NRW verhängt regionalen Lockdown - was das für die Menschen in Gütersloh und Warendorf bedeutet

Coronavirus

Mehr als 1950 infizierte Arbeiter: Die NRW-Regierung zieht die Notbremse. Regierungschef Armin Laschet verkündet einen regionalen Lockdown für zwei Kreise und dies hat Folgen.

Düsseldorf/Gütersloh

23.06.2020, 12:05 Uhr / Lesedauer: 3 min
In Gütersloh wurde wegen des massiven Corona-Ausbruchs bei Tönnies der Lockdown verhängt.

In Gütersloh wurde wegen des massiven Corona-Ausbruchs bei Tönnies der Lockdown verhängt. © picture alliance/dpa

Der massive Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies trifft die Menschen in den westfälischen Kreisen Gütersloh und Warendorf hart. Kurz vor Beginn der Sommerferien in Nordrhein-Westfalen schränken die NRW-Behörden den Alltag von mehr als 640 000 Einwohnern in der Region um die größte deutsche Fleischfabrik erheblich ein. Bayern und Mecklenburg-Vorpommern wollen Touristen aus Corona-Hotspots nicht mehr im Land übernachten lassen.

Viele der im übrigen Bundesgebiet inzwischen weitgehend aufgehobenen Pandemie-Schutzmaßnahmen treten in den beiden Kreisen zumindest bis zum 30. Juni wieder in Kraft, wie die Landesregierung am Dienstag mitteilte. Der Lockdown beginnt in der Nacht zum Mittwoch um Mitternacht. Es handele sich um das bisher „größte Infektionsgeschehen“ in NRW und auch deutschlandweit, sagte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Der Lockdown sei nötig, um durch Tests feststellen zu können, „ob auch über die Mitarbeiter von Tönnies hinaus in der Bevölkerung das Virus bereits verbreitet ist“.

Fitnessstudios werden wieder geschlossen

Im öffentlichen Raum dürfen sich die Menschen nur noch mit Personen des eigenen Hausstands bewegen. Treffen dürfen sich auch zwei Personen, die weder der Familie angehören noch zusammen leben. Zudem verbieten die Behörden nach dem neuen Sicherheitspaket Sport in geschlossenen Räumen sowie zahlreiche Kulturveranstaltungen. Fitnessstudios werden ebenso geschlossen wie Kinos und Bars. Schulen und Kindertagesstätten sind im Kreis Gütersloh bereits seit dem 17. Juni geschlossen.

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Im Kreis Warendorf geschieht das am Donnerstag, zwei Tage vor Ferienbeginn in NRW. Die Entscheidung der Landesregierung, auch für den Kreis Warendorf einen Lockdown zu verhängen, kam am Dienstagnachmittag überraschend. Noch am Vormittag hatte Laschet erklärt, Schutzmaßnahmen solle es nur in Orten der direkten Nachbarschaft zum Kreis Gütersloh geben. „Man kann das nicht dorfscharf machen“, begründete Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann die Ausweitung auf den gesamten Kreis. „Das gesellschaftliche Leben orientiert sich nicht an Dorfgrenzen.“ Zudem habe die 7-Tages-Inzidenz den Wert von 50 überschritten. „Darauf guckt auch Deutschland. Darauf guckt auch das Ausland. Und ich finde, wenn man das abgemacht hat, muss man sich auch dran halten“, so Laumann.

Nach Einreise in Quarantäne

Von der Ostseeinsel Usedom musste bereits ein Ehepaar aus Gütersloh abreisen, wie ein Sprecher des Kreises Vorpommern-Greifswald berichtete. In Bayern dürfen Beherbergungsbetriebe künftig keine Menschen mehr aufnehmen, die aus einem Kreis einreisen, in dem die Zahl der Neuinfektionen in den zurückliegenden sieben Tagen bei mehr als 50 pro 100 000 Einwohner liegt. Ausnahmen gebe es nur für Menschen, die einen aktuellen negativen Corona-Test vorweisen könnten, teilte Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) mit.

In Schleswig-Holstein müssen Reisende aus Corona-Risikogebieten wie dem Kreis Gütersloh in Quarantäne. Sie sollten unverzüglich nach der Einreise ihre Wohnung oder eine andere geeignete Unterkunft beziehen, um sich 14 Tage lang zu isolieren, teilte die Landesregierung mit. Laschet warnte davor, die Menschen aus dem Kreis Gütersloh unter „Generalverdacht“ zu stellen. „Dazu gibt es überhaupt keinen Anlass.“ Der Lockdown bedeute kein Ausreiseverbot, betonte der Regierungschef mit Blick auf geplante Urlaubsreisen. Auf eine Frage, ob Bewohner des Kreises Gütersloh in die Ferien fahren dürften, sagte er: „Wer Urlaub plant, kann das natürlich machen.“

Doppelzählungen vermeiden

Zugleich appellierte er aber an die Bewohner, „jetzt nicht aus dem Kreis heraus in andere Kreise zu fahren“. In Gütersloh standen am Dienstag zahlreiche Menschen an einem neu eingerichteten Test-Zentrum an - auch um sich für Kontrollen in den Urlaubsregionen zu wappnen. „Wir fahren am Freitag an die Ostsee in den Urlaub und wollen da einen negativen Test in der Hand haben, falls wir sonst nicht hingelassen werden“, sagte einer der Wartenden.

Wie viele Beschäftigte des Tönnies-Betriebs in Rheda-Wiedenbrück sich infiziert haben, ist unklar. Der Kreis will bei seinen Angaben vorerst nicht mehr nach Tönnies-Mitarbeitern und Personen ohne Bezug zu dem Schlachtbetrieb unterscheiden. Es sei zu Doppelzählungen in den Wohnungen und auf dem Werksgelände gekommen. Insgesamt gebe es im Kreis 1952 positive Befunde.

Einschränkungen weniger umfangreich

Laschet hatte am Vormittag von 1553 infizierten Tönnies-Mitarbeitern gesprochen. Der Landesregierung sei sich bewusst, dass die Schutzvorkehrungen für die Bevölkerung eine große Belastung seien, sagte Gesundheitsminister Laumann. „Doch ohne die Maßnahmen wären die Belastungen am Ende womöglich um ein Vielfaches höher - in den Kreisen Gütersloh und Warendorf, in den benachbarten Kreisen und Städten sowie in den anderen Teilen unseres Landes.“

Die jetzt verkündeten Einschränkungen seien weniger umfangreich als die Regelungen im März, sagte der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer. So dürften zum Beispiel die Geschäfte weiter geöffnet bleiben. Die Einhaltung der Quarantäne der rund 7000 Tönnies-Mitarbeiter, darunter viele Arbeiter aus Osteuropa, soll mit Hilfe der Polizei kontrolliert werden. „Zur Not müssen die Behörden auch mit Zwang diese Anordnung durchsetzen“, sagte Laschet.

dpa

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