Propst Ludwig über Missbrauchsvorwürfe und die Krise der Kirche

Interview

BOCHUM Diese Tage sind keine leichten. Für keinen Katholiken. Das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in ihren Einrichtungen stürzt die Katholische Kirche in eine ihrer größten Krisen. Im Gespräch mit Christian Rothenberg sprach Propst Michael Ludwig über das Zölibat, Moral und Kirchenaustritte.

von Von Christian Rothenberg

, 10.03.2010, 17:54 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Kirche müsse offener werden, fordert Propst Ludwig. "Wir haben nichts zu verbergen."

Die Kirche müsse offener werden, fordert Propst Ludwig. "Wir haben nichts zu verbergen."

Ich lese immer gern Zeitung. Aber die Enthüllungen haben mich sehr getroffen. Vor allem die Essener Geschichte: Es war mein alter Kaplan, der Kontakt zu einem 16-Jährigen hatte. Er hat mich geprägt auf meinem Weg und mir nie etwas getan.

Dass nun kommt, was in den USA vor Jahren passiert ist. Ich hatte Sorge, was nun alles rauskommt, wie viele betroffen sind. Mir wurde auch klar, dass nicht alles heile Welt ist. Wobei jeder Einzelfall schrecklich ist.

Das ist bei der Kirche immer so. Sobald etwas passiert, gibt es einen Pauschalverdacht. Schon bei der Hexenverbrennung. Die Schwierigkeit ist, wir sind selbst betroffen, weil wir es auch nicht wussten.

Das eine ist die Betroffenheit, weil man bei Kirchen höheres moralisches Verhalten fordert. Mit Recht. Das andere ist die menschliche Erfahrung, dass Menschen aus der Kirche nicht besser sind. Außerdem ist Missbrauch im familiären Umfeld wesentlich häufiger.

Erwiesen ist, es gibt keinerlei Verbindung. Missbrauchsfälle gibt es auch in Bereichen ohne zölibatäre Menschen. Den freiwillig Unverheirateten unterstellt niemand, dass sie verklemmt, neurotisch oder abnorm sind. Aber wer sich für das Priestertum entscheidet, hat sofort ein Problem mit Sexualität.

Der Papst ist einer der massivsten Kritiker. Die Fälle müssen aufgearbeitet werden. Aber eine pauschale Entschuldigung wäre zu billig. Es müssen Konsequenzen gezogen werden, wie mit Tätern umgegangen wird. Dass sie nicht wie früher einfach versetzt werden.

Bestimmte Vergleiche verbieten sich aufgrund unserer geschichtlichen Verstrickungen.

Betroffenheit, Erschrecken, Sprachlosigkeit. Eine große Ohnmacht. Sie würden gern etwas tun, können aber nicht. Bei Unfällen kann man eine Kerze aufstellen. Für Haiti kann man spenden. In diesem Fall gibt es keine Klagemauer.

Der Austritt wird beim Amtsgericht vollzogen. Das erfahren wir erst Monate später, wenn es zu spät ist. Ich bin gespannt, wie es sich auswirkt. In Krisenzeiten gibt es aber immer mehr Austritte. Viele, die sich schon länger entfernt haben, nehmen es als endgültigen Anlass.