Der Job ist hart und macht nicht reich. Dank ist zu selten. Altenpflegekräfte fehlen jetzt schon. Der Beruf muss attraktiver gestaltet werden. Das Personal fordert dafür vor allem: mehr Personal.

Dortmund

, 29.07.2018, 05:20 Uhr / Lesedauer: 6 min

„Wissen Sie, wie es sich anfühlt, jemanden alleine sterben lassen zu müssen?“

Eine beklemmende Frage. Für Altenpflegekräfte ist das Realität, wenn zu wenig Personal auf zu viele Notfälle trifft. Als Mitte Juni Tausende Pflegekräfte in Düsseldorf für bessere Bezahlung und mehr Stellen demonstrierten, wurde diese Frage auch gestellt, sagt Bianca Werner, Gewerkschafts-Sekretärin in Dortmund und bei Verdi zuständig für Pflege. Adressat der unangenehmen Frage war Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Der „Pflegenotstand“ ist Thema in Berlin und in Düsseldorf – und in Dortmund? Die Situationsbeschreibung in der Stadt hängt davon ab, mit wem man spricht.

Viele offene Stellen in der Pflege

An Zahlen kommt man zunächst nicht vorbei: Bundesweit zählt die Bundesagentur für Arbeit mehr offene Stellen in der Altenpflege als in den Jahren zuvor. Rund 23.300 waren es 2017, zwei Drittel davon für Fachkräfte. Auf dem Markt gibt es also den Personalmangel, so sehen das auch die großen Betreiber der 61 stationären Pflegeeinrichtungen in Dortmund, die man fragt. Sich selbst sehen sie dagegen erst mal gut aufgestellt.

„Wir haben keinen Fachkräftemangel“, teilen die Städtischen Seniorenheime mit. Man habe „derzeit keinen akuten Personalbedarf“, sagt der private Anbieter Alloheim – immerhin die Nummer zwei auf dem deutschen Pflegemarkt und mit sechs Heimen in Dortmund vertreten. Auf der Internetseite finden sich drei Stellenanzeigen für examinierte Pflegefachkräfte in der Stadt. Comunita sagt nichts dazu, ob Mangel herrsche, aber man suche „immer Bewerber“.

Die Awo hat im westlichen Westfalen 43 Stellen offen, 74 Stellen werden durch Überstunden und Zeitarbeit ersetzt. Betroffen sei eher das Münsterland, nicht Dortmund. „Auch wir bemerken den Fachkräftemangel“, sagt die Caritas in Dortmund. Offene Stellen könnten zwar immer besetzt werden, „allerdings nicht immer ganz zeitnah“.

Fachkräftemangel in der Altenpflege

Dortmund als Ballungsraum ist also heute noch nicht vom Fachkräftemangel geschlagen. Gemessen an den Stellen der Arbeitgeber. Aus der Sicht der Beschäftigten sieht das anders aus. Nach einer Umfrage der Gewerkschaft Verdi fehlen in der stationären Altenpflege bundesweit sogar 63.000 Fachkräfte, um die vorhandenen 450.000 Altenpflegerinnen und -pfleger dauerhaft zu entlasten. Gesundheitsminister Spahn spricht von 50.000 zusätzlichen Pflegekräften, die es braucht. Ein erster Schritt deshalb sollen 13.000 neue Stellen sein, deren Finanzierung Spahn in einem geplanten Sofortprogramm verspricht.

Blickt man in die Zukunft, sieht es düsterer aus. Auch die Awo warnt. „Mit den Ausbildungszahlen, die wir jetzt haben, werden wir gerade mal die Verrentung hinkriegen. Da sprechen wir nicht von neuem Personal“, sagt Elke Herm-Riedel, Abteilungsleiterin Qualitätsmanagement beim Awo-Bezirk Westliches Westfalen in Dortmund.

Die Gesellschaft wird immer älter

Und neues Personal wird dringend benötigt - angesichts der älter werdenden Gesellschaft. Für Dortmund sieht eine Prognose des Statistischen Landesamtes IT.NRW zwar nur eine minimale Steigerung voraus: von 18.517 Pflegebedürftigen 2015 auf 18.600 im Jahr 2025. Experten bezweifeln allerdings, dass in diese Statistik alle neuen Pflegeleistungen einbezogen wurden. Der Anstieg von 17.083 Pflegebedürftige 2013 auf eben 18.517 im Jahr 2015 zeigt schon eher die steigende Kurve. Die Awo rechnet damit, dass der Pflegebedarf in Dortmund bis 2030 um 10 bis 20 Prozent steigen wird.

Landesweite Prognosen unterstreichen eine wachsende Dramatik: 2015 lebten in NRW 638.100 Pflegebedürftige, 2050 könnte die Zahl nach einer Prognose von IT.NRW auf 943.000 steigen. Mit zwei bis drei Prozent mehr Pflegefällen rechnet NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) in Zukunft pro Jahr. „Das bedeutet für NRW, dass wir pro Jahr 4000 zusätzliche Pflegekräfte haben müssen“, sagt Laumann. Woher die kommen sollen, weiß keiner. Mehr Zuwanderer, mehr Berufsrückkehrer, mehr Teilzeit – und mehr Auszubildende.

So viele Auszubildende wie noch nie

Landesweit sind derzeit 12.000 Pflege-Auszubildende im ersten Lehrjahr, so viele wie noch nie. Die Zahlen steigen seit Jahren. Immerhin. Bei den Städtischen Seniorenheimen habe man 2007 eine Ausbildungsoffensive gestartet und könne offene Stellen grundsätzlich mit Azubis abdecken. „Unsere Ausbildungsquote liegt bei rund 15 Prozent. Damit können wir jedem examinierten Azubi eine Stelle anbieten“, so die Stadt. Die Zahl der Azubis sei mit 20 bis 25 pro Jahr konstant. Die Dortmunder Caritas sucht dagegen für ihre sieben Heime: Zehn Ausbildungsplätze seien aktuell noch zu vergeben. Die Awo hat rund sieben Azubis pro Einrichtung. „Da sind wir schon gut aufgestellt, aber das wird uns nicht retten“, sagt Elke Herm-Riedel.

So wird es nicht reichen. Und an der neuen Ausbildung scheiden sich die Geister. Durchbruch zu mehr Attraktivität oder Abschreckung junger Menschen durch zu hohe Anforderungen?

Neue generalistische Ausbildung ist umstritten

Die neue „generalistische Ausbildung“ meint: Ab 2020 sollen Pflegekräfte für kranke Kinder, kranke Erwachsene und alte Menschen in den ersten beiden Jahren eine gemeinsame Ausbildung absolvieren. Erst dann spezialisieren sie sich. Zudem müssen Auszubildende in der Pflege kein Schulgeld mehr bezahlen, sondern bekommen eine Ausbildungsvergütung – was es in NRW längst gibt. Vor einigen Tagen verabschiedete der Bundestag dazu auch die neue Ausbildungs- und Prüfungsverordnung mit neuen Mindestanforderungen an die künftigen Pflegekräfte. Die Ausbildung wird akademischer, die Löhne werden es wohl nicht. Zudem: Wer geht in ein Pflegeheim, wenn im Krankenhaus nebenan besser bezahlt wird?

Ausländische Pflegekräfte sollen Lücken schließen

Der Ruf nach ausländischen Pflegekräften wird da nicht nur in Berlin immer lauter. Ihre Zahl hat sich nach Angaben der Bundesregierung seit 2013 fast verdoppelt. 2017 waren 128.000 Pflegekräfte aus dem Ausland sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Bundesregierung will nun für ausländische Pflegekräfte eine halbjährige Aufenthaltserlaubnis zur Jobsuche einführen.

Pflegende Hände dringend gesucht

Die Gesellschaft wird immer immer älter, der Bedarf an pflegenden Händen wächst. © Oliver Schaper

„Die Pflegekräfte werden in Zukunft aber nicht mehr aus Polen oder Spanien kommen, weil die – etwas zeitlich verlagert – das gleiche demografische Problem haben wie wir“, sagt Boris Augurzky, Gesundheitsökonom des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung. Infrage kommen dann Länder mit vielen jungen Menschen. Das sind dann eher Länder wie Indien – oder Albanien und der Kosovo, die Spahn kürzlich nannte. Die Awo ist auf dem Balkan schon aktiv.

Awo rekrutiert Pflegekräfte in Serbien

Seit Anfang des Jahres rekrutiert sie Pflegekräfte aus Serbien – dort ausgebildet, Deutsch dazugelernt. In Serbien werden Pflegekräfte planwirtschaftlich über Bedarf ausgebildet. 13 Fachkräfte arbeiten jetzt in drei Awo-Heimen im Sauerland, bald soll das Projekt aber an allen Standorten ausgerollt werden. Der private Betreiber Comunita beschäftigte zuletzt vier Mitarbeiter von den Philippinen.

Bei Alloheim liege der Anteil der ausländischen Fachkräfte bei weniger als 1 Prozent, teilt das Unternehmen mit. Die städtischen Seniorenheime verneinen, dass ausländische Fachkräfte bei ihnen arbeiten würden. „Selbstverständlich arbeiten bei uns Dortmunder/-innen, die gebürtig aus einem anderen Kulturkreis kommen; das sind nach unserem Verständnis aber keine ausländischen Fachkräfte“, teilt die Stadt mit. Ähnlich äußert sich auch die Caritas, bei der seit Jahren viele osteuropäische Fachkräfte arbeiteten. Viele hätten mittlerweile einen deutschen Pass. „Ausländische Fachkräfte“ seien deshalb schwer zu definieren, so die Caritas: „Allerdings beginnen beispielsweise zwei junge Flüchtlinge bei uns zum 1. September eine Ausbildung.“

In der Theorie müssten Löhne steigen

Egal woher – um Menschen für die Altenpflege zu begeistern, muss der Job attraktiver gemacht werden. „Das ist ein hausgemachtes Problem“, sagt Bianca Werner von Verdi: „Es gibt viele junge Menschen, die gucken sich das drei Jahre in der Ausbildung an und fragen sich: Das soll ich bis zur Rente machen? Bei den Arbeitszeiten, dem Personalmangel, der Bezahlung?“

Die Theorie der Marktwirtschaft gilt auch für den Arbeitsmarkt. Eigentlich. Wenn Fachkräfte händeringend gesucht werden, müssten die Löhne eigentlich steigen – um den Job attraktiver zu machen. Gesundheitsökonom Augurzky vertraut auf die Marktkräfte. „Bei so einem Mangel an Arbeitskräften wie derzeit entsteht automatisch Druck auf die Löhne. Ich bin sicher, dass die Löhne steigen werden.“

Der Mechanismus setzt aber nur ein, wenn die Arbeitnehmer kündigen und woanders anheuern. In anderen Berufen wechseln die Leute, wenn sie unzufrieden sind. „Die Menschen, die in der Pflege arbeiten, haben in der Regel eine hohe Empathie – mit Kollegen und mit den Bewohnern“, sagt Gewerkschaftsfrau Bianca Werner. „Der Pflegekraft ist es nicht scheißegal, ob der alte Mensch in der Kacke liegt.“ Also bleiben viele – bis sie ganz aussteigen.

Geringerer Stundenlohn in der Pflege

Altenpflegekräfte verdienen weniger als der Mittelwert aller Beschäftigten, hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung herausgefunden. Während der Brutto-Stundenlohn aller Beschäftigten in Deutschland 16,97 Euro beträgt, verdienen Altenpflegekräfte im Schnitt nur 14,24 Euro.

Die Hoffnung, dass die Löhne allein aufgrund der Nachfrage steigen werden, haben viele aufgegeben. Bundesgesundheitsminister Spahn will bis 2019 einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für die Pflegebranche durchsetzen. Auch NRW-Minister Laumann ist dafür. In Dortmund zahlen Stadt und Wohlfahrtsverbände Tariflohn, die Privaten nicht. „Marktgerechte Gehälter“, sagt Alloheim.

Pflegende Hände dringend gesucht

Ein guter Job ist nicht nur eine Frage der Bezahlung: Die Belastung in der Pflege hat immer mehr zugenommen. © Oliver Schaper

Höhere Löhne müssen bezahlt werden. Pflegebedürftige und Pflegekräfte dürften hier nicht gegeneinander ausgespielt werden, warnt die Deutsche Stiftung Patientenschutz. „Ohne Zweifel ist es gut, dass es endlich Bewegung bei den Löhnen gibt. Jedoch dürfen die Mehrkosten nicht allein die Pflegebedürftigen zahlen“, sagt Vorstand Eugen Brysch: „Explodierende Eigenanteile treiben viele Heimbewohner ohnehin schon in die Sozialhilfe.“

Die Belastung hat stark zugenommen

Ein guter Job ist nicht nur eine Frage der Bezahlung. „Die Arbeitsverdichtung und Pflegeintensität hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen“, sagt Awo-Qualitätsmanagerin Elke Herm-Riedel. Durch die neuen Pflegegrade seien mehr schwer- und schwerstpflegebedürftige Menschen eingezogen. 80 Prozent der Bewohner seien heute Demenzkranke. Eine psychische Belastung und eine körperliche. Auch Verdi bestätigt das. Den gesellschaftlichen Wohlstand merke man auch daran, dass die alte Dame nicht mehr 65 Kilogramm wiege, sondern 85.

Erste Betreiber reagieren darauf: Arbeits- und Gesundheitsschutz würden wichtiger, heißt es bei der Awo. Sowieso sei die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein großes Thema. Zentral bleibt die Überlastung: Niemand will jemanden alleine sterben lassen, nur weil er allein auf Station sei.

Bisher gilt nur eine gesetzliche Regelung: 50 Prozent der Pflegekräfte müssen Fachkräfte sein. Das heißt, es kann auch nur eine sein, zusammen mit einer Hilfskraft.

Weniger Pflegekräfte als vorgesehen

Wenn überhaupt: „Aufgrund des bekannten Fachkräftemangels im Bereich der Pflege kompensieren Einrichtungen zeitweise fehlende Fachkräfte durch einen höheren Anteil an Hilfskräften, teilweise über das Vereinbarte hinaus“, sagt die Dortmunder Heimaufsicht auf Nachfrage: „Hierdurch kann dann zeitweise der Fachkräfteanteil von 50 Prozent unterschritten werden. Dies ist insoweit tolerierbar, wenn es sich nur um einen kurzen Zeitraum handelt und eine gute Versorgungsqualität gegeben ist.“

Welche Heime gemeint sind? Die Privaten Comenita und Alloheim erklären, man überschreite die „Fachkraftquote sogar deutlich“. Die Städtischen Seniorenheime haben nach eigener Auskunft 60 Prozent Fachkräfte, die Caritas hat 65 Prozent.

Personalmindestschlüssel soll die Lösung sein

Die Lösung sollen Personalmindestschlüssel sein. Wie viele Pflegekräfte für wie viele Bewohner? In Bremen forscht man bis 2020 an einem Standard für den Personalbedarf. Dieser Pflegeschlüssel soll dann sofort in NRW gelten, verspricht Sozialminister Laumann. Doch die Frage bleibt: Woher sollen die Pflegekräfte für die Stellen kommen? „Wir haben ja jetzt schon das Personalproblem und wenn man sagt und ernsthaft diskutiert, man will die Personalschlüssel auf das höchste Niveau z.B. von Bayern anheben, dann muss man auch sagen, in welcher Reihenfolge man Angebotsleistungen reduzieren will“, sagt Awo-Managerin Herm-Riedel. Ergo: Einrichtungen drohe die Schließung.

Um den Job attraktiver zu machen, braucht es mehr Leute. Mehr Leute kommen nur, wenn der Job attraktiv ist. Wo also anfangen? Gewerkschafterin Bianca Werner ist optimistischer: „Wenn es Personalmindeststandards gibt, haben wir nicht mehr diese Überlastung. Dann werden viele auch wieder sagen: Toller Job.“