Oper als Bilderbuchmosaik

Probenbesuch bei "Europera 1"

BOCHUM. 128 Opern in 90 Minuten. Das interessiert das Publikum. Noch nie war eine Produktion so schnell ausverkauft wie diese Eröffnungspremiere der Ruhrtriennale. Am Freitag (17.9.) bringt Festival-Chef Heiner Goebbels die beiden "Europeras" 1 und 2 von John Cage auf die Bühne der Jahrhunderthalle Bochum. Am Donnerstagabend gab es die erste Durchlaufprobe der Europera 1. - Ein Probenbesuch.

von Von Julia Gaß

, 10.08.2012, 12:31 Uhr / Lesedauer: 2 min
Auch in ein prunkvolles Opernhaus verwandelt sich die Jahrhunderthalle in Bochum.

Auch in ein prunkvolles Opernhaus verwandelt sich die Jahrhunderthalle in Bochum.

Die Halle ist leer, auf den Boden sind 64 quadratische Felder gemalt und nummeriert. Eine Sängerin im roten Kleid kommt, singt Fetzen aus einer Arie, geht wieder. 24 Statisten lassen Steine auf die Bühne kullern, Prospekte aus Tüchern werden aufgezogen, Sänger kommen, singen und gehen. Jede Minute passiert etwas Neues auf der Bühne. 32 prächtige Bilder entstehen in 90 Minuten.

Vom Zufall bestimmt

Man sieht, wie kostspielig diese Aufführung ist. Technisch ist das die teuerste Produktion der Triennale seit langem; noch mehr kostet nur Orffs "Prometheus" in Duisburg - wegen der Künstler.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

"Europera 1" bei der Ruhrtriennale

18.08.2012
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EIn Kronleuchter hängt über Felsen in der "Europera 1 " von John Cage in der Jahrhunderthalle Bochum. © Foto: Bergmann
Zu Beginn der Oper geht die Sonne auf.© Foto: Bergmann
In dem Urwald turnt später ein Affe.© Foto: Bergmann
Der Tempel brennt.© Foto: Bergmann
64 Kostüme gibt es in 32 Bildern in der "Europera 1".© Foto: Bergmann
Arienfetzen aus 128 Opern erklingen in dem Werk von John Cage.© Foto: Bergmann
Auch der Chorraum einer Kirche passt in die Jahrhunderthalle.© Foto: Bergmann
Nach 33 Minuten dampft es auf der Bühne.© Foto: Bergmann
Der »Höllensturz« mit Mezzosopranistin Karolina Gumos (r.), die früher Ensemblemitglied der Dortmunder Oper war. © Foto: Bergmann
32 Statisten tragen Prospekte und wirken auch mit.© Foto: Bergmann
Die Untertitel muss man nicht lesen, auch sie sind sinnfrei.© Foto: Bergmann
Schattenspiel mit Baum. Auch das kennt man aus anderen Opern.© Foto: Bergmann
Auch optisch reduzierte Szenen gibt es in der "Europera 1" von John Cage in Heiner Goebbels Inszenierung.© Foto: Bergmann
Auch Maschinen spielen mit in der Jahrhunderthalle.© Foto: Bergmann
Plötzlich verwandelt sich die Halle in ein prächtiges Theater.© Foto: Bergmann
Modell der "Europera 1".© Foto: Ruhrtriennale
Ruhrtriennale-Intendant Heiner Goebbels inszeniert die Cage-Oper "Europeras 1 & 2".© Foto: dpa
Naturszene in der "Europera 1" von John Cage.© Foto: Grünberg
Die Opernreise endet in Venedig.© Foto: Gaß
Sängerin unter Schäfchenwolken.© Foto: Gaß
Steine rollen unter einem riesigen Kronleuchter über den Boden.© Foto: Gaß
Nach 11 Minuten leuchtete eine Sonne auf der Bühne.© Foto: Gaß
Auch in ein prunkvolles Opernhaus verwandelt sich die Jahrhunderthalle in Bochum.© Foto: Grünberg
Modell vom Bühnenbild der Inszenierung von "Europera 1" von Heiner Goebbels.© Foto: Grünberg
24 Statisten bewegen die Vorhänge und Bühnenbildteile.© Foto: Grünberg
John Cage wurde am 5. September vor 100 Jahren geboren.© Foto: dpa
Ein riesiges Bilderbuch klappt Heiner Goebbels auf der Bühne auf, der Regisseur beobachtet ganz ruhig von seinem Regiepult, wie sich stetig alles verändert, bespricht sich zwischendurch mit dem musikalischen Leiter und den Assistenten, wandert durch den Zuschauerraum, beobachtet auch mit dem Fernglas. So ruhig könnte er wohl nicht arbeiten, wenn wirklich alles - wie von Cage geplant - in diesem Moment vom Zufall ausgewürfelt bestimmt wäre: Kostüme, die Position der neun Sänger, das was sie singen und das Orchester spielt.

Affe im Urwald Goebbels hat ein zufallsbestimmtes Konzept zugrunde gelegt, das kann nun etwas variieren bis zur Premiere und den fünf Folge-Vorstellungen, aber das Gerüst steht.

Urwald-Vorhänge werden aufgezogen, ein Affe seilt sich von einer Liane ab. Die Journalisten schmunzeln. Das ist einer von Cages vielen witzigen Kommentaren, mit denen der Amerikaner vor 25 Jahren den europäischen Opernreichtum karikiert hat. Man hört Fetzen aus Beethovens "Fidelio", das Orchester lässt dazu ein paar Takte "Carmen" aufblitzen.Kein Hit-Wunschkonzert Längst nicht alle Opern erkennt man wieder, "Europera 1" ist kein Hit-Wunschkonzert, mehr ein Opernmosaik - so als hätte Cage das TV-Zapp-Zeitalter schon vorausgeahnt. Die 26 Musiker (aus allen NRW-Orchestern, außer Gelsenkirchen) sitzen einzeln an den Seiten, auf den Brücken und Galerien, spielen nach einem Zeitcode, der auf Digitaluhren angezeigt wird.

Das Bild von einem prächtigen alten Opernhaus wird aufgezogen, eine Parklandschaft entsteht, später Ägypten mit Pyramiden, dann Venedig mit Rialtobrücke, Gondoliere und Palazzi. Sänger im Reifrock und mit Masken marschieren auf und ab.

An der Übertitelunganlage kann man den Text nachlesen, aber man kann's auch lassen: Es gibt keine Geschichte. Wenn man das weiß, kann man sich entspannter zurücklehnen und die Bilderflut genießen.

Kniffeliges Musikrätsel

Nach anderthalb Stunden ist Pause - in der Probe und in den Aufführungen. Danach folgt die 45-minütige Europera 2. "Die wird ganz anders", verspricht Tillmann Wiegand, Künstlerischer Betriebsdirektor der Ruhrtriennale. Wie, solll noch keiner sehen. Mit dem Kopf voller Bilder gehen die Journalisten aus der Halle. Ein kniffeliges Musikrätsel haben ihnen John Cage und Heiner Goebbels aufgegeben. Aber ein sehr spannendes.Die Europeras:

  • Europera ist der Name einer Serie von fünf experimentellen Opern von John Cage, der vor 100 Jahren geboren worden ist.
  • In Europera 1 & 2, 1987 uraufgeführt, dekonstruiert John Cage mittels Zufallsoperationen die Sprache der klassischen Opern des 18. und 19. Jahrhunderts. Er unterwarf nicht nur die Musik dem Zufallsgenerator, sondern auch Bühnenbild, Requisiten, Licht, Tanzfiguren und Opernarien. Mit Hilfe des ältesten chinesischen Orakelbuches I-Ging wurden zufällige Zeiteinheiten festgelegt, in denen die Beteiligten ihre Aktionen ausführen.
  • Europera 3 ist eine dramatische, dichte, wagnerianische Oper,Europera 4 eine kunstvolle, mozartische, vergnügliche Kammeroper. Europera 5 ist die reduzierteste Form. Zwei Sänger, ein Pianist und ein Grammophon-Spieler interpretieren jeweils sechs von ihnen ausgewählte Werke der Opernliteratur. Diese werden zufällig unabhängig nebeneinander dirigiert.
  • Cage hörte die Premiere seiner letzten Oper im Garten des MoMoma in New York, es war die letzte Aufführung, die er erlebte. Die erste Gesamtaufführung aller fünf Europeras fand 2001 an der Staatsoper Hannover statt, neun Jahre nach Cages Tod.
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