Orchester klingen in Corona-Zeiten auch in guter Akustik schlechter

rnKonzerthaus Dortmund

Das Konzerthaus Dortmund hat den Spielbetrieb nach dreimonatiger Pause wiederaufgenommen. Das erste Konzerte dirigierte Exklusivkünstlerin Mirga Grazynithe-Tyla. Der Abend hatte Tücken.

Dortmund

, 08.06.2020, 16:11 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sinfoniekonzerte in Corona-Zeiten haben Vorteile: Keine Köpfe in der Reihe vor dem eigenen Sitz stören die Sicht auf die Bühne, man hat viel Platz neben sich, und komischerweise hustet kaum noch ein Besucher.


Mehr Anspannung als Entspannung

Sie haben aber auch Nachteile: Zuschauer, die in der Mitte sitzen, mussten am Sonntag beim ersten Konzert nach der Corona-Pause im Konzerthaus Dortmund 30 bis 60 Minuten vor Konzertbeginn da sein und die Maske tragen, bis die Saaltüren geschlossen waren.

Die entspannte Atmosphäre und das Drumherum wie ein Getränk an der Bar, das Gespräch mit Bekannten in der Pause, das ein Konzert zum schönen Freizeiterlebnis macht, fehlte. Und vor allem klingen Konzerte unter Corona-Bedingungen schlechter, weil sich der Klang nicht mischt, wenn die Musiker anderthalb Meter auseinandersitzen müssen.

Durch die Sitzweise entstand kein geschlossener Klang

Die selben Musiker des Konzerthaus-Orchesters Berlin, die eine Viertelstunde vor Konzertbeginn am Seiteneingang des Konzerthauses dicht beieinander gestanden haben, konnten sich dann im Konzert schlechter untereinander hören, weil sie weit auseinander saßen.

Es entstand ein zwar transparenter, aber kaum geschlossener Klang, aus dem man Einzelstimmen heraushörte. Und wenn die beiden Posaunen dann ihre Schalltrichter auf den Boden richten müssen, können sie eigentlich gleich zu Hause bleiben.

Orchester muss sich erst noch finden

Nun waren dies auch nicht Berliner Philharmoniker, die eine dreimonatige Zwangspause lockerer weggesteckt hätten. Man hörte dem Konzerthaus-Orchester in den Werken von Haydn und Beethoven, die Unsicherheiten im Spiel weniger verzeihen als Werke der Spätromantik, an, dass sich die Musiker erst wieder aufeinander einspielen und einen gemeinsamen Klang finden müssen.

Die Dirigentin stand hochschwanger am Pult

Aber Hochachtung vor Mirga Grazinythe-Tyla, die hochschwanger, wenige Wochen vor der Geburt, als Dirigentin eingesprungen war und mit der größten Leidenschaft, die auf Distanz möglich ist, sehr kontrolliert dirigierte.

„De Profundis“ von Raminta Serksnyté für 20 Streicher klang trotzdem sehr von den Noten abgespielt, Beethovens vierte Sinfonie am Schluss hatte Längen im zweiten und dritten Satz. Haydns Cellokonzert dazwischen wirkte Dank des Solisten Kian Soltani am inspiriertesten und versprühte etwas von dem Feuer, das im Konzerthaus sonst in den Zuschauerreihen zu spüren ist.

Kommentar

Klar ist es schön, dass es wieder Konzerte gibt. Aber das sind nicht die Konzerte, die wir vermisst haben und die ein Genuss waren.

Wenn das Konzerthaus Dortmund einen Testballon startet, wie der Konzertbetrieb aussehen könnte, wenn Corona noch im September Kontaktsperren fordert, ist das verständlich. Aber warum der Wirbel, wenn sich das Konzerthaus nach nur zehn Konzerten dann ohnehin in eine mehr als zehnwöchige Sommerpause verabschiedet? Zu Saisonbeginn macht so ein Corona-Plan Sinn, aber zweieinhalb Wochen vor Ende der Spielzeit hätte man es bei der Pause belassen können.

Zumal das Publikumsinteresse nicht riesig ist. In den beiden Sinfoniekonzerte waren nicht einmal alle Plätze gefüllt, die verkauft werden durften (2 mal 400). Und das ist nur die Hälfte der Saalkapazität. In das erste Konzert kamen nur 350 Besucher. Wohl und entspannt fühlt man sich mit Maske im Konzert nicht, und es ist verständlich, dass das Publikum, das sich vorwiegend aus der Corona-Riskogruppe rekrutiert, Angst vor Ansteckung hat und zögerlich ist, seine Daten preiszugeben.

Stern-TV-Moderator Steffen Hallaschka entschuldigte sein Fernbleiben aus dem Studio in der vergangenen Woche damit, dass das Gesundheitsamt ihn in Quarantäne geschickt habe, nur weil er sich mit einer Corona-infizierten Person gemeinsam in einem Raum aufgehalten habe.

Wer garantiert, dass so etwas nicht im Konzerthaus passieren könnte? Denn auch wenn das Konzerthaus Wegesysteme markiert hat, nach denen der Mindestabstand gewahrt bleiben kann – die seitliche Ausgangstür gaben sich die Besucher eng gedrängt in die Hand.