Während einer Operation wach zu werden, ist für viele ein Albtraum. Meik Neff hat ihn erlebt. Es wird lange dauern, den Fall zu verarbeiten. Das betrifft die Seele des Patienten und Juristen.

Unna

, 08.08.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es begann mit einem Arbeitsunfall. Der Kamener Meik Neff zog sich im März dieses Jahres eine Schulterverletzung zu. Schulterpfanne und Bänder waren beschädigt – ein Fall für die Unfallchirurgie des Evangelischen Krankenhauses. Was dort passierte, schildert der 47-Jährige so: Gegen 9 Uhr kam Neff auf seine Station. Man führte ihn auf sein Zimmer mit dem Hinweis, die OP beginne erst um 14 Uhr. Die Entspannungstablette solle er noch bekommen und eine Stunde vor dem Eingriff einnehmen. Zwischenzeitlich erkundigte er sich nach seinem Termin, und 14 Uhr wurde bestätigt.

Dann kam Hektik auf. „Um 11.40 Uhr schoss die Schwester in mein Zimmer und sagte, ich müsse mich sofort für die OP fertig machen“, schildert der Kamener. Mehrmals habe er nach der Beruhigungstablette gefragt, auch im OP-Bereich noch. Doch er werde ja ohnehin gleich schlafen, hieß es. Das Krankenhauspersonal traf die üblichen Vorbereitungen, doch all das lief offenbar nicht perfekt. Neff war bereits nervös, wie er sich erinnert, eine Schwester versuchte ihn zu beruhigen. „An einem Monitor sah ich, wie mein Blutdruck ständig anstieg.“

„Nach ein paar Minuten war ich wieder hellwach“

Die Anästhesistin versuchte, ihm am Hals einen Schmerzkatheter einzuführen, was erst nach Minuten und mit Unterstützung einer Oberärztin gelang. Er habe hinterher erfahren, dass bei dem Vorgang versehentlich sein Zwerchfell in Mitleidenschaft gezogen worden sei, so Neff. Er habe auf einmal einen starken Druck im Bauch gespürt und nur noch schlecht Luft holen können. Dazu der hohe Blutdruck. Alles sei normal, habe er auf Nachfrage von einer Ärztin gehört. „Danach wurde ich in Narkose versetzt. Nach ein paar Minuten war ich auf einmal wieder hellwach.“ Er habe die Schwester reden gehört und gedacht, er habe die OP schon hinter sich. „Doch auf einmal merkte ich, dass ich wach bin und kurz vor der OP stehe. Ich versuchte verzweifelt, meinen kleinen Finger zu bewegen, als ich auf dem Weg in den OP-Saal war, um mich bemerkbar zu machen. Es gelang mir nicht, da mein Körper durch die Narkose vollständig gelähmt war. Plötzlich bekam ich Todesangst und hoffte nur, dass ich keine Schmerzen spüren würde. Aber leider war genau das Gegenteil der Fall.“

Neff erinnert sich an eine Situation der Hilflosigkeit und an unbeschreibliche Schmerzen. Sie hätten in seinem Körper einen Reflex ausgelöst, wodurch er sich in den Tubus des Beatmungsgeräts verbissen habe. Erst dadurch hätten die Ärzte mitbekommen, dass er wach war, und ihn tiefer in Narkose versetzt. Irgendwann sei er dann aufgewacht nach dem stundenlangen Eingriff, mit blauem Auge und anderen Blessuren, die er auf das Gerangel um den Luftschlauch zurückführt.

Anwalt eingeschaltet

Sofort habe ihm die Anästhesistin bestätigt, dass er wach war, und sich entschuldigt. Nach einem späteren Gespräch im EK hatte Neff allerdings den Eindruck, dass das Krankenhaus nicht so mit dem Vorfall umgeht, wie es richtig wäre. Ihm sei vermittelt worden, dass er wenig Chancen habe, wenn er gegen das EK vorgehen wolle. Das allerdings tut er. Neff hat einen Anwalt eingeschaltet. Es geht um Schmerzensgeld. Wichtig sei ihm aber auch, dass der Fall zu einem Abschluss gebracht wird. Neff ist sicher, wegen der Pannen vor der OP hätte sein Narkosemittel von vornherein stärker dosiert werden müssen. Hier habe der Fehler gelegen.

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Staatsanwalt ermittelt

Inzwischen ist die Sache auch ein Fall für den Staatsanwalt. Neff hat Anzeige bei der Polizei erstattet, und diese hat den Fall weitergeleitet an die Staatsanwaltschaft in Dortmund. Dort läuft jetzt ein Ermittlungsverfahren gegen eine Medizinerin. Es bestehe der Anfangsverdacht der fahrlässigen Körperverletzung, bestätigte Staatsanwalt Henner Kruse. Ob letztlich auch Anklage erhoben wird, sei noch offen. Vermutlich werde wohl ein Gutachten in Auftrag gegeben, um aufzuklären, ob in diesem Fall Fehler begangen wurden.

Das Evangelische Krankenhaus äußert sich bisher nicht zu diesem Fall. Der Patient habe juristische Schritte eingeleitet, und deswegen könne man keine Stellungnahme abgeben, erklärte die EK-Leitung.

Traumaverarbeitung und Anästhesie-Ausweis

Schon kurz nach dem Erlebnis im OP-Saal begannen für Meik Neff die Folgen. In der ersten Nacht habe er sein Krankenhausbett zertreten, weil er träumte, er liege in einem Schuhkarton. Tagsüber habe er Atemnot bekommen. Auch später noch litt er unter Schlafstörungen, Albträumen, Zittern und Atemnot.

Was ihm gutgetan habe, war, dass mehrere Ärzte ihm seinen Albtraum bestätigt hätten. Außerdem habe das Krankenhaus eine Psychologin hinzugezogen, sodass die Aufarbeitung seines Traumas schnell begann. Sie vermittelte ihn an eine Traumaambulanz in Dortmund, die er wöchentlich besuchte. Noch immer aber geht Neff davon aus, dass es lange dauern werde, bis er sein Trauma verarbeitet hat.

Lebenslang wird er wohl ein Risikopatient bleiben. Neff hat vom Evangelischen Krankenhaus einen Anästhesie-Ausweis bekommen. Das Dokument der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin sollte er immer bei sich tragen. Es dient Narkoseärzten bei künftigen Eingriffen zur Information über Besonderheiten und Schwierigkeiten bei vorausgegangenen Narkosen. „Hinweise für Awareness unter Anästhesie“ wurde vonseiten des EK in dem Ausweis vermerkt.

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