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Nolans Film „Dunkirk“ zeigt, wie Krieg sich anfühlt

Neu im Kino

Christopher Nolans "Dunkirk" ist kein Heldenepos, keine pathetische Schlacht-Chronik vom Feldherrenhügel. Er rekonstruiert das Drama von Dünkirchen (wo 320000 Soldaten 1940 über den Kanal entkamen) aus Sicht des kleinen Mannes, meisterlich packend und aufwühlend.

24.07.2017 / Lesedauer: 3 min

Auch in anderen Weltkriegsfilmen gibt es Augenblicke, wo wir in die Haut eines Soldaten schlüpfen, mit seinen Augen sehen, mit seinen Ohren hören. Da sind die meditativen Momente in Terence Malicks "Der schmale Grat", wir erinnern die Strand-Sequenzen in "Der Soldat James Ryan", wo Tom Hanks' Figur kurze Zeit taub ist und Steven Spielberg die Schlacht "impressionistisch" abbildet.

Nolan geht radikaler vor. Er hält die subjektive Warte konsequent bis zum Ende durch, verzichtet auf alle Action-Klischees, zeigt nicht einmal den Gegner in Person. Stukas und deutsche Jagdflieger greifen Schiffe und Truppen bei Dünkirchen an, aber die "Jerrys" haben kein Gesicht. Der arme Tommy, dem zu Beginn die Kugeln um die Ohren fliegen, hat es mit einer gesichtslosen Tötungsmaschine zu tun.

Christopher Nolans "Dunkirk" als Emotionsbad

Er sieht nicht eine deutsche Uniform, das ist sein Krieg. Nolans Dünkirchen ist ein gefühltes, atmosphärisches Dünkirchen, ein Emotionsbad aus Angst und Panik, Verzweiflung, Apathie und vager Hoffnung auf ein Wunder. Das bestünde darin, dass es den Briten gelingt, die Männer in Schiffe zu verfrachten und nach England zu schippern.

Wir wissen, wie die Geschichte ausging, was der Intensität und Spannung von Nolans Film keinen Abbruch tut. Der geht auf Tuchfühlung zu drei, vier Figuren, die er aus der Masse der Beteiligten herauspickt. Ein 08/15-Soldat (Fionn Whitehead) vagabundiert über den Strand, besteigt Schiffe, die sinken, versucht es aber immer wieder.

"Dunkirk" ist apokalyptisches Kriegs-Szenario

Ein Privatmann (Mark Rylance) folgt dem Aufruf der Regierung und nimmt mit seiner kleinen Yacht Kurs auf die belgische Küste, an Bord sind sein Sohn und ein Schuljunge, der etwa 16 ist. In der Luft steuern britische Spitfire-Jäger Dünkirchen an. Tom Hardy spielt einen der Piloten.

Auf der Mole von Dünkirchen versucht ein Offizier (Kenneth Branagh), das Chaos in geregelte Bahnen zu lenken. Schutzlos sitzen die Truppen wie auf dem Präsentierteller am Strand fest. Neue Männer drängen nach, alle wollen in die Boote, Franzosen rangeln mit Briten, Wracks schicken Rauch zum Himmel, ein gespenstisches apokalyptisches Szenario.

Nolan verschweißt die Episoden von "Dunkirk"

Die Evakuierung dauert eine Woche, die Überfahrt einen Tag, der Lufteinsatz eine Stunde. Nolan verschweißt die Episoden zu einem organischen Ganzen, er dehnt und rafft die Zeit zu einem erzählerischen Sog, der uns mitten in Geschehen zieht. Hans Zimmers Musik ist ein unwirkliches Flirren, Mahlen, Tosen, ein dramatisches Klanggemälde, das zu seinen besten Arbeiten zählt.

"Dunkirk" ist ein Kino-Erlebnis von überragender Klasse und Sinnlichkeit. Hey, möchte man denen zurufen, die an der Konsole Weltkrieg daddeln: Wenn ihr spüren wollt, wie es bei Dünkirchen war, dann schaut euch diesen Film an!