Odysseum zeigt Michelangelos Fresken von oben

Erlebnismuseum Köln

Michelangelos "Entstehung Adams" mit dem Zeigefinger Gottes, eines der berühmtesten Motive der Malerei, ist in der Sixtinischen Kapelle in Rom zu bewundern. Es ziert die Decke in 22 Metern Höhe und sorgt für Genickstarre. In Köln ist das Meisterwerk auf dem Boden platziert und viel bequemer zu betrachten.

KÖLN

, 15.06.2016 / Lesedauer: 3 min
Odysseum zeigt Michelangelos Fresken von oben

Von einem Gerüst aus ist im Odysseum Köln die Nachbildung von Michelangelos Deckenfresko aus der Sixtinischen Kapelle im Vatikan von oben zu sehen.

Warum Michelangelos Fresken nicht von ihrem luftigen Platz auf die Erde bringen, wo man sie ohne Verrenkungen studieren kann? So schlicht war wohl die Grundidee der Ausstellungsmacher, die ihre Schau im "Odysseum" Köln "Der andere Blick" getauft haben.

Der Betrachter steht drei Meter hoch auf einem Baugerüst, unter ihm breiten sich großformatige Reproduktionen der Deckenfresken aus, "wie das aufgeschlagene Bilderbuch eines Riesen", sagt Kurator Ingo Langner.

Dias wurden gescannt

Als Autor und Dokumentarfilmer zum Vatikan-Intimus gereift, war es Langner, der den Segen des Chefs der vatikanischen Museen einholte, die Bilder zu reproduzieren.

Dias aus dem Archiv des Vatikans wurden gereinigt, gescannt, die Wölbungen der Deckenbögen retuschiert, um die Bilder auf gummierten Spezialstoff zu drucken. Dass die Farben den Originalen gleichen, versteht sich. Auch bei den Abmessungen sei man dicht an den Fresken, versichern die, die es wissen müssen.

Michelangelo ganz nahe kommen

Auf 1200 Quadratmetern, in zwei Hallen, sollen die Besucher Michelangelo und der Epoche der Renaissance ganz nahe kommen. Im ersten Raum präsentiert das "Odysseum" auch Bilder von Maler-Kollegen (etwa Botticelli), die Michelangelo vorfand, bevor er für vier Jahre ein Gerüst bestieg, um einen Sternenhimmel zu übermalen.

Ein paar Meter weiter sind erste Michelangelos zu sehen, seine Propheten und Sibyllen, gehängt wie man es von Ausstellungen kennt - anderthalb Meter vor unserem Auge, viel, viel näher als in der Sixtinischen Kapelle, manche 4 mal 2,5 Meter im Format.

Motive auf sich wirken lassen

Die Schau versteht sich als Angebot, einzelne Motive auf sich wirken zu lassen: "In der Kapelle hat der Betrachter ja keinen 360-Grad-Blick", erklärt Ingo Langner, "auch dort fokussiert er auf einzelne Details, die er bei uns ohne Hetze ins Auge fassen soll."

Anders gesagt: Im "Odysseum" entfallen die Besuchermassen, die in die Kapelle drängen und den Kunstfreund stetig vorwärts schieben. Kein "Pronto, pronto" von Museumswärtern, dafür kontemplativer Kunstgenuss.

Gottes Popo

Einen Mehrwert generiert die Schau durch den Audioguide mit Texten vom Künstler Zeha Schmidtke. Lebendig erklärt er die Fresken und den Geist der Renaissance: "Wenn wir Gottes Popo sehen, erinnert Michelangelo daran, dass wir alle nach Gottes Bild geschaffen sind."

Die Sixtinische Kapelle hat natürlich Charme, der nicht reproduzierbar ist. Wer ihre Fresken ganz in Ruhe genießen will, hat in Köln die Gelegenheit.

: ", 17.6. bis 23.10., Di-Fr 9-18 Uhr, Sa/So 10-19 Uhr, Corintostraße 1; Eintritt (mit Audioguide) 16 Euro Erwachsene, Kinder 8 Euro.