Postkarte & Whatsapp als Urlaubsgruß - was hat sich über die Jahre verändert?

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12.000 Ansichtskarten aus 64 Jahren hat „Postkarten-Forscherin“ Josephine Obert untersucht. Urlaubsgrüße haben sich kaum geändert - nur nach dicken Pullovern fragt man heute nicht mehr.

NRW

, 02.09.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Urlaubsgrüße sind beliebt. In den letzten Jahren hat die Whatsapp-Nachricht alledings mehr und mehr die klassische Postkarte ersetzt. Die Sprachwissenschaftlerin Josephine Obert von der TU Dresden spricht darüber, wie sich die Urlaubspost in den letzten Jahren verändert hat und warum man früher über die eigene Gesundheit berichtete.

Sie haben 12.000 Postkarten aus den Jahren 1950 bis 2014 analysiert. Postkarten sind aber doch noch viel älter?

Aber das ist die Zeit, in der der Massentourismus in Deutschland aufkommt. Da hatten die Leute das Geld, Reisen zu machen. Und mit dem Urlaub kommen dann auch die Postkarten.

Der berühmte Urlaub in Rimini an der Adria.

Man muss gar nicht so weit reisen. Die Ostsee war angesagt. Die meisten Karten, die wir analysiert haben, wurden aus der Schweiz oder Deutschland verschickt.

Was ist seitdem denn gleich geblieben?

Interessanterweise sind die großen Themen immer noch gleich. Man hat auch auf den alten Karten geschrieben, wie das Wetter, wie das Essen und wie die Unterkunft ist. Das sind die Themen, die mal mehr, mal weniger konstant geblieben sind.

Früher waren Urlaube eher als Kuren gedacht. Das spiegelt sich auch in den Postkaten wieder, berichtet Sprachwissenschaftlerin Josepine Obert.

Früher waren Urlaube eher als Kuren gedacht. Das spiegelt sich auch in den Postkaten wieder, berichtet Sprachwissenschaftlerin Josepine Obert. © Privat

Was hat sich geändert in der Zeit?

Bei den älteren Karten ging es oft um ganz praktische Dinge. „Kannst du mich in zwei Wochen bitte am Bahnhof abholen?“ Also Sachen, bei denen man heute anruft oder eine Whatsapp schickt. Früher kam das noch auf die Ansichtskarte. Wir haben eine aus einem Winterurlaub, auf der steht: „Hier ist es doch kälter als erwartet. Schick mir doch bitte einen Pullover.“

Früher wurde auch mehr geschrieben, wie es einem gesundheitlich geht. Daran anknüpfend: Warum man den Urlaub macht. Das hat damit zu tun, dass Urlaube früher eher Kuren waren. Sätzelang ging es darum, wie es einem geht.

Also eher wie ein Brief.

Genau. Oder: Wie der Reiseweg war. Der Weg war für die Leute viel interessanter als heute: Man ist geflogen, man ist mit dem Schiff gefahren. Heute ist es für uns selbstverständlich, mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen.

Das Wetter, das Hotel, das Essen, das Wohlbefinden – haben sich die Schwerpunkte bei den Themen verändert?

Ne, tatsächlich nicht. Es gibt bei neueren Karten die Tendenz, dass mehr von Aktivitäten berichtet wird. Früher hat man eher geschrieben, warum man im Urlaub ist. Ganz neue Sachen tauchen aber nicht auf, weil der Urlaubs-Rahmen – was man halt im Urlaub so macht – sich nicht so sehr geändert zu haben scheint.

Insgesamt werden ja weniger Postkarten verschickt. Viele schicken vor allem SMS und Whatsapp. Wie hat dies das Schreiben einer Postkarte verändert?

Ich weiß gar nicht, ob SMS oder Whatsaapp beim Schreiben so einen Einfluss haben, denn die Urlaubs-Whatsapp-Nachrichten, die man so bekommt, sind noch sehr ähnlich. Da steht ja auch drin: „Das Wetter ist...“ oder „Das Essen ist...“ oder „Wir haben Spaß...“ Da steht genau das gleiche drin, es ist nur ein anderes Medium.

Die Ansichtskarte hat mit Medien wie Twitter oder SMS gemeinsam, dass es nur einen begrenzten Platz gibt. Mit dem Problem kämpfen Postkarten-Schreiber ja schon seit Jahrzehnten.

Wie haben das die Leute gelöst?

Das kennt man vielleicht selber: Man fängt groß an zu schreiben und wird immer kleiner, und immer kleiner und immer kleiner, weil man merkt, dass der Platz nicht reicht.

Das ist also ganz normal.

Das passiert schon häufig. Schon lustig. Da die Texte aber früher noch länger waren, haben die Leute schon früh angefangen, Abkürzungen zu benutzen. Noch vor Twitter, SMS und Smartphone haben die Leute sehr viele Abkürzungen benutzt. ‚U.‘ statt ‚und‘ oder das kaufmännische Und-Zeichen (&). Was ich total spannend finde, auch wenn die Kartentexte kürzer werden – heute 25 bis 50 Wörter lang – benutzen wir immer noch diese Abkürzungen, obwohl sie vom Platz gar nicht mehr nötig wären. Das ist wie eine Konvention, die sich durchgesetzt hat.

Die Leute schicken zwar weniger Postkarten als früher. Aber wenn man es macht, mit einer besonderen Wertschätzung.

Auf jeden Fall. Eine Ansichtskarte ist heute einfach was Besonderes. Im Unterschied zur Whatsapp hat man was in der Hand, man kann etwas an den Kühlschrank hängen. Eine Whatsappnachricht ist irgendwann weg. Keiner öffnet die drei Monate später nochmal und freut sich.

Gerade die Materialität fehlt da ja, die Handschrift, der Druck, das Bild, der Stempel – und irgendwann die Eselsohren, die verwischte Tinte oder der Klebestreifenrest, weil man die Karte mehrmals aufgehängt hat. Das ist ja das, was eine Ansichtskarte zu einer richtigen Erinnerung macht.

Haben sich die Motive der Karten denn verändert? Früher zeigte man ja bloß nicht die Zeche und lieber den langweilen Stadtpark, heute zeigt man die Industriekultur.

Den Eindruck habe ich auch. Die Stereotype, die man im Text findet, findet man auch in den Fotos auf der Bildseite. Natürlich will man das Besondere des Ortes draufhaben. Der Großteil der Parisreisenden kauft eine Karte mit dem Eiffelturm drauf. Man kommt in Paris nicht auf die Idee, eine Karte vom Stadtpark zu nehmen. Das macht keinen Sinn.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Historische Postkarten aus der Region

02.09.2018
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Der Engelbert-Brunnen in Bochum. Hier befindet sich heute noch eine Engelbert-Figur am zentralen Platz des Bermuda-Dreieck© Privat
Diese Ansichtskarte zeigt die Bahnhofstraße in Bochum. Dort, wo die vorderen Häuser sind, befindet sich heute der Südring.© Privat

Die Barbarasiedlung in Lünen mit der gleichnamigen Straße als alles noch ganz frisch war. Im Hintergrund das Zechencasino und der Forderschacht der Zeche Viktoria.© Repro Goldstein
Diese colorierte Postkarte zeigt die Langestraße in Lünen - damals noch zusammen geschrieben.© Stadtarchiv
Diese Postkarte zeigt die Innenansicht und eine Zeichnung der Gaststätte "Zur alten Post"in Lünen.© Stadtarchiv
Eine etwas moderne Postkarte aus Castrop-Rauxel.© Marcel Witte
Die Häuser auf der linken Seite der Bahnhofstraße in Castrop-Rauxel wurden vor dem 1. Weltkrieg in Höhe der Maslingstraße gebaut.
Rechts lagen seinerzeit nur Felder und Wiesen von Hagemann's Hof. In den Jahren 1956/57 wurden an dieser Stelle Eigenheime und Wohnungen für Betriebsangehörige der Gewerkschaft Victor gebaut.© Sammlung Dufhues
Die Bahnhofstraße in Castrop-Rauxel in nördlicher Richtung in Höhe der Einmündung Victorstraße. Die links vor dem alten Bahnhofsgebäude stehenden Häuser wurden in den 1960er Jahren abgerissen. Hier ist heute der Berliner Platz.© Sammlung Dufhues
Aus den 1930er-Jahren stammt diese Ansicht von Werne. Sie zeigt unten rechts noch ein Stück der Steinstraße, die - unsichtbar, über die Horne führt. Im Hintergrund links ist das ehemalige Krankenhaus zu sehen, heute das Geländes des Wohnheimes St. Katharina.© Sammlung Bernhard Wesselmann
Werne an der Lippe im Jahre 1906 in der "Gesammtansicht". Offenbar damals noch mit zwei M geschrieben.© Sammlung Bernhard Wesselmann
Diese Postkarte zeigt eine Farb-Lithografie der Zeche Werne von 1908.© Sammlung Bernhard Wesselmann
Die Farb-Lithografie-Karte zeigt den Marktplatz von Werne mit dem Kriegerdenkmal vor dem Alten Rathaus im Jahre 1899.© Sammlung Bernhard Wesselmann
Eine Parade beim Schützenfest auf dem Südlohner Markt. Die Karte zeigt einen Blick in den beflaggten und geschmückten Ortskern. Bei dem undatierten Motiv von der Parade fällt auf, dass es bei den Südlohner Schützen irgendwann wohl auch eine Damenkompanie gegeben haben muss.© Gemeindearchiv Südlohn
Die „Seidenfabrik Schniewind“ in Heek im Jahr 1909. Die Karte zeigt die Situation an der heutigen Schniewindstraße vor fast 110 Jahren. In den vergangenen Jahren hat sich das Bild im Bereich der ehemaligen Schniewindschen Fabrik sehr verändert, auch wenn ein Teil der Alten Produktionsstätten mit viel Aufwand saniert wurde.© Gemeindeverwaltung Heek
Die Wirtschaft Richmering, die Graeser Kapelle und die Vikarie in Graes zeigt diese undatierte Postkarte aus Ahaus, die auch noch kunstvoll verziert wurde.© Stadtarchiv Ahaus
Beliebtes Postkarten-Motiv: das Schloss Westerwinkel in Herbern um 1900.© Sammlung Peter Voß
Die farbige Darstellung von Herbern unterlag auch in den 1960er Jahren schon dem Zeitgeist. © Sammlung Peter Voß
Hier eine der frühen Fotopostkarten aus Herbern.© Sammlung Peter Voß
Um 1900 entstand diese Ansicht des Schlosses Itlingen in Herbern.© Sammlung Peter Voß

Aber das Verständnis des Besonderen hat sich geändert. Früher waren die auf den Karten abgedruckten Strände voll. Das gehörte dazu: Wir sind hier im Urlaub und der Sardinenbüchsenstrand ist ganz normal. Das würde man heute wohl nicht mehr kaufen, weil heute das Individuelle begehrt wird. Ein einsamer Strand heißt: Hier ist niemand außer mir. Früher fand man das ganz gut, mittendrin im Trubel zu sein. Heute versucht man, etwas Besonderes zu sein – auch wenn es alle machen.

Die eigenen Whatsapp-Fotos sind ja gerne Selfies und dokumentieren eitel: „Ich stehe hier in Paris vor dem Eiffelturm“. Hat diese Selbstdarstellung Einfluss darauf, was die Leute schreiben?

Na klar. Das finde ich ja gerade so spannend an Ansichtskarten. Mit dem Aufkommen des Massentourismus hat sich scheinbar gleichzeitig der Drang entwickelt, anderen mitzuteilen, wie es einem im Urlaub geht. Wie ich mich selbst als Reisender darstelle.

Es gibt ja schon ein unausgesprochenes Regelwerk, jeder weiß eigentlich, was auf eine Karte gehört und was nicht: Man will mitteilen, dass es schön ist und das Essen schmeckt. Man möchte diese Erfahrung anderen mitteilen. Einerseits, um zu sagen: Hier ist es total toll und ich denke trotzdem daran, dir eine Ansichtskarte zu schreiben. Andererseits geht es natürlich auch um Selbstdarstellung.

Schreibt denn keiner: „Schlechtes Wetter hier, Stadt ist hässlich, mir ist fad.“?

Nur die wenigsten kommen ja darauf zu schreiben, dass es einem schlecht geht oder es einem nicht gefällt. Haben wir natürlich auch, aber es ist natürlich viel weniger. Bei einer Karte musste ich lachen. „Endlich auf Bali und froh dazu, bald wieder von hier abzureisen. Die Insel ist noch viel schrecklicher geworden, als es bereits vor zwölf Jahren war.“ Die Karte geht so weiter – das Wetter, die Leute und die Sehenswürdigkeiten sind laut Schreiber nämlich auch furchtbar... Und das wirft viele Fragen auf. Warum fährt man dann nochmal dahin?

12.000 Postkarten haben die Forscher schon untersucht und sie sammeln noch weiter. Wer möchte, kann seine Kartensammlung den Forschern zur Verfügung stellen. Das Forschungsprojekt der angewandten Linguistik ist eine Kooperation der Universität Zürich und der Technischen Universität Dresden. Postkartenspenden können an Professor Heiko Hausendorf an die Uni Zürich geschickt werden. Postadresse: Heiko Hausendorf, Universität Zürich, Deutsches Seminar, Schönberggasse 9, 8001 Zürich