Neue Kindersitz-Regel: Babys müssen 15 Monate rückwärts fahren

EU-Richtlinie

Babys müssen künftig 15 Monate und damit deutlich länger als bisher in rückwärts montierten Autositzen fahren. Darauf haben sich die 27 EU-Staaten und einige andere Länder in einem speziellen UN-Gremium verständigt. Sicherheitsexperten drängen schon seit Längerem auf diese Entscheidung.

BRÜSSEL/HAGEN

von Von Mirjam Stöckel

, 18.01.2013, 06:41 Uhr / Lesedauer: 2 min
Neue Regeln: Eltern sollen ihre Kinder künftig in gegen die Fahrtrichtung gewandten Kindersitzen transportieren, bis sie 15 Monate alt sind.

Neue Regeln: Eltern sollen ihre Kinder künftig in gegen die Fahrtrichtung gewandten Kindersitzen transportieren, bis sie 15 Monate alt sind.

Bislang sitzen Säuglinge in Deutschland etwa zehn Monate lang in einer gegen die Fahrtrichtung gewandten Babyschale, wechseln danach aber die nächstgrößeren Autositze mit Blickrichtung nach vorn. Die neue Regelung soll nach einer Übergangsfrist für ganz Europa verpflichtend werden.

Sicherheitsexperten halten diese Neuerung für längst überfällig. "Die 15-Monate-Vorschrift ist ein Fortschritt", so Dörte Grod von der Kreisverkehrswacht Unna auf Anfrage unserer Redaktion. "Wir fänden es aber gut, wenn das Rückwärtsfahren noch länger verpflichtend gemacht würde." Bislang dürfen Kleinkinder in Deutschland in vorwärts gewandten Sitzen transportiert werden, sobald sie neun Kilo wiegen.

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Fachleute halten dies für überholt, zumal manche Kinder bereits mit gut einem halben Jahr so viel wiegen. Denn das Problem ist: Bei Frontalunfällen - den häufigsten Unfällen überhaupt - wird der vergleichsweise schwere Kinderkopf extrem umhergeschleudert. Selbst bei geringer Fahrtgeschwindigkeit kann dies zu schwersten Verletzungen wie Querschnittlähmungen oder sogar dem Tod führen. In Rückwärts-Sitzen sinkt dieses Risiko deutlich, da sie wie eine Art Schutzwall wirken, in den das Kind bei einem Aufprall hineingedrückt wird. 

 Die Neuregelung "ist auf jeden Fall eine Verbesserung", sagt Ulrich Grunwald von der Verkehrswacht Hagen, der Eltern seit Jahren über die Vorteile der so genannten Reboard-Sitze aufklärt. Auch die Verbraucherschutzorganisation ANEC in Brüssel begrüßte die Neuerung. Man habe zwar zunächst eine Rückwärtsfahr-Pflicht für die ersten 24 Monate durchsetzen wollen. Doch die Autohersteller hätten eingewandt, dass Reboard-Sitze für Zweijährige oder noch ältere Kinder wegen ihrer Größe nicht in alle Fahrzeuge hineinpassten. Daher sei die 15-Monatspflicht ein akzeptabler Kompromiss.  Bis tatsächlich alle Babys 15 Monate lang rückwärts fahren, wird allerdings noch etwas Zeit vergehen: Während einer Übergangsfrist bleiben auch die Vorwärts-Kindersitze noch erlaubt. Wann diese Frist endet, wird derzeit noch verhandelt. Klar ist aber: Die Rückwärts-Pflicht für die ersten 15 Lebensmonate wird kommen. Die entsprechende neue Sitz-Norm wird dann das bisherige ECE R 44-Siegel ablösen.

Schon heute gibt es Rückwärts-Sitze – Reboarder – auch für größere Kinder zu kaufen, sie haben aber gerade in Deutschland noch einen sehr kleinen Marktanteil. Vor allem in Skandinavien fahren seit Jahrzehnten praktisch alle Kinder bis zweieinhalb Jahre rückwärts. In diesem Alter sind dann die Nackenmuskeln stark genug, um dem Kopf bei einem Frontalunfall Halt zu bieten. Nach Ansicht von Fachleuten sind Reboarder für Kleinkinder die sicherste Variante. In gängigen Tests schnitten sie in der Vergangenheit dennoch nur mittelmäßig ab, weil sie zwar sicherer, meist aber komplizierter einzubauen sind als vorwärts gewandte Sitze. Trotzdem ist für Ulrich Grundwald klar: „Für maximale Sicherheit sollten Eltern ihre Kinder so lange wie möglich rückwärts transportieren – am besten sogar drei Jahre lang.“