses lasse sich aber leicht abschalten, kritisierte der Kraftfahrtexperte des TÜV Rheinland, Hans-Ulrich Sander, am Montagabend im ZDF. „Die Abschaltbarkeit eines solches Notbremssystems halte ich für verkehrt. Die sollten nicht deaktivierbar sein“, sagte er und forderte, diese Gesetzeslücke müsse schnell geschlossen werden. 

Experten setzen auf Notbremssystem 

Auch Professor Hermann Winner, Experte für Autonomes Fahren an der TU Darmstadt, erklärte auf dpa-Anfrage: Damit solche Unfälle nicht mehr passieren, seien nicht-abschaltbare Notbremssysteme wichtig, die auf Stau-Enden reagierten. Bis Reisebusse ganz autonom fahren, werde es noch dauern. Die heutige Technik könne viele besondere Situationen noch nicht beherrschen. 

Bei Notbrems-Assistenten erkennen Kameras und Radarsensoren Hindernisse auf der Fahrbahn, machen mit Warnlicht und Warnton auf die Gefahr aufmerksam und bremsen automatisch, wenn der Fahrer nicht reagiert. Damit lässt sich ein Aufprall zumindest abmildern, bei den modernsten Notbrems-Assistenten im Idealfall auch ganz verhindern. Allerdings sparen sich manche Busunternehmen, was gesetzlich nicht zwingend vorgeschrieben ist. 

Laut dem Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer war der Unglücksbus drei Jahre alt und zuletzt im April vom TÜV ohne Beanstandung überprüft worden. Der Fahrer, der den Reisebus zum Unfallzeitpunkt lenkte und starb, war demnach seit mehr als zehn Jahren bei seiner aktuellen Firma beschäftigt und wurde vor vier Jahren für langjähriges unfallfreies und sicheres Fahren ausgezeichnet.

Bus-Innenraum-Materialien leicht entflammbar

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, sagte im ARD-Brennpunkt am Montagabend: „Das große Problem liegt in den Innenraum-Materialien der Busse: Sie sind deutlich leichter entflammbar als die, die die Deutsche Bahn verbauen muss.“

So bilden Sie eine Rettungsgasse:
Bei einem Stau auf mehrspurigen Straßen ist die Rettungsgasse immer zwischen dem linken und den übrigen Fahrstreifen zu bilden. Fahren Sie also auf dem linken Fahrstreifen, so weichen Sie nach links aus. Sind Sie auf einem der übrigen Fahrstreifen unterwegs, so fahren Sie nach rechts. Alle Autofahrer sind verpflichtet, die Rettungsgasse freizumachen. Bei Verstoß müssen Sie mit einem Bußgeld von 20 Euro rechnen.

 

 

 

Im Video wird gezeigt, wie eine Rettungsgasse  zu bilden ist.

Nach dem schweren Busunfall in Oberfranken ist eine zentrale Telefonnummer für besorgte Angehörige eingerichtet worden. Unter der Rufnummer 0800 / 7766350 können sie sich an die Gemeinsame Auskunfts- und Vermisstenstelle wenden. Auch Zeugen können sich hier melden.

von dpa