Pfarrer Ulrich Stahl verlässt St. Josef-Gemeinde Nette

Großes Interview

Der katholische Pfarrer Ulrich Stahl aus Nette geht Ende des Jahres nach 42 Priesterjahren, davon 39 in Dortmund, in den Ruhestand. Bereits vor zwei Jahren, als der beliebte Seelsorger seine 40-jährige Dienstzeit und sein 20-Jähriges als Gemeindepfarrer feierte, führten wir ein großes Interview mit ihm. Hier können Sie es noch einmal lesen.

NETTE

, 23.12.2015, 16:04 Uhr / Lesedauer: 2 min
Das Bild vom „sinkenden Petrus“ hat ein Schreiner Pfarrer Stahl zur Priesterweihe geschenkt.

Das Bild vom „sinkenden Petrus“ hat ein Schreiner Pfarrer Stahl zur Priesterweihe geschenkt.

Hallo, Herr Pfarrer Stahl, wollten Sie eigentlich immer schon Priester werden?

Nein, obwohl ich immer ein großes Gottvertrauen hatte, wollte ich das nie werden. Zwar kam bei mir als Jugendlicher und Abiturient immer mal wieder der Gedanke auf, den ich aber immer weit von mir schob.

Was wollten Sie ursprünglich machen?

Ich wollte Lehrer werden. Nach dem Abitur habe ich deshalb zunächst in Münster Philologie studiert. Aber ich war nicht richtig zufrieden.

Und der Gedanke an ein Leben als Priester flackerte wieder auf?

Ja, konkret reifte er, als ich mich eines Tages in Münster in den Dom gesetzt und der Orgelmusik gelauscht habe. Ich wechselte an die theologische Fakultät Paderborn und machte dort nach zwei Jahren mein Philosophikum. Doch meine Zweifel blieben. Sogar ein halbes Jahr vor der Priesterweihe hatte ich Bedenken und um Aufschub gebeten.

Warum?

Es ist eben keine leichte Entscheidung. Man gibt alles auf, Frau, Familie, Kinder.

Letztlich haben Sie sich ja doch für das Priesteramt entschieden …

Ja, da war dieses starke Gottvertrauen und ich habe zu mir gesagt: „Wag es“, „trau es dir zu.“

Das liegt jetzt 40 Jahre zurück. Also war es wohl die richtige Entscheidung?

Ja, es war die richtige Entscheidung. Mir ist im Laufe der Jahre klar geworden, dass man es nicht mit einem Beruf, sondern mit einer Berufung zu tun hat. Das Priesteramt ist für mich ein großes Geschenk, weil ich viel empfange. Es ist unheimlich spannend und sehr schön.

Erzählen Sie bitte mal eine schöne Geschichte.

Mich rief eine weinende Frau an. Sie hatte schon zwei Selbstmordversuche hinter sich und war nicht mehr in der Lage, zu sprechen und sich mitzuteilen. Ich habe ihr auf dem Klavier vorgespielt. Sie wurde immer lockerer, ruhiger und fand mehr und mehr zu sich selbst zurück. Jetzt konnte sie wieder sprechen und ihr Herz ausschütten. Sie glauben gar nicht, wie viel Freude ein Klavier schenken kann.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, der Frau mit dem Klavierspiel zu helfen?

Dieser Moment gehört zu den vielen Situationen, in denen ich spüre, es gibt jemanden, der mir die Augen und Ohren öffnet, da hat ein anderer seine Hand im Spiel, der mein Leben lenkt. Es sind Momentaufnahmen, da weiß ich „Das ist nicht von dir. Das ist eine Eingebung.“ Deshalb ist mein Gottvertrauen zu unerschütterlich.

Gibt es auch Schattenseiten im Leben eines Priesters?

Natürlich. Das Schlimmste für mich ist, Kinder zu Grabe zu geleiten.

Nach Stationen in Huckarde, Siegen, Eving und Lütgendortmund sind Sie nun seit 20 Jahren Gemeindepfarrer in Nette. Sind Sie dort mittlerweile zu Hause?

Genau das hat mich kürzlich noch mein Bruder gefragt. Ich habe ihm so geantwortet: „Meine Wurzeln sind Gerlingen, mein Herz ist in Dortmund.“

Jetzt haben Sie die Chance, mal richtig Werbung für Ihre Gemeinde zu machen…

Die St. Josef-Gemeinde ist zwar klein, aber sehr lebendig und aktiv. Wenn es darauf ankommt, sind alle zur Stelle. Als beispielsweise 1998 der Caritas-Kindergarten an der Dörwerstraße abgebrannt ist, haben ganz viele Hand in Hand gearbeitet, damit die Kinder übergangsweise im Gemeindehaus betreut werden konnten. Mir gefällt hier auch die Nähe zu den Menschen, sie sind für mich meine Familie.

Das heißt, Sie bleiben auch im Ruhestand Dortmund erhalten?

Auf jeden Fall. Auch in meiner Zeit als DJK-Diözesanpräses habe ich viele Dortmunder kennengelernt, und den Dortmunder Westen kenne ich ohnehin wie meine Westentasche. Erzbischof Kardinal Degenhardt hat mal gesagt: „Der Uli ist bekannt wie ein bunter Hund, aber im guten Sinne.“ Da muss ich doch einfach bleiben.

Der Abschiedsgottesdienst von Pfarrer Stahl mit anschließendem Empfang findet am Sonntag (27. 12.) um 9.30 Uhr in der St.-Josef-Kirche, Friedrich-Naumann-Straße, in Nette statt.
Die beiden Weihnachtsmessen sind heute um 16 Uhr (Familienmesse) und um 22 Uhr (Christmette).
In der ersten Januarhälfte zieht Pfarrer Stahl dann aus dem Netter Pfarrhaus aus. Zukünftig wird er in Bodelschwingh, in einer Wohnung in der ehemaligen Schloss-Apotheke, leben.

 

 

 

Schlagworte: