Nézet-Séguin meistert Mahlers "Lied von der Erde" großartig

Konzerthaus Dortmund

"Was glauben Sie? Ist das überhaupt zum aushalten? Werden sich die Menschen nicht darnach umbringen? Und haben Sie eine Ahnung, wie man das dirigieren soll? Ich nicht!", hat Gustav Mahler seinen Freund, den Dirigenten Bruno Walter nach der Komposition des "Abschieds" vom "Lied von der Erde" gefragt. Yannick Nézet-Séguin gab auf diese Fragen eine Antwort.

DORTMUND

, 26.10.2015, 16:57 Uhr / Lesedauer: 1 min
Yannick Nézet-Séguin

Yannick Nézet-Séguin

Mahler erlebte die Uraufführung 1911 nicht mehr, aber dieser Orchesterlied-Zyklus, Mahlers eigentliche neunte Sinfonie, bleibt bis heute eine Herausforderung für die Dirigenten.

Yannick Nézet-Séguin stellte sich dieser am Sonntagabend im Konzerthaus Dortmund und machte mit seinem Rotterdam Philharmonic Orchestra den fast anderthalbstündigen Abgesang auf das Leben zu einem eindrucksvollen Erlebnis des Verfalls.

Präzise und emotional

Oft ist Nézet-Séguin ja dann besonders eindrucksvoll, wenn er das Publikum mit bombastisch aufgebauten Klängen mitreißen kann. In diesem Werk, das genau das Gegenteil ist und immer mehr in sich verfällt, war der 40-jährige Kanadier genauso imposant. Das Morbide und die Zwischentöne zwischen Verzweiflung und Weltschmerz und die Darstellungen des Schönen mittendrin waren ungemein präzise ausgeleuchtet, klangen zwar emotional aber nie pathetisch.

Anrührend tiefe Traurigkeit ließ die lyrische Mezzosopranistin Sarah Connolly aus den Abschiedsliedern klingen. Robert Dean Smith hatte anfangs Mühe, seinen Wagner-Heldentenor über die rauschenden Orchesterklänge zu heben.

Sonniges Werk

Vorangestellt hatte Nézet-Séguin ein sonniges Werk, Beethovens "Pastorale". Und da sah es bei diesem fantastischen Dirigenten manchmal so aus, als stehe er in diesen klingenden Landschaften und freue sich an jeder Ecke über ein neues Wunder. - Über die wie auf Moos gebetteten Streicherklänge im zweiten Satz ebenso wie über das Gewitter, in dem es so aussah, als würde Nézet-Séguin selbst mit der Faust Blitze in den Saal schleudern.

Dieser Dirigent ist ein emotionaler Durchlauferhitzer, der mimisch und gestisch alles verstärkt, was in der Musik enthalten ist. Ein Geschenk für jedes Orchester und das Publikum.

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