Persebecker beschweren sich über Geruch aus Witten

Abgas-Streit

Immer wenn der Wind an der Menglinghauser Straße aus Süd-Süd-West bläst, sagt Detlef Nowak, rieche es, als würde Kunststoff verbrennen. Seit Jahren, sagen er und einige Nachbarn, fühlen sie sich durch den Geruch, der aus Witten über die Grenze nach Dortmund wehe, belästigt. Es ist eine Geschichte mit zwei Seiten.

PERSEBECK

, 04.05.2017, 05:57 Uhr / Lesedauer: 3 min
Persebecker beschweren sich über Geruch aus Witten

Die Anwohner der Menglinghauser Straße in Persebeck fühlen sich von der Verwaltung des Ennepe-Ruhr-Kreises im Stich gelassen. Ratsherr der Stadt Witten, Robert Beckmann (2.v.l.), sieht das ähnlich.

„Wir riechen es jeden Tag“, sagen Grazyna Lepski und ihr Mann Johann, die an der Menglinghauser Straße in der Nähe des Grotenbach wohnen. „Wir wissen ja nicht, was dort verbrannt wird“, sagt Johann Lepski. Deshalb sorgen sie sich um ihre Gesundheit.

Erstmals Gestank:

2013, sagt Grazyna Lepski, seien sie und einige Anwohner das erste Mal auf den „Gestank“ in der Nachbarschaft aufmerksam geworden. Sie macht sich auf den Weg, folgt dem Geruch und macht ihn bei der Firma Sico in Witten ausfindig, sagt Lepski. „In dem Gebäude hat es sehr stark gerochen.“ Jemanden angetroffen habe sie dort aber nicht. Es bleibt bei diesem einzigen Versuch der Kontaktaufnahme.

Mit einem Schreiben wendet sich Grazyna Lepski im September 2014 an das Umweltamt in Witten. Es ist die Rede von Dämpfen aus Witten-Rüdinghausen, die so stark seien, „dass sie sich auf die Bronchien legen und man Mühe hat, zu atmen“. Sie fürchten um ihre Gesundheit.

Tabellen für die Anwohner:

Zwei Wochen später reagiert Carsten Hackenschmidt vom Immissionsschutz des Ennepe-Ruhr-Kreises zuständligkeitshalber auf Grazyna Lepskis Schreiben. Darin heißt es, dass Anlagen so betrieben werden müssten, dass schädliche Umwelteinwirkungen („erhebliche Nachteile oder erhebliche Belästigungen für die Allgemeinheit“) verhindert werden.

Um herauszufinden, ob die Belästigung „erheblich“ und „schädlich“ ist, müssen „die Gerüche an zehn Prozent der Jahresstunden vorliegen“. Erst wenn diese Schwelle überschritten werde, könne der Immissionsschutz aktiv werden. Denn bei der Firma Sico handele es sich um eine nicht-genehmigungsbedürftige Anlage: Einmal zugelassen, habe der Immissionsschutz kein Recht, die Firma regelmäßig zu kontrollieren. Das sei nur bei genehmigungsbedürftigen Anlagen vorgesehen.

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Hackenschmidt schickt Grazyna Lepski Tabellen für sich und die Nachbarn. Darin sollen sie Datum, Uhrzeit, Dauer, Art, Intensität, Ort und Quelle des Geruchs protokollieren – über ein Jahr. „Ein nicht unübliches Verfahren“, nennt Hackenschmidt das. „Die Leute müssen schon mithelfen.“

Protokoll-Verfahren eingestellt:

Oktober 2014: „Frau Lepski hat angerufen und angegeben, dass sich die Situation deutlich verbessert hat und sie den Geruch nur noch selten beim Spazierengehen riecht“, sagt Hackenschmidt auf Nachfrage. Das Protokoll-Verfahren wird eingestellt. Grazyna Lepski weiß davon nach eigener Aussage nichts. Bis August 2016.

Erneute Protokolle:

Im April 2016 wenden sich die Lepskis und neun Nachbarn an das Dortmunder Umweltamt. „Das Protokollieren des Geruchs ist nicht praktikabel, weil niemand die ganze Zeit zu Hause ist“, schreiben sie. Wieder, im August 2016, wendet sich Carsten Hackenschmidt an Grazyna Lepski, weist sie auf das eingestellte Verfahren hin. Lepski hingegen sagt: „Ich habe angerufen, weil die Geruchsbelästigung einige Zeit nicht so intensiv wahrgenommen wurde. Die Beschwerde wurde aber nicht zurückgezogen.“ Wieder sollen die Anwohner den Geruch protokollieren und sich melden, wenn es akut ist.

Starker Geruch:

November 2016: Einige Anwohner und Carsten Hackenschmidt treffen auf der Brücke zum Einrichtungshaus Ostermann, nachdem sich die Anwohner über starken Geruch beschwert hatten. „Herr Hackenschmidt sagte, dass er den Geruch auch riecht“, sagt Grazyna Lepski.

Carsten Hackenschmidt hingegen bestreitet das: „Solange ich das nicht beobachte, kann ich keine weiteren Schritte einleiten.“ Man sei aber auch noch im Verfahren. Die Sache sei nicht ganz einfach. „Wir schützen die Anwohner in ihrem Wohnraum“, sagt Hackenschmidt. Darunter falle nicht die Brücke zu Ostermann. Grazyna Lepski hingegen sagt, dass sie den Geruch auch zu Hause wahrnehme.

„Wenn aus den Schornsteinen gefährliche Stoffe rauskämen, dann wäre es eine genehmigungsbedürftige Anlage“, sagt Hackenschmidt. Der Gesetzgeber habe sich Gedanken gemacht, welche Anlagen regelmäßig kontrolliert werden müssten und welche nicht. Auch Robert Beckmann, Ratsherr der Stadt Witten, hat wenig Verständnis für die Verwaltung des Ennepe-Ruhr-Kreises: „Die Verwaltung muss Sorge tragen, dass sich alle wohlfühlen.“

Sico-Chef Ralf Skoda zum Abgas-Streit:

Einer, der den Trubel um die vermeintliche Verursacher-Silikonfirma Sico indes nicht verstehen kann, ist Ralf Skoda, Geschäftsführer bei Sico: „Wenn die Anwohner den Zustand 30 Jahre ertragen haben und es dann heute unerträglich wird, kann ich das nicht nachvollziehen“, sagt Skoda auf Anfrage.

Seit 1985 sitzt die Firma Sico in Witten-Rüddinghausen an der Friedrich-Ebert-Straße. Hier verarbeitet sie Silikone für den lebensmittelkonformen Gebrauch in der Lebensmittelindustrie, zum Beispiel Schläuche für Kaffeeautomaten oder Dichtungen für Backöfen sowie Produkte für die Medizintechnik und die Automobil-Industrie. „Das alles ist auf verschiedene Weisen zertifiziert“, sagt Skoda. An der Art der Verarbeitung habe sich in den 30 Jahren nichts geändert.

„Das, was aus unseren Schornsteinen kommt, ist unkritisch“, sagt Skoda. Schließlich habe die Firma eine freiwillige Umweltzertifizierung, die sogenannte ISO-14001. „Das alles sind Dinge, aus denen man ableiten kann, dass uns die Umwelt nicht unwichtig ist“, sagt Skoda. Auch er selbst verbringe einen erheblichen Teil seiner Arbeitszeit in der Firma, weshalb ihm seine eigene Gesundheit sowie die Gesundheit seiner Mitarbeiter wichtig sei.

Deshalb sei vor Jahren eine Testreihe mit der Berufsgenossenschaft durchgeführt worden: „Die Belastung war hier fernab von allen Grenzwerten“, sagt Skoda. „Selbst wenn ich eine direkte Pipeline in die Menglinghauser Straße nach Dortmund leiten würde, wäre das nicht gefährlich.“ 

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