Neue Varianten: Wie haben sie die Pandemie beeinflusst?

Coronavirus

Neue Formen des Coronavirus werden gefürchtet und ihre Ausbreitung wird überwacht. Das Pandemiegeschehen lässt sich aber nicht einfach nur einem neuen Erreger zuschreiben.

20.05.2021, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Inzwischen bestimmen mehr und mehr Varianten des Erregers die Pandemie.

Inzwischen bestimmen mehr und mehr Varianten des Erregers die Pandemie. © picture alliance/dpa

Sie können leichter übertragbar sein oder sogar den Impfschutz herabsetzen: Viele neue Varianten des Coronavirus werden mit Sorge betrachtet. Wenn sich das Pandemiegeschehen in einer Region der Welt verändert, wird dies zwar schnell auf das Auftreten neuer Varianten zurückgeführt. Das ist aber nicht immer richtig, und es muss auch nicht bedeuten, dass sich in anderen Ländern ein ähnlicher Effekt zeigt.

So gingen im Januar bedrohliche Bilder aus der brasilianischen Stadt Manaus um die Welt, wo Menschen für Sauerstofflaschen anstehen mussten. Verantwortlich gemacht wurde das Auftreten der Variante P.1. Möglich ist zwar, dass P.1 wie fast alle neuen Varianten aufgrund seiner Mutationen leichter übertragen wird. Auch das Robert Koch-Institut (RKI) hält das für denkbar. Die Zustände in Manaus sind aber nicht allein auf die veränderten Eigenschaften des Erregers zurückführen.

Vielmehr hat die Verbreitung des Virus die Schwächen des brasilianischen Gesundheitssystems aufgezeigt. Eine leichtere Übertragbarkeit der Mutante P.1 könnte die Probleme dann noch verstärkt haben. Auch eine höhere Sterblichkeit, die in Manaus beobachtet wurde, lässt sich nicht einfach dem Erreger zuschreiben: Sie lässt sich genauso gut dadurch erklären, dass die Versorgung der Kranken in der brasilianischen Stadt zusammengebrochen war.

P.1 setzte sich in Deutschland nicht durch

In Deutschland scheint sich P.1 ohnehin bisher nicht durchzusetzen. Obwohl die Variante seit Januar mehrfach in Deutschland nachgewiesen wurde, hat sich der mutierte Erreger auch fast ein halbes Jahr später nicht ausgebreitet. Laut einem aktuellen Bericht des RKI (Stand 12.05.) hat P.1. „weiterhin einen sehr geringen Anteil von 0,5 Prozent“ an den untersuchten Proben.

Jetzt lesen

Die Variante B.1.351, die zunächst vor allem das Infektionsgeschehen in Südafrika dominierte, kommt in Deutschland bis heute ebenfalls kaum vor. Ihr Anteil an den untersuchten Proben liegt laut RKI seit Wochen bei um die 1 Prozent oder sogar darunter. B.1.351 wurde deshalb gefürchtet, weil Impfungen schlechter gegen sie wirken. Allerdings scheint der Impfschutz in den meisten Fällen trotzdem auszureichen, um schwere Verläufe und Todesfälle zu verhindern.

Infektionszahlen trotz britischer Variante gefallen

Im Fall der zunächst in Großbritannien nachgewiesenen Variante B.1.1.7 gab es die Befürchtung, diese könne zu einem exponentiellen Anstieg der Infektionszahlen in Deutschland oder gar zu schwereren Krankheitsverläufen führen. Seit Beginn des Jahres hatte sich der mutierte Erreger in Deutschland immer stärker ausgebreitet. Inzwischen ist B.1.1.7 längst die vorherrschende Variante, die in 91 bis 92 Prozent der untersuchten Proben nachgewiesen wird. Die Infektionszahlen waren dennoch von Januar bis März gefallen und während der dritten Welle im April infizierten sich weniger Menschen als noch während der zweiten Welle im Winter – die von der Ursprungsvariante des Virus verursacht wurde.

Auch in Großbritannien war es trotz der Ausbreitung von B.1.1.7 nur zu einem kurzen, vorübergehenden Anstieg der Infektionszahlen gekommen, die seitdem beständig absanken. Forscher des University College London konnten zudem inzwischen belegen, dass B.1.1.7 keine Auswirkung auf die Schwere einer Covid-19-Erkrankung hat.

Prognosen nicht immer zutreffend

Die Unsicherheit bei Prognosen, etwa wie schnell sich eine Variante womöglich verbreitet, hängen damit zusammen, wie diese zu Stande kommen: Sie gehen entweder auf Laborexperimente mit Zellkulturen zurück, mit denen sich aber nicht sicher bestimmen lässt, wie schnell sich jemand in der Realität ansteckt. Oder es wird eine schnellere Ausbreitung einer Variante in einer bestimmten Region festgestellt – dies lässt sich aber nicht immer auf das epidemiologische Geschehen in einem anderen Land übertragen.

Leicht veränderte Eigenschaften eines Erregers wirken sich vor allem dann nicht oder kaum auf das Infektionsgeschehen aus, wenn die gleichen Schutzmaßnahmen gegen sie Wirkung zeigen. So konnte eine neue Untersuchung belegen, dass nicht nur die üblichen Desinfektionsmittel, sondern auch Hitze und selbst gründliches Händewaschen eine Übertragung neuer und alter Varianten des Coronavirus gleich gut verhindern können. Die Variante B.1.1.7 und auch B.1.351 ließen sich dadurch problemlos bekämpfen.

Auch auf glatten Oberflächen oder Gesichtsmasken hielten sich die mutierten Viren nicht länger als der ursprüngliche Typ des Virus. Das erklärt, warum sich solche Varianten im Alltags keinesfalls ungehemmt ausbreiten – selbst wenn sie sich unter Laborbedingungen als infektiöser erweisen.

Impfschutz auch bei indischer Variante

Für die in Indien entdeckt Variante B.1.617 gilt das gleiche, wie für P.1: Der aktuelle Notstand im indischen Bundesstaat Maharashtra hat mehrere Gründe, die Gesundheitsversorgung ist schon außerhalb von Krisenzeiten nicht mit der in europäischen Ländern vergleichbar. Allein die Veränderungen des Virus können nicht für die Situation verantwortlich gemacht werden. Auch wurde längst nicht das ganze Land erfasst: Die 7-Tagesinzidenz liegt in ganz Indien nach einer Auswertung von Zahlen der Johns Hopkins University bei etwa 156 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

Jetzt lesen

Trotzdem wird B.1.617 von der WHO inzwischen als besorgniserregend eingestuft, weil es Hinweise auf eine leichtere Übertragbarkeit gibt. Ihre Mutationen könnten außerdem die Wirkung von Impfstoffen beeinflussen. Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek geht hierbei nur von einer leicht eingeschränkten Wirkung der Impfungen, aber nicht von einem vollständigen Versagen aus. Noch dazu ist der Erreger in Deutschland kaum verbreitet: Zwei Subtypen der Variante machten nach Daten des RKI zusammen zuletzt nur 1,5 Prozent der untersuchten Proben aus.

RND

Schlagworte: