Notbremse in der dritten Welle: Kommt bald erneut der härtere Lockdown?

Coronavirus

Die Intensivmediziner fordern eine sofortige Rückkehr in den Lockdown. Modelldaten zeigen, dass sich die dritte Infektionswelle schlimmer entwickeln könnte als noch um Weihnachten herum.

Berlin

16.03.2021, 08:27 Uhr / Lesedauer: 3 min
Sind die Klassenzimmer bald wieder leer? Corona-Experten fordern, dass Öffnungen erst bei bestehender Teststrategie erfolgen sollten.

Sind die Klassenzimmer bald wieder leer? Corona-Experten fordern, dass Öffnungen erst bei bestehender Teststrategie erfolgen sollten. © picture alliance/dpa

Deutschlands Intensivmediziner fordern eine sofortige Rückkehr in den Lockdown. „Von den Daten, die wir jetzt haben und sehen und mit dem Durchsetzen der britischen Mutante würden wir sehr stark dafür plädieren, jetzt sofort wieder in einen Lockdown zu gehen, um einfach eine starke dritte Welle zu verhindern“, sagte der wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, im rbb-Sender Radioeins. 5000 bis 6000 Covid-19-Patienten auf der Intensivstation seien bald möglich, aktuell sind es rund 2800.

Karagiannidis hoffe sehr, dass die Länder die beschlossene Notbremse bei einer Inzidenz von 100 durchsetzen. In 98 Landkreisen ist diese Schwelle laut RKI-Daten bereits überschritten. Aber: Nicht alle halten sich an die Vereinbarung. Einzelne Landkreise in Brandenburg und Rheinland-Pfalz zogen die Notbremse nur mit halber Kraft – obwohl die Sieben-Tage-Inzidenz dort seit mehr als drei Tagen bei über 100 lag.

Corona-Experten fordern: Schnelltest-Strategie erst umsetzen, dann öffnen

Epidemiologe Lauterbach fordert zudem die „routinemäßige Testung“ einer Stichprobe auf Virusvarianten. „Sonst verlieren wir den Überblick über die Dunkelziffer und den Testeffekt.“ Eine solche Stichprobe sei in England sehr wertvoll und werde regelmäßig gemacht. Auch die erneute Schließung von Schulen könne nur abgewendet werden, wenn Schüler zweimal pro Woche mit Schnelltests getestet würden. Schulen, die dies noch nicht vorbereitet haben, sollten wieder geschlossen werden, forderte Lauterbach gegenüber der „Rheinischen Post“.

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„Wenn man sich epidemiologische Modellrechnungen anschaut, wäre eine systematische, sich wiederholende Testung, bei der 50 bis 70 Prozent der Bevölkerung bei drei bis fünf Tests pro Woche mitmachen, ein gutes Mittel, um die Inzidenz zu senken“, sagte die Vorsitzende des europäischen Ethikrats Christiane Woopen gegenüber dem RND. „Je mehr mitmachen und je häufiger getestet wird, umso schneller ist die Kurve unten – so die Faustregel.“ Es werde seitens der Politik allerdings noch nicht erkannt, dass Schnell- und Selbsttests in eine Public-Health- und eine Kommunikationsstrategie eingebunden werden müssten, um mit den bislang knappen Mitteln bestmöglich umzugehen.

Öffnungsstrategie und Inzidenzen: Der richtige Weg in der dritten Welle?

Woopen, auch Mitglied im Corona-Expertenrat des NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet, kritisierte die derzeitige Strategieausrichtung in Deutschland. Eine dritte Welle könne dadurch nicht verhindert werden. „Es wird jetzt alles weitgehend genauso wie vorher gemacht, es wird aber ein völlig anderes Ergebnis erhofft. Das ist völlig irrational und führt wahrscheinlich auch nicht zu der gewünschten Orientierung und Motivation für die Bevölkerung.“

Sie schlägt vor, Öffnungsschritte nicht nach Branchen und Inzidenzen zu definieren. „Erst dort, wo es die Schnelltests und die Infektionsketten-Nachverfolgung wirklich gibt, kann man aufmachen.“ Es brauche auch eine geeignete digitale Plattform, die praktikabel für den Nutzer sein sollte und auf der die Gesundheitsämter alle Kontakte ohne zeitraubenden Aufwand nachverfolgen könnten. Dadurch könne auch differenzierter verstanden werden, in welchen Settings die Corona-Infektionen vermehrt stattfinden.

Beschleunigung durch B 1.1.7: Corona-Fallzahlen und R-Wert steigen

Die Kennzahlen zeigen inzwischen eindeutig, dass Deutschland in der dritten Infektionswelle steckt. Der Anstieg der Corona-Fallzahlen hat sich beschleunigt, die bundesweite 7-Tage-Inzidenz ist zum fünften Mal in Folge deutlich gestiegen – und lag am Montag bei einem Wert von 82,9. So hoch befand sich der Wert zuletzt am 3. Februar. Auch der Sieben-Tage-R-Wert lag seit dem 1. März nur fünfmal unter der kritischen Marke von eins – und vor allem in den vergangenen Tagen deutlich darüber.

Die dritte Welle kommt also zunehmend in Schwung, und könnte dem RKI zufolge weitaus schlimmer werden als noch um Weihnachten herum. Eine RKI-Modellrechnung erwartet einen Höchststand in der Woche nach Ostern, mit einer Inzidenz bei rund 350. Zum Vergleich: Höchststand war bislang 197,6, das war kurz vor Weihnachten, am 22. Dezember. „Ich habe ausgerechnet, dass etwa zwei Drittel der Erhöhung der Fallzahlen auf die neue Mutation B.1.1.7 zurückgehen“, erklärte der Epidemiologe und SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach gegenüber dem RND.

Aber auch das Verhalten der Menschen im Zuge erster Lockerungen verändert sich: Schulen und Kitas füllen sich wieder, Läden machen auf – Urlaubsbuchungen für die Ferieninsel Mallorca nehmen sprunghaft zu. „Der Appell ist, auf jede nicht unbedingt notwendige Reise zu verzichten“, betonte daraufhin Regierungssprecher Steffen Seibert. Mit einer vollständigen Impfung vor Covid-19 geschützt sind laut Impfdashboard erst 3,3 Prozent der Gesamtbevölkerung.

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Mehr Tempo gibt es voraussichtlich erst im April, wenn auch die Hausärzte impfen. Inwieweit die jüngst eingeführten Schnelltests einen Einfluss auf die Fallzahlen haben, ist noch unklar. In den bisher verfügbaren Daten sticht noch keine sehr starke Zunahme bei der Zahl der wöchentlichen PCR-Tests ins Auge.

RND

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