Oscar-Favorit „Shape Of Water“ ist ein tolles Monster-Märchen

Neu im Kino

Guillermo del Toros „Shape Of Water“ wird als heißer Kandidat bei den Oscars gehandelt. Hat das Märchen das Zeug, zum besten Film gekürt zu werden?

Dortmund

, 12.02.2018, 14:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
Oscar-Favorit „Shape Of Water“ ist ein tolles Monster-Märchen

Elisa (Sally Hawkins) ist fasziniert von dem Wesen im Wassertank, das in das Geheimlabor eingeliefert wurde. Guillermo del Toros „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ startet am 15. Februar in den deutschen Kinos. Foto: Twentieth Century Fox

Das Wesen im Wassertank sieht aus wie ein Bruder des Kiemenmenschen aus Jack Arnolds „Creature From The Black Lagoon“, dem Horrorklassiker von 1954, bei uns „Der Schrecken vom Amazonas“ betitelt.


Putzfrau verliebt sich in den Wassermann



Regisseur Guillermo del Toro weiß das natürlich, demnach kann man „Shape Of Water“ wohl als märchenhafte Erweiterung eines alten Monster-Schockers betrachten. Zumal auch del Toros Amphibien-Mann aus Südamerika stammt, wie wir hören, als er in das geheime Labor eingeliefert wird. Bei Jack Arnold grapscht das Wesen lüstern nach einer kreischenden Frau, bei del Toro aber geht eine Frau neugierig auf das Wesen zu.

Es ist die von Sally Hawkins gespielte Elisa, die als Putzfrau im Laborkomplex arbeitet. Elisa ist stumm, einfühlsam, sensibel und hat sich die naive Neugier eines Kindes bewahrt, das furchtlos die Welt um sich entdeckt. Gutherzig wie sie ist, wittert sie nichts Böses in der Kreatur und wird recht behalten.


Dämon und Lichtgestalt



Anders der Grobian Strickland (Michael Shannon), der den Aquamann schlägt und mit Elektroschocks quält: Für ihn ist das Ding bloß ein seelenloses Tier, dessen zwei Atmungssysteme das Militär interessieren. Wie man es von einem Märchen erwartet, haben wir in Strickland den sadistischen Dämon und in Elisa die freundliche Lichtgestalt. Was die Sympathie-Lenkung angeht, ist del Toros Fantasy-Stoff schlicht gewebt.

Rekapitulieren wir den Plot des Films: Das US-Militär fängt ein Amphibienwesen und sperrt es in ein Geheimlabor. Wir schreiben das Jahr 1962, Kalter Krieg. Amerikaner und Russen liefern sich ein Wettrennen in Forschung und Rüstung, das macht den Fischmann mit Kiemen und Lunge sehr wertvoll.



Außenseiterballade und Liebesgeschichte



Die Betonschädel vom Barras wollen die Kreatur sezieren, die Putzfrau Elisa plant deren Rettung. Sie befreit das Wesen, bietet ihm die Badewanne als Quartier. Und wenn sie nicht gestorben sind...

Ganz so glattgeschmirgelt ist die Geschichte dann doch nicht, weil das Drehbuch (Vanessa Taylor und del Toro) quasi im Vorbeigehen die Fenster zu kleineren Nebenlinien der Haupterzählung öffnet. In „Shape Of Water“ stecken auch eine Außenseiterballade, eine groteske Liebesgeschichte, eine Amerika-Studie aus den fortschrittsgläubigen 60ern und ein Spionage-Thriller. Brutales trifft Süßliches, irgendwie bringt del Toro auch das scheinbar Disparate unter einen Hut.


Der Oscar-Favorit lebt von guten Darstellern



Der Film bricht eine Lanze für die Frauen, die Schwarzen, die Schwulen. Er plädiert für das Recht, anders zu sein und zu lieben, wen man will. Del Toro arbeitet mit guten Darstellern, vorneweg Sally Hawkins, Michael Stuhlbarg als russischer Spion, Richard Jenkins als schwuler Nachbar.

Die Musik ist sinfonisch, aber nicht erschlagend, der Retro-Look der Ausstattung ein Augenschmaus. Handwerklich steht alles zum Besten, aber geistig ist das Märchen eher unterkomplex. Oscar für den besten Film? Vermutlich nicht.

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