Ölpreis kollabiert: Spritpreise dürften langfristig sinken

Wirtschaft

Der Ölpreis ist am Montag (9. März) kollabiert, was wohl bald auch an Tankstellen spürbar wird. Aber was ist eigentlich passiert und wer profitiert langfristig von einem niedrigen Ölpreis?

Wien

09.03.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 4 min
Die Sorgen um die Folgen der Coronavirus-Epidemie werden immer größer. Hinzu kommt der Absturz beim Ölpreis. Die Börsen weltweit reagieren mit großen Verlusten.

Die Sorgen um die Folgen der Coronavirus-Epidemie werden immer größer. Hinzu kommt der Absturz beim Ölpreis. Die Börsen weltweit reagieren mit großen Verlusten. © picture alliance/dpa

Das Coronavirus hat die weltweite Wirtschaft im Würgegriff. Der jüngste Streit innerhalb der Erdöl fördernden Länder führte zum Wochenauftakt zu einem Crash am Ölmarkt. Während Anleger sich Sorgen um ihre Investments machen, freuen sich die Autofahrer. Sie können im Zuge des aktuellen Ölpreis-Crashs weiter auf niedrigere Spritpreise an den Tankstellen hoffen.

Der ADAC beobachtet schon seit Wochen, dass die Spritpreise nachgegeben haben. Benzin war bereits in der Vorwoche im bundesweiten Wochenvergleich so günstig wie zuletzt vor fast einem Jahr. Diesel war zuletzt im Frühjahr 2018 billiger. Der ADAC empfiehlt Autofahrern, vor dem Tanken die Preise zu vergleichen. So tankt man nach einer aktuellen Auswertung des ADAC in der Regel am günstigsten zwischen 18 und 22 Uhr.

Wegen des Coronavirus sinkt die Nachfrage nach Rohöl

Der Mineralölwirtschaftsverband wollte zwar keine Prognose abgeben, betont aber, das zuletzt Spritpreise und Rohölpreise im gleichen Maße abgesackt sind. „Wegen der hohen Markttransparenz und der starken Konkurrenz um jeden Autofahrer sind die Preise für Benzin und Diesel seit Jahresbeginn eins zu eins mit den fallenden Einkaufspreisen an den Produktmärkten gesunken“, sagte ein Sprecher am Montag, nachdem die Preise für Rohöl aus der Nordsee und Rohöl aus den USA jeweils mehr als ein Viertel eingebüßt hatten.

Der Hintergrund: Wegen des Coronavirus sinkt die - zuletzt ohnehin schon schwächelnde - Nachfrage nach Rohöl. Die Preise für das schwarze Gold sinken deshalb, solange wie die Produktion konstant hoch bleibt. Doch auf eine Reduzierung der Fördermengen konnten sich die OPEC-Staaten und ihre Verbündeten zuletzt nicht einigen. Ein Blick auf die Hintergründe des Konflikts.

Wer ist die Opec?

Die Organisation erdölexportierender Länder (Abkürzung OPEC für englisch: Organization of the Petroleum Exporting Countries) besteht seit dem Jahr 1960, fördert circa 40 Prozent der weltweiten Erdölproduktion und verfügt über drei Viertel der bekannten weltweiten Erdölreserven. Der Opec gehören im Augenblick vierzehn Staaten an: Algerien, Angola, Ecuador, Äquatorialguinea, Gabun, Iran, Irak, die Republik Kongo, Kuwait, Libyen, Nigeria, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Venezuela.

Fünf der 14 Opec-Mitglieder (Saudi-Arabien, Iran, Kuwait, Venezuela, Vereinigte Arabischen Emirate) sind im Kreis der Top10 der größten Erdölförderern der Welt. Saudi-Arabien hat wiederum die Stellung eines „Primus inter pares“ innerhalb der Opec, da es mit Abstand der größte Förderer ist.

Warum streiten sich nun Russland und Saudi-Arabien?

Die Opec-Länder streiten sich mit in den sogenannten „Opec+“-Gruppe zusammengefassten zehn Förderländern wie Russland um die weltweite Fördermenge von Öl. Angesichts der Nachfrageschwäche infolge der Coronavirus-Krise versuchten die Energieminister Ende vergangener Woche in Wien, am Sitz der Opec, vergeblich, sich auf eine deutliche Senkung der Ölproduktion zu einigen. Man wollte innerhalb der Opec die Produktion um eine Million Barrel zu kürzen, um den Preisverfall des Rohstoffs zu stoppen. Zudem sollten die „Opec+“-Allianz, dazu verpflichtet werden, ebenfalls ihre Ölproduktion zu kappen, um insgesamt 500.000 Barrel.

Es kam zu keiner Einigung, selbst eine Verlängerung der bestehenden Förderbeschränkung fehlte in der Abschlusserklärung der beteiligten Staaten. Darüber hinaus scheint der Streit zwischen Saudi-Arabien und Russland über die künftige Fördermenge weiter zu eskalieren. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf namentlich nicht genannte Insider berichtet, könnte Saudi-Arabien die Fördermenge in den kommenden Monaten erhöhen. Demnach könnte die Fördermenge des führenden Opec-Landes bis auf eine neue Rekordmarke von zwölf Millionen Barrel pro Tag erhöht werden, hieß es.

Was hat die USA mit dem Ölstreit zu tun?

Russland ist das größte und einflussreichste Land der Opec+. Wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) berichtete, ist die Abkehr Russlands von dem Ölkartell auch als Kampfansage an die Vereinigten Staaten zu verstehen. In den vergangenen Monaten hatten demnach neue Sanktionen aus Washington für Unmut in der russischen Regierung gesorgt. Unter anderem wurde auf die im Februar verhängten Strafmaßnahmen der USA gegen eine Tochtergesellschaft der russischen Rosneft verwiesen.

Der durch die Entscheidung Moskaus ausgelöste Ölpreisverfall dürfte auch Folgen für die amerikanische Förderung durch die Fracking-Methode haben. Bei dieser Methode wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohen Druck in Gesteinsschichten gepresst, um so Öl zu gewinnen. Sie ist vergleichsweise kostspielig und rentiert sich nur bei eher hohen Ölpreisen.

Warum drückt Saudi-Arabien die Ölpreise?

Saudi-Arabien als weltgrößter Ölexporteur hat seine Preise für sein Rohöl so stark wie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gesenkt und damit auch in Kauf genommen, dass der staatliche Energiekonzern Saudi Aramco an der Börse unter Druck gerät. Der Schachzug der Saudis löste auch in der Region ein Börsenbeben aus, die Börsenindizes der Golfstaaten stürzten ab, in Kuwait wurde sogar der Handel ausgesetzt.

Das scheint aber Saudi-Arabien erst einmal egal zu sein. Es geht darum, Öl-Rabatte in den wichtigen Industrieregionen Asien, Europa und den USA anzubieten, um Raffinerien vor Ort zu motivieren, saudisches Öl von Aramco zu kaufen. Dafür will das Land Medienberichten zufolge seinen Ölausstoß von April an massiv ausweiten. Es könnte die bisherige Rekordmarke von zwölf Millionen Barrel am Tag fallen.

Gehen die Ölpreise noch weiter in den Keller?

Rohstoff-Experten sehen nun einen Preiskrieg kommen. Die Analysten von ING haben beispielsweise schon ihre Prognose für Brent-Öl (Brent ist die für Europa wichtigste Rohölsorte) von 56 Dollar pro Barrel auf 33 Dollar herabgesenkt.

Das hängt damit zusammen, dass für Käufer in Europa die Sorte Arabian Light von Aramco mehr als 10 Dollar unter dem Preis für ein Fass der Nordsee-Sorte Brent liegen könnte. Ein Riesenrabatt seitens Saudi-Arabiens - den sich das Land leisten kann, weil die Förderkosten deutlich niedriger sind als vom Streitgegner Russland.

Schon bei einem Ölpreis von etwas mehr als 10 Dollar macht Saudi-Arabien mit seinem Energiekonzern Saudi Aramco Profit. Auf der anderen Seite ist zu bemerken, dass das Land wiederum einen Ölpreis von rund 80 Dollar pro Fass für einen ausgeglichenen Staatshaushalt benötigt. Insofern kommt Russland mit einem niedrigeren Ölpreis besser zurecht.

Hilft ein niedriger Ölpreis der Wirtschaft?

Ein rückgängiger Ölpreis kann für die Wirtschaft durchaus positive Seiten haben. „Deutlich niedrigere Ölpreise sind auch ein riesiges Konjunkturpaket für die Weltwirtschaft. Verbunden mit zu erwartenden konzertierten Maßnahmenpaketen der Politik sollten sich die negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft begrenzen lassen.“, so die Einschätzung von Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement-Agentur Euroswitch.

Auf der anderen Seite ist ein niedriger Ölpreis auch ein Risiko. Er könnte nicht wenige Exportländer destabilisieren, die dringend auf die Öleinnahmen in Dollar angewiesen sind. Das Opec-Mitglied Venezuela finanziert mit seinen Ölverkäufen fast zu zwei Dritteln seinen Staatshaushalt. Für solche Länder geht es schlicht ums wirtschaftliche Überleben.

RND

Lesen Sie jetzt