Nach dem Mauerfall - Wittener beobachtete Verwandlung der DDR-Bürger im Zug

Erinnerungen

WITTEN Gerhard Könitz' Bild von den Ostdeutschen war lange Zeit geprägt von den Menschen, die der Wittener auf seinen Fahrten zur Arbeit ins Kölner Stahlwerk traf. Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, änderte sich das schlagartig.

von Von Susanne Linka

, 06.11.2009, 09:22 Uhr / Lesedauer: 2 min
"Die Mauer fällt" steht auf diesem Trabi, den Gerhrad Könitz sich zur Erinnerung an den großen Tag gekauft hat.

"Die Mauer fällt" steht auf diesem Trabi, den Gerhrad Könitz sich zur Erinnerung an den großen Tag gekauft hat.

Ansonsten war stets Funkstille im Abteil. "Warum sagt ihr eigentlich nichts?" sprach der Wittener auf seine ruhrpöttisch direkte Art mal jemanden an: "Bist du etwa von der Stasi?" Da sei der Blick des einen Mannes zu dem anderen Ossi im Abteil gewandert und Könitz glaubte zu verstehen: "Ach so, ihr habt wohl Schiss?" Einmal – das war kurz vor dem 9. November – bemerkte Könitz, "dass etwas im Busch war". Da traf er auf ein Paar mit Rotkäppchen-Sekt, auch ihm wurde ein Schluck angeboten: "Ihr könnt doch hier im Kapitalismus keinen kommunistischen Sekt trinken", frotzelte der Wittener.

"Das alles dauert nicht mehr lange", gab das Paar da gut gelaunt und voll Überzeugung zurück. In Aufbruchstimmung: "Lesen Sie denn keine Zeitung über die vielen Demos bei uns im Osten?" Dann am 10. November 1989: Könitz hatte den Fall der Berliner Mauer am Vortag im Fernsehen verfolgt. Da traf er in seinem Zug plötzlich wieder einen stur dreinblickenden Ostdeutschen. "Warum bist du nicht fröhlich, ihr seid doch jetzt frei?", wollte Könitz von ihm wissen. Doch der Mann hatte noch nichts davon gehört: "Er kam aus Bautzen und hatte während der Zugfahrt tatsächlich nichts mitbekommen", erinnert sich der Wittener heute.

Die Ungläubigkeit des DDR-Bürgers sei auch erst gewichen, als der Zugschaffner die gute Nachricht bestätigte: "Da hat der Mann beseelt durchgeatmet. Und ich habe ihm geraten, sich noch schnell sein Begrüßungsgeld in der Bundesrepublik zu sichern." Bis 1993 war Gerhard Könitz noch regelmäßig mit dem Zug unterwegs: Doch die Gebeugten und Unterdrückten, die er früher da getroffen hatte, gab es nicht mehr: "Das waren auf einmal offene und ansprechbare Menschen."