Pierre Soulages sieht schwarz

Im Museum Folkwang

In diesem Saal herrscht Stille. Aber es ist kein Andachtsraum. Drei der neuesten Gemälde des 96-jährigen Franzosen Pierre Soulages konfrontiert das Museum Folkwang in Essen mit zwei Arbeiten aus eigenem Besitz.

ESSEN

von Von Bernd Aulich

, 20.01.2016, 18:14 Uhr / Lesedauer: 1 min
Pierre Soulages sieht schwarz

Kraftstrotzende diagonale Auskerbungen: Das nach dem Entstehungsdatum „28 Août 2015“ benannte schwarze Bild von Pierre Soulages zählt zu den jüngsten des 96-jährigen Franzosen.

Sechs Jahrzehnte eines wandlungsreichen Künstlerlebens liegen zwischen diesen Arbeiten. Aber in einem ist sich Pierre Soulages seit seinen Anfängen nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute treu geblieben. Er malt nur in Schwarz. Der Farbe des Todes und der Nacht. Aber auch der Farbe der Vergeistigung. Für ihn ist es, paradox genug, die Farbe des Lichtes.

Maler ist Star in Frankreich

Pechschwarz sind seine jüngsten Großformate. Der Kunsthistoriker Mario-Andreas von Lüttichau, Leiter der Abteilung für zeitgenössische Kunst am Museum Folkwang, hat sie im Oktober in Paris zur Eröffnung einer Galerie-Ausstellung gesehen, zu der sogar der französische Premierminister dem betagten Maler-Star die Ehre gab. Nach einer Stippvisite in Essen zögerte Soulages nicht, sie dem Museum Folkwang für ein halbes Jahr zu überlassen.

Eine Retrospektive, wie sie zuletzt 2010 im Berliner Gropius-Bau zu sehen war, war in Essen nie geplant. "Ich möchte Kammermusik machen", sagt von Lüttichau über seinen intimen Einblick. Und tatsächlich liegt darin ihr besonderer Reiz.

Hieroglypghen

Die älteste Arbeit aus Folkwang-Besitz von 1952 zeigt kantige, balkenförmige Streifen, die nicht mit dem Pinsel sondern einem breiten Spachtel aufgetragen wurden. Vor walnussbrauner Firnis ballen sie sich kalligrafisch zu einem Hieroglyphen.

Das zweite, 1955 entstandene Bild aus Folkwang-Besitz entfacht mit kräftig durchschimmerndem Rostrot und übertünchtem leuchtendem Blau in seiner abgestuften Schwärze den Effekt eines Bühnenraums. Tatsächlich hat Soulages einst auch für die Bühne gearbeitet. Beide Bilder erwarb der damalige Folkwang-Direktor Paul Vogt 1961 nach der ersten großen Museumsschau des Franzosen in Deutschland.

Kantige Einkerbungen

Die neuesten pechschwarzen Bilder aber lassen durch reliefartige, stark reflektierende kantige Einkerbungen auf mattem Acrylgrund und durch kraftstrotzende diagonale Auskerbungen in horizontal übereinander geschichteten Diptychen und Triptychen wie Reflektoren das Licht, das auf sie fällt, rhythmisch vibrieren.

Dieses Licht streut in einer Fülle von Nuancen. Und es verdichtet sich. Es ist ein Licht, das aus der Finsternis kommt. Ein geheimnisvoller innerer Glanz, der nichts Mystisches hat. Der aber in metaphysische Dimensionen vordringt.

Museum Folkwang Essen: "Soulages - Le noir", bis 26. Juni, Di-So 10-18 Uhr, Do/Fr bis 20 Uhr, Katalog fünf Euro.

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