Prozess um Anschlag auf “Charlie Hebdo”: “Wir werden niemals kuschen”

Charlie Hebdo

In Paris startet der Prozess um die Attentate gegen “Charlie Hebdo” und einen jüdischen Supermarkt. Das Satiremagazin veröffentlichte zum Auftakt erneut Mohammed-Karikaturen.

Paris

von Birgit Holzer |

, 03.09.2020, 08:07 Uhr / Lesedauer: 2 min
17 Menschen starben bei den Pariser Attentaten 2015. Nun beginnt in Paris der Prozess gegen die Unterstützer der getöteten Haupttäter.

17 Menschen starben bei den Pariser Attentaten 2015. Nun beginnt in Paris der Prozess gegen die Unterstützer der getöteten Haupttäter. © picture alliance/dpa

Das hat es seit mehr als fünf Jahren nicht mehr gegeben – und viele rechneten nicht damit, dass das französische Satiremagazin “Charlie Hebdo” nach dem blutigen Terroranschlag im Januar 2015, bei dem zwölf Menschen getötet und elf weitere teils schwer verletzt wurden, je nochmals den Propheten Mohammed abbilden würde.

In der aktuellen Ausgabe prangt er dennoch mehrmals auf der Titelseite. “Ein von den Fundamentalisten überforderter Mohammed”, heißt es neben einem Abbild des weinenden Propheten. “Es ist schwer, von Idioten geliebt zu werden”, schluchzt er.

Veröffentlichung der Karikatur "unverzichtbar"

Der Zeitpunkt war bewusst gewählt: Die Ausgabe erschien genau zum Beginn des Prozesses um die Pariser Attentate im Januar 2015 mit insgesamt 17 Toten. Dabei werden der Anschlag auf “Charlie Hebdo” gemeinsam mit der darauffolgenden blutigen Geiselnahme in einem jüdischen Lebensmittelladen verhandelt.

Die Veröffentlichung von Mohammed-Abbildungen sei ihnen bei “Charlie Hebdo” als “unverzichtbar” erschienen, schrieb der Redaktionsleiter Laurent Sourisseau, genannt Riss, der damals an der Schulter verletzt wurde: “Wir werden niemals kuschen. Wir werden niemals aufgeben.”

Alle drei Täter starben bei Schusswechseln mit der Polizei

Auch eine Karikatur des Zeichners Cabu ist unter den Abbildungen. Cabu gehörte wie andere Mitglieder der Redaktion, aber auch der Angestellte einer Gebäudewartungsfirma, ein Leibwächter und ein Polizist, zu den Opfern der Terroristen Chérif und Saïd Kouachi, die nach ihren Bluttaten riefen, sie hätten “den Propheten gerächt”.

Beim Prozess werden die Kouachi-Brüder ebenso wenig zugegen sein wie Amédy Coulibaly, der an den beiden Folgetagen eine Polizistin in einem Pariser Vorort erschoss und im Supermarkt “Hyper Casher” vier jüdische Männer. Alle drei Täter sind bei Schusswechseln mit der Polizei gestorben. Sie kannten einander teils aus früheren Gefängnisaufenthalten. Vorherige Treffen sowie reger Handykontakt zeigten, dass sie die Anschläge aufeinander abgestimmt hatten.

14 Unterstützer der Täter vor Gericht

Zu dem Attentat auf “Charlie Hebdo” bekannte sich das Terrornetzwerk Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel, zu jenem auf den “Hyper Casher” die Terrormiliz des sogenannten “Islamischen Staates”.

Angeklagt sind insgesamt 14 Personen, die den Terroristen in verschiedenem Ausmaß logistische Unterstützung, vor allem durch das Besorgen von Geld, Waffen oder Munition, geleistet haben sollen. “Ich weise die Vorstellung zurück, dass es sich um kleine Zuarbeiter ohne Bedeutung handelte”, sagte der Anti-Terror-Staatsanwalt Jean-François Ricard. Vielmehr seien die Angeklagten “unerlässlich für das Ausführen der Terrorakte” gewesen.

Prozess soll 49 Tage dauern

Über drei der 14 Angeklagten wird in Abwesenheit gerichtet. Die Brüder Mohamed und Mehdi Belhoucine, die vor allem für Coulibaly operationelle Hilfe geleistet haben sollen, waren kurz vor den Pariser Attentaten mit Hayat Boumeddiene, Coulibalys Ehefrau, über Madrid und die Türkei nach Syrien ausgereist. Auch Boumeddiene, die als religiöse Fanatikerin ihren Mann massiv beeinflusst haben soll, ist angeklagt und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Den übrigen elf Angeklagten wird überwiegend Angehörigkeit einer Terrororganisation, im Fall des 35-jährigen Ali Riza Polat “Komplizenschaft bei Terrormorden” vorgeworfen. Ihm droht eine lebenslange Gefängnisstrafe, den meisten anderen Angeklagten bis zu 20 Jahre Haft.

Der Franko-Türke Riza Polat soll als Coulibalys rechte Hand Waffen, Munition und Sprengstoff besorgt, gelagert und transportiert sowie nach dessen Tod ein bei der Tat gedrehtes Video veröffentlicht haben.

Prozess mit "historischer Dimension"

Die Anschläge hatten weltweit große Bestürzung ausgelöst und galten als Auftakt einer mörderischen Terrorserie, denen allein in Frankreich seither insgesamt 258 Menschen zum Opfer gefallen sind. Auch deshalb wird der Prozess, der 49 Tage dauern soll, komplett gefilmt und später in den Archiven öffentlich zugänglich gemacht.

Dies war überhaupt erst bei 14 Prozessen in Frankreich der Fall – erstmals bei jenem gegen den Nazi-Verbrecher Klaus Barbie. Das, so sagt es die Archivarin Sin Blima-Barru, unterstreiche die “historische Dimension” des Prozesses, bei dem 144 Zeugen geladen sind, 94 Anwälte und rund 200 Personen als Zivilkläger auftreten.

RND

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