Oper von Auber feierte die ungewöhnlichste Premiere der Saison

rnGeister-Vorstellung in Dortmund

Eine Oper mit einer stummen Titelfigur – ist das nicht genauso paradox wie eine Premiere ohne Publikum? Nein. Im Dortmunder Opernhaus gab es am Freitagabend beides. Eine Geister-Vorstellung.

Dortmund

, 14.03.2020, 17:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Von den Spielplänen ist die Oper „Die Stumme von Portici“ von Daniel-Francois-Esprit Auber verschwunden. Obwohl diese „Grand Opéra“ die berühmteste der 40 Opern des Franzosen ist. – Ein Meisterstück, das musikalisch den Geist des späten Rossini und frühen Verdi atmet und das Regisseur Peter Konwitschny in Dortmund optisch zu einem Juwel macht.

Und Hut ab, vor Solisten, Opernchor und den Dortmunder Philharmonikern, die unter Motonori Kobayashi in der Geisteraufführung vor 26 Journalisten so sangen, spielten und musizierten als wäre der Saal ausverkauft.

Peter Konwitschny inszeniert in einer klaren schönen Ästhetik

Eine klare, gradlinige Ästhetik gibt Konwitschny seiner Inszenierung. Die Hebe- und Drehbühne setzt er ausgiebig ein, um Szenen schnell zu verwandeln (Bühne und schöne, klassische Kostüme: Helmut Brade).

Intime Räume schafft er für Fische Masaniello und für das Hochzeitspaar, das schon vor der Hochzeitsnacht den ersten Ehestreit mit einer Kissenschlacht im rosaroten Herzchen-Regen beendet.

In der neapolitanischen Marktplatzszene und der Heldenverehrung des Fischers hoch zu Ross weitet Konwitschny die Szene zu Füßen des Vesuvs, der als Projektion die Bühne begrenzt.

Revolutionäre werden erschossen

Das alles hat eine moderne Handschrift (besonders dann, wenn in der Revolutionsoper Revolutionäre wie Jeanne d’Arc, Lenin, Rosa Luxemburg und Che Guevara auf Papptafeln erschossen werden); es dominiert aber die Optik der 1950er--Jahre.

Auf der Bühne begräbt am Schluss der ausbrechende Vesuv die Revolution. Effektvoll wabert Nebel zwischen Feuerfontänen über die Bühne, während der Chor vom zweiten Balkon vom Untergang singt.

Die Stumme hat eine wahnsinnige Bühnenpräsenz

Konwitschny zeigt die Seelendramen der Oper und stellt die Gefühle der stummen Fischertochter, die sich im Vorspiel als Kind mit Schokolade verführen lässt, sowie der Braut des Vizekönigs und des Chef-Fischers in den Mittelpunkt.

Musicalsängerin Sarah Wilken stürzt sich mit Wahnsinns-Präsenz und Körperlichkeit in die Rolle der stummen Fenella. Wie ein Tier flieht sie über die Bühne oder kauert in Ecken – unglaublich, wie an der Darstellerin von den anderen herumgezerrt wird.

Tenor Mirko Roschkowsky meistert die Riesenpartie mit Bravour

Mirko Roschkowski singt die Wahnsinnsrolle des Fischer Masaniello, die kräftezehrend wie eine große Verdi-Partie ist. Ein bisschen deutsch klingt Roschkowskis Tenor – nicht nur, weil bei Konwitschny die Fischer die deutsche Übersetzung der französischen Texte singen, die Adeligen in der Originalsprache französisch.

Großartig ist Anna Sohn als Braut Elvire. Mit leicht geführtem Sopran sang sie die Koloraturen und gab ihnen dabei viel Substanz. Sunnyboy Dladla sang sich als Elvires Ehemann, Sohn des Vizekönigs, immer mehr frei. Mandla Mndebele zeigte als Masaniellos Freund Pietro auch stimmlich starken Kampfgeist.

Die Dortmunder Philharmoniker zünden ein musikalisches Feuerwerk

Und die Dortmunder Philharmoniker spielen Aubers Musik im Graben so zündend, farbig und effektvoll wie Rossini-Musik.

Es ist jammerschade, dass nur noch zwei Vorstellungen dieser schönen Inszenierung angesetzt sind.

Termine: 8./23.5.; Karten: Tel. (0231) 5027222 oder www.theaterdo.de