Notbremse erst Ende April: Wieso sinkt die Sieben-Tage-Inzidenz nun trotzdem?

Coronavirus

Um Ostern wurde die Corona-Infektionsdynamik bereits etwas abgeschwächt. Und nun wird sie erneut seit einigen Tagen ausgebremst. Woran liegt das? Mehrere Faktoren sollen eine Rolle spielen.

von Saskia Bücker, Laura Beigel

, 02.05.2021, 11:41 Uhr / Lesedauer: 4 min
Der positive Trend setzt sich fort: Seit sechs Tagen sinkt die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland. (Symbolbild)

Der positive Trend setzt sich fort: Seit sechs Tagen sinkt die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland. (Symbolbild) © picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die dritte Welle hat sich in Deutschland in den vergangenen Wochen wie erwartet mit einem hohen Infektionsgeschehen, rund 1000 Todesfällen im Zusammenhang mit dem Coronavirus pro Woche und einer hohen Belastung in den Kliniken entwickelt.

Wie aber ist zu erklären, dass bereits nach Ostern die Infektionsdynamik etwas abgeschwächt wurde und nun bereits seit einigen Tagen der erwartete Anstieg weiter gebremst wurde? Ist das ein Trend, der Hoffnung auf eine verbesserte Corona-Lage für die kommenden Wochen zulassen kann?

Modellierungen hatten Anfang März immerhin Worst-Case-Szenarien errechnet, die noch weitaus schlimmer hätten ausfallen können: mit einer Sieben-Tage-Inzidenz um 350 bis 500 um Ostern (RKI), einer Sieben-Tage-Inzidenz um 2000 im Mai (Forschende um Kai Nagel an der Technischen Universität Berlin) und Spitzenbelastungen mit bis zu 9000 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen (Divi). Wieso ist das nicht eingetreten?

Auf bundespolitischer Ebene wurde immerhin über Wochen nichts Größeres beschlossen. Die Bundesnotbremse greift erst seit etwas mehr als einer Woche, Samstag, den 24. April.

Nach letzter MPK: doch keine Osterruhe, Notbremse erst Ende April

Zur Erinnerung: Die klassische Konferenz zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten, die sogenannte MPK, ist passé. Zuletzt fand sie am 22. März statt, ging wie gewohnt am Nachmittag los – und zog sich dann bei zähen Verhandlungen bis spät in die Nacht hinein, während viele Menschen in Deutschland erwartungsvoll vor dem leeren Livestream-Bildschirm der eigentlich noch für den Abend geplanten Pressekonferenz ausharrten.

Dabei stand viel auf dem Spiel: Denn die Infektionsdynamik hatte sich seit Anfang März stark verschlechtert. Wissenschaftler hatten das bereits Ende Januar vorausgesagt – mit Blick auf die sich von Großbritannien aus sehr schnell verbreitende und ansteckendere Virusvariante B.1.1.7.

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Es folgte eine große Enttäuschung auf politischer Seite: Vereinbart wurde am Ende nicht viel, trotz stundenlanger Debatten. Man einigte sich auf den letzten Metern immerhin auf eine Osterruhe. Aber nur kurze Zeit später folgte dann die überraschende Absage, die Kanzlerin bezeichnete den Beschluss als „einzig und allein meinen Fehler“.

Und dann? Kam Ostern, kündigte unter anderem Armin Laschet an, über weitere Corona-Maßnahmen nachzudenken, verstrich Woche um Woche. Trotz immer lauter werdender Hilferufe von Intensivmedizinern wie dem Divi-Intensivregister-Verantwortlichen Christian Karagiannidis wurden dann bis zum 24. April keine konkreten neuen Corona-Maßnahmen auf Bundesebene beschlossen.

Wie sich die Corona-Lage entwickelt hat

Ein Blick auf verschiedene Kennziffern verdeutlicht: Nun bahnt sich möglicherweise eine Trendumkehr an. Am sechsten Tag in Folge entwickelte sich die Sieben-Tage-Inzidenz rückläufig (Stand 2. Mai). Diese Kennzahl ist entscheidend, wenn es um Lockerungen der Corona-Maßnahmen geht. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab die wichtige Kennzahl am Sonntagmorgen mit 146,5 an.

So niedrig lag die Sieben-Tage-Inzidenz seit Mitte April nicht mehr. Am Montag waren 169,3 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche verzeichnet worden – also weitaus weniger als die im Worst-Case-Szenario berechnete 300er-Marke, die das RKI im März auch als möglich erachtete.

Mit um die 20.000 gemeldeten Corona-Neuinfektionen pro Tag bleibt es aber trotzdem bei einem noch relativ hohen Tageswert. Auch die Positivenrate, also der Anteil positiver PCR-Nachweise bei den Testproben, bewegt sich im April konstant auf hohem Niveau. Zudem werden wöchentlich um die 1000 neuen Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus verzeichnet.

RKI-Chef Lothar Wieler und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatten am Donnerstag betont, trotz des gebremsten Anstiegs sei es zu früh für Entwarnung. Wieler schilderte, dass selbst bei den älteren Menschen noch sehr große Impflücken klafften. Es bleibt auch bei großen Unterschieden zwischen den Bundesländern: Während Sachsen und Thüringen auf Sieben-Tage-Inzidenzen von über 200 kommen, liegt Hamburg bei knapp unter 100, Schleswig-Holstein sogar bei nur 64.

Wie sich Fachleute die abgebremste Dynamik im April erklären

Dass die Corona-Fallzahlen sinken, sei „zumindest ein Grund zur vorsichtigen Hoffnung“, sagte Prof. Friedemann Weber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Er leitet an der Justus-Liebig-Universität Gießen das Institut für Virologie. Seine Erklärung für den Rückgang der Inzidenzen: „Es ist ein Mix aus unterschiedlichen Faktoren, der eine Rolle spielt.“

Nicht nur die milden Frühlingstemperaturen würden das Infektionsgeschehen in Deutschland beeinflussen, sondern auch die Fortschritte der Impfkampagne. Knapp 27 Prozent der Bürger haben mittlerweile eine erste Impfdosis erhalten, fast 8 Prozent sind sogar schon vollständig immunisiert.

„Die Witterung dürfte einen Beitrag liefern, indem zum Beispiel private Treffen zunehmend ins Freie verlagert werden können und auch in Innenräumen seltener wegen zu niedriger Außentemperaturen aufs Lüften verzichtet wird“, sagte bereits Mitte April der Modellierer Fuhrmann vom Forschungszentrum Jülich. Geholfen habe auch, dass über die Osterferien die Mobilität kurzzeitig deutlich zurückgegangen sei, berichtete der Experte.

Ein weiterer Einflussfaktor seien laut Weber inzwischen auch die bundesweit geltenden Corona-Maßnahmen. Seit vergangenem Samstag greift beispielsweise in Städten und Kreisen, in denen die Sieben-Tage-Inzidenz – also die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen – an drei Tagen hintereinander über 100 liegt, die neue Bundesnotbremse.

Diese zieht Ausgangssperren und noch einmal verschärfte Kontaktregeln nach sich, bei noch höherer Inzidenz muss es in den Schulen zum Fernunterricht kommen.

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Unklar ist jedoch, wie groß der Einfluss der Notbremse auf die Fallzahlen bereits ist. Weber weist darauf hin: „Wenn solche härteren Maßnahmen in der Öffentlichkeit diskutiert werden, zeigt sich meist schon vor ihrer Einführung ein Rückgang der Mobilität. Das lehrt die Erfahrung.“ Den Menschen werde dann die Gefahr des Coronavirus bewusster und sie ändern zum Teil ihr Verhalten.

Zumal die Bundesländer auf regionaler Ebene auch vorab schon unterschiedliche Maßnahmen durchgesetzt hatten. So hat Hamburg beispielsweise seit Karfreitag eine nächtliche Ausgangssperre, in Bayerischen Landkreisen bereits seit Mitte Februar ab einer Inzidenz von über 100.

Corona-Pandemie: Womit ist im Frühling und Sommer zu rechnen?

Virologen rechnen damit, dass uns der saisonale Effekt weiter in die Karten spielen wird. Die Temperaturen klettern in den kommenden Wochen weiter nach oben – und bremsen das Virus wahrscheinlich ein Stück weit aus. Die Impfungen werden ebenso weiter voranschreiten und stückchenweise immer mehr Menschen vor schweren Covid-19-Verläufen schützen sowie andere vor Ansteckung.

Auch wichtig: Aktuelle Umfragen zeigen, dass rund 70 Prozent der Menschen in Deutschland derzeit bereit sind, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Regelmäßiges Testen hilft zudem, Infektionen möglichst schnell zu entdecken.

Mehrere Wissenschaftler erwarten vorerst keine Trendumkehr hin zu einem Anstieg der Infektionszahlen. „Ich rechne nicht mehr mit einer Zunahme, aber auch nicht mit einer schnellen Abnahme“, sagte Mobilitätsforscher Kai Nagel von der TU Berlin vergangene Woche Donnerstag.

Optimistisch zeigt sich die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Inzidenzen von deutlich unter 50 wie im vergangenen Sommer seien wahrscheinlich in den nächsten Wochen zu erreichen, sagte sie. Grund dafür sei vor allem der Impffortschritt.

Es sei auch denkbar, dass im Sommer die Schulen, Restaurants und Geschäfte wieder offen sein werden und auch kleinere Feiern und Veranstaltungen mit Hygienekonzept möglich werden könnten. Die Leiterin der Forschungsgruppe Theorie neuronaler Systeme geht allerdings davon aus, dass im Herbst eine Saisonalität von rund 20 Prozent eine weitere Infektionswelle bringen könnte, der R-Wert könne wieder auf rund 1,2 steigen.

Die Corona-Varianten blieben weiterhin der größte Unsicherheitsfaktor im Pandemiegeschehen. Optimistische Überlegungen zum Sommer funktionieren Priesemann zufolge nur so lange, wie sich hierzulande keine potente Escapevariante durchsetzt, die den Impfschutz durch die Impfungen gefährden könnte.

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