Platzmangel in Obdachlosenunterkünften: Die Angst um neue Corona-Hotspots

Coronavirus

Caritas und Wohnungslosenhilfe befürchten, dass die Angebote für wohnungslose Menschen wegen Abstandsregeln und Platzmangel nicht ausreichen werden. Hinzu kommt die Gefahr, dass die Wohnungslosigkeit drastisch zunimmt.

Berlin/Köln

11.09.2020, 17:13 Uhr / Lesedauer: 2 min
Anfang Oktober kümmert sich wieder die Kältehilfe in Berlin um Obdachlose.

Anfang Oktober kümmert sich wieder die Kältehilfe in Berlin um Obdachlose. © picture alliance/dpa

Die Caritas warnt vor Corona-Hotspots in Obdachlosenunterkünften, weil Abstände nicht eingehalten werden können. Wenn die Temperaturen sinken, wird der Aufenthalt im Freien für obdachlose Menschen gefährlich. Doch in den Notunterkünften werden die Plätze knapp, warnt Helmut Loggen, stellvertretender Caritas-Direktor im Erzbistum Köln, anlässlich des Tags der Wohnungslosen am Freitag.

„Wenn sich in Gemeinschaftsunterkünften für Obdachlose das Coronavirus ausbreitet, ist eine komplette Schließung keine Option. Wo sollen diese Menschen denn dann hin?“ Die Einrichtungen würden dringend eine finanzielle Absicherung und Ausweichmöglichkeiten brauchen. Hier sei die Politik gefordert – die Wohnungslosenhilfe zu unterstützen und die Wohnungslosigkeit mit Entschiedenheit zu bekämpfen.

Mehr als 500.000 Menschen ohne Wohnung

Seit Jahren passiert hier zu wenig, kritisieren der Deutsche Caritasverband (DCV) und die Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (KAG W). Über eine halbe Million Menschen sind nach deren Angaben in Deutschland ohne eine dauerhaft eigene Wohnung. Sie seien auf Schlafplätze der Wohnungslosenhilfe angewiesen oder müssen darauf hoffen, bei Bekannten oder Verwandten unterzukommen, was nur selten gelinge.

Betroffen seien immer häufiger auch Familien und alleinerziehende Frauen. In den vergangenen zwei Jahren hat sich auch der Anteil der Klienten ohne deutschen Pass verdoppelt, teilt der Deutsche Caritasverband mit. Es sei zu befürchten, dass die Zahl von Obdachlosen durch die aktuelle Wirtschaftskrise weiter ansteigt. Für nicht wenige Haushalte, bei denen zum Beispiel Kurzarbeit ansteht oder der Job bedroht ist, sei die Zahlung der Miete ein Kraftakt oder gar unmöglich geworden.

Corona-Pandemie erschwert die Arbeit

Gleichzeitig würde die Corona-Pandemie die Arbeit der Einrichtungen, die wohnungslose Menschen betreuen, massiv erschweren: „Die Unterkünfte und Aufenthaltsorte können wegen Sicherheitsabständen und Hygieneregeln ihre Aufnahmekapazitäten nicht voll ausnutzen, und nicht alle Angebote, zum Beispiel der medizinischen Versorgung, können wie gewohnt stattfinden“, schreibt der Deutsche Caritasverband.

„Wohnen ist ein Grundrecht. Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit sind zentrale gesellschaftliche Probleme, gegen welche die Politik nicht entschieden genug eingreift“, so Caritas-Präsident Peter Neher. „Unsere langjährigen Forderungen, zum Beispiel einer sozialen Bindung von 30 Prozent aller Neubauwohnungen, bekommen dieses Jahr durch Corona und die Wirtschaftskrise eine neue Dringlichkeit.“

Sie haben ein schwaches Immunsystem

„Die in der Pandemie geforderte soziale Distanz, die notwendigen Hygienemaßnahmen und der Rückzug in die eigenen vier Wände – all diese Maßnahmen sind für Obdachlose kaum umzusetzen“, sagt Helmut Loggen. Obdachlose seien obendrein besonders anfällig für Infektionen. „Ihr Immunsystem ist häufig schwach, sie haben nicht selten offene Wunden und sind psychisch belastet durch Angst und Stress.“

RND

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt