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Nordkichener Therapiepferd Lilli geht es wieder besser

Hilfe für krankes Therapieferd

Bei Lilli, dem Therapiepferd der Kinderheilstätte Nordkirchen, wurde Anfang des Jahres ein bösartiger Tumor festgestellt. Nur eine teure OP konnte ihr Überleben sichern. Durch Zufall wurde ein Ehepaar zu Lillis Lebensrettern.

Nordkirchen

, 14.03.2018
Nordkichener Therapiepferd Lilli geht es wieder besser

Therapiepferd Lilli und ihre Lebensretter Marita und Dieter Melcher. Dank der spontanen Hilfe des Ehepaars konnte eine teure Augenoperation bei der Haflingerstute bezahlt werden. © Foto: Karim Laouari

Wie viele Kinder die 17-jährige Lilli in ihrem bisherigen Arbeitsleben genau therapiert hat, kann Heilpädagogin Anne Weissner nicht sagen. „Hunderte“ ist die präziseste Aussage, die sie treffen kann. Kindern aus dem gesamten Kreis Coesfeld ist die Haflinger-Stute Lilli seit über zehn Jahren ein Begriff, weil sie von der Pferdedame Hilfe bekommen haben. Bis Lilli vor einigen Wochen plötzlich selbst Hilfe brauchte, als ein bösartiger Tumor bei dem Tier diagnostiziert wurde.

Hunderte Kinder nutzen das Angebot

Die Stute ist neben dem 23-jährigen Flick eines von zwei Therapiepferden der Frühförderstelle der Kinderheilstätte. In der Frühförderung werden nicht ausschließlich Kinder mit Behinderungen therapiert, sondern unter anderem auch solche, die in ihrer Entwicklung verzögert sind, wie Gisela Stöver te Kaat vom Sozialmarketing der Kinderheilstätte im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt. Etwa 130 Kinder im Alter zwischen 0 und sechs Jahren aus dem gesamten Kreis nutzen das Angebot aktuell.

Das therapeutische Reiten ist mittlerweile eine weitverbreitete Behandlungsform. Es ist aber nur ein Überbegriff, wie Ina El Kobbia erklärt. Sie ist Geschäftsführerin des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten (DKTHR), dessen Bundesgeschäftsstelle in Warendorf angesiedelt ist. Das therapeutische Reiten teilt sich einerseits auf in die Hippotherapie, eine Physiotherapie, unterstützt durch das Pferd, so Ina El Kobbia. Diese Form der Therapie werde in den meisten Fällen von erwachsenen Patienten genutzt. Der zweite Bereich, den auch die beiden Therapiepferde der Kinderheilstätte abdecken, ist die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd. Diese komme im überwiegenden Teil der Fälle bei Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter zum Einsatz.

Lilli wirkt lethargisch

Wie wichtig Flick und Lilli für die Kinder und ihre Familien sind, zeigt sich Anfang dieses Jahres. Anne Weissner bemerkt als Erste, dass mit Lilli etwas nicht stimmt. Lilli, das Pferd, das nach Aussage der Heilpädagogin immer motiviert und mit viel Freude seine Arbeit gemacht hat, habe auf einmal „lethargisch dagestanden – die Augen geschlossen“, erinnert sich Anne Weissner. Das Tier habe offensichtlich Schmerzen gehabt. Eine Untersuchung in einer Tierklinik in Karthaus brachte schließlich die traurige Gewissheit: Ein bösartiger Tumor drückte auf Lillis rechtes Auge. Das „Es gab nur noch zwei Möglichkeiten: Das Tier einzuschläfern oder das Auge zu entfernen“, erklärt die Heilpädagogin. Eine Operation sollte 1500 Euro kosten. Geld, das nicht einfach zur Verfügung steht, weil sich die tiergestützte Therapie der Kinderheilstätte aus Spenden finanziert.

Schock für Kinder und Eltern

Kinder und Eltern waren schockiert von der Nachricht, dass Lilli schwer erkrankt war. „Und dann kamen die Engel, Familie Melcher“, sagt Anne Weissner mit großer Erleichterung in der Stimme. Familie Melcher, das sind Marita und Dieter Melcher, die mit 14 ehrenamtlichen Mitarbeitern die gemeinnützigen Secondhand-Läden „Düt und Dat“ in Selm und Werne betreiben. Die beiden sind – und so kam der Stein ins Rollen – auch Vermieter. In ihrer Wohnung lebt Anne Weissners Mutter. Die erzählte dem Ehepaar von dem todkranken Therapiepferd. Für die beiden sei sofort klar gewesen: „Wir wollen helfen“, sagt Dieter Melcher.

Das Ehepaar stand zu seinem Wort und Lillis Leben gerettet. „Ich habe sie in die Klinik gebracht und am selben Tag noch abgeholt“, sagt Anne Weissner. Das ist jetzt einige Wochen her und Lilli geht es wieder gut. Schmerzen sind dem Tier nicht mehr anzumerken, es müsse sich aber noch daran gewöhnen, dass sein Sichtfeld jetzt eingeschränkt ist. Pferde würden ein fehlendes Auge aber durch das Gehör und den Tastsinn ausgleichen, erklärt die Heilpädagogin weiter.

Den Ruhestand bedeutet das Handicap für Lilli also nicht. Dank der Unterstützung der Melchers kann das Pferd wiederum weiter Kindern helfen, für die Lilli, so Gisela Stöver te Kaat, zu den liebsten Mitarbeitern der Kinderheilstätte gehört.

Das steckt hinter der Förderung mit Pferd Die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd wird immer von einem Sonder- oder Heilpädagogen mit einer entsprechenden Zusatzausbildung angeboten, erklärt Ina El Kobbia. Wie auch bei der Hippotherapie gehe es dabei nicht primär um das Reiten, sondern darum, das Pferd als Therapiewerkzeug zu nutzen. „Pferde sind große Tiere mit ausgeprägtem Sozialverhalten“, erklärt die DKHTR-Geschäftsführerin. So würden Kinder mit einer Behinderung oder Verhaltensauffälligkeit schnell merken, wenn sie zum Beispiel zu laut sind und sich das Pferd abwendet. Für die Tiere seien beide Therapieformen ein gutes Stück Arbeit. Das DKHTR empfehle daher bei der heilpädagogischen Förderung, dass die Tiere vier Mal pro Woche, maximal vier Mal pro Tag eingesetzt werden. Körperlich sei die Therapiearbeit für die Pferde weniger anstrengend, dafür werde das Tier psychisch belastet durch die Geräuschkulisse, und „viel Drumherum“, so Ina El Kobbia. In den meisten Fällen gingen Therapiepferde nach 10 bis 14 Jahren in den Ruhestand. Die Pferde seien dann zwischen 20 und 23 Jahre alt.
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