Oscarpreisträgerin Juliette Binoche glänzt in Sophokles-Stück

Ruhrfestspiele: "Antigone"

Es war ein packender Theaterabend, den Oscarpreisträgerin Juliette Binoche da am Donnerstagabend bei den Ruhrfestspielen bot. Erstes Fazit des Abends: Das Stück von Sophokles ist nach 2500 Jahren aktueller denn je. Und: Während Binoche einen guten Auftritt bot, gab es einen Schauspieler, der noch mehr überzeugte.

RECKLINGHAUSEN

, 22.05.2015 / Lesedauer: 3 min
Oscarpreisträgerin Juliette Binoche glänzt in Sophokles-Stück

Das Urteil ist gefällt: Kreon (Patrick O’Kane) beschließt, dass Antigone (Juliette Binoche) sterben soll. Jan Versweyveld

Man kann durchaus der Meinung sein, dass Relevanz und Weltgehalt von 2500 Jahre alten Tragödien für unsere Gegenwart eher gering sind. Wird Sophokles' "Antigone" dann aber so auf die Bühne gebracht wie bei den Ruhrfestspielen, verbietet sich jede Nörgelei.

Im Zugriff des flämischen Regisseurs Ivo van Hove, bravourös gespielt im modernen Kostüm, in der ungestelzten (englischen) Übersetzung von Anne Carson wurde am Donnerstag ein packender Theaterabend daraus, der das Publikum jederzeit bei der Stange hält.

Mit etwas gutem Willen taugt diese "Antigone" sogar zur zeitlosen Parabel über den Konflikt zwischen Staatsräson und Nächstenliebe. Kreon, Herrscher von Theben, hat gerade den Krieg gewonnen und die Stadt gerettet. Wer sich gegen ihn stellt, erwarte kein Pardon, auch nicht als Leiche. Kreon verbietet bei Todesstrafe, dass Polyneikes' Überreste beerdigt werden.

Juliette Binoche

Sein Feind soll den Hunden zum Fraß werden. Antigone, Polyneikes' Schwester, begräbt den Bruder und fordert Kreons Strafgericht heraus. Göttliches Gesetz verlangt eine ehrenvolle Bestattung, egal, was ein König sagt, so Antigone, die von Juliette Binoche verkörpert wird.

Binoche hat ihre große Szene, wenn sie mit ihrem Schicksal hadert und die Götter anruft. Nominell ist sie der Star der Koproduktion des Londoner Barbican mit den Ruhrfestspielen und den Luxemburger Théatres de la Ville. Mehr noch als Binoche drückt aber Patrick O’Kane dem Stück seinen Stempel auf. Er spielt den Sturkopf Kreon, der unnachgiebig Stärke zeigt und damit den Freitod von Frau und Sohn provoziert.

Lauernde Bedrohlichkeit

O’Kane stattet seinen Kreon mit einer lauernden Bedrohlichkeit aus, die in Rage kippt, wenn er auf Widerspruch stößt. Herrisch und rachsüchtig bleibt er bei seinem Urteil: Antigone soll sterben. Der Machtmensch im schwarzen Anzug könnte Manager und Lenker eines Konzerns sein, wie die Sitzmöbel auf der Bühne nahelegen. Videos mit Straßenszenen von heute unterstreichen diesen Bezug. Manchmal ist auch eine Halbwüste zu sehen, über der eine gnadenlose Neon-Sonne steht. Viele gute Einfälle, stimmig und spannend.