Querdenker Claus Peymann will nicht in Rente gehen

80. Geburtstag

Claus Peymann trägt sein Herz auf der Zunge. Auch nach jahrzehntelanger, steiler Karriere kämpft er noch mit der Leidenschaft eines jungen Heißsporns für das Theater. Dabei ist der scheidende Direktor des Berliner Ensembles nicht zimperlich. Er teilt verbal gern und oft aus. "In meiner Gegenwart kann man sich nicht langweilen", sagt Peymann, der am 7. Juni seinen 80. Geburtstag feiert: "Aber ich bin natürlich auch nicht zum Aushalten."

BERLIN

von Von dpa und Julia Gaß

, 06.06.2017, 17:59 Uhr / Lesedauer: 2 min
Querdenker Claus Peymann will nicht in Rente gehen

Claus Peymann neben einer Skulptur von Bert Brecht in Berlin. Heute wird der Theatermann, der in Wien, Berlin und Bochum Theatergeschichte geschrieben hat, 80 Jahre alt.Foto:dpa

Gegen Politiker, Regisseure, Intendantenkollegen oder die Hauptstadtpresse richtete sich zuletzt immer wieder Peymanns Zorn. Nach 18 Jahren räumt er zum Ende der Spielzeit nicht ganz freiwillig den Chefsessel am Berliner Ensemble. An seinem Nachfolger - Oliver Reese vom Schauspiel Frankfurt - lässt der cholerische Theaterkönig kein gutes Haar.

Theatergeschichte geschrieben

In Berlin, Bochum, Stuttgart und als Direktor des Wiener Burgtheaters schrieb Peymann Theatergeschichte. Er selbst versteht sich als letzter großer linker Theatermacher in Deutschland.

Seine erste große Intendanz übernahm der in Bremen geborene Sohn eines Studienrates 1974 in Stuttgart, wo er wegen der Geldsammlung für einen Zahnersatz für die inhaftierte RAF-Terroristin Gudrun Ensslin von Ministerpräsident Hans Filbinger unter Druck gesetzt wurde und erstmals in die Schlagzeilen geriet.

Große Ära in Bochum

1979 kam Peymann als Intendant des Schauspielhauses Bochum ins Ruhrgebiet, wurde Nachfolger von Peter Zadek, feierte in seiner knapp siebenjährigen Amtszeit Erfolge bei Kritik und Publikum und begründete seinen Ruf als Papst der deutschen Theaterszene.

Uraufführungen zeitgenössischer Autoren wie Thomas Bernhard, Peter Handke oder Peter Turrini, später auch Elfriede Jelinek, bildeten für Peymann immer einen Schwerpunkt seiner Arbeit. Zu den wichtigsten Schauspielern, mit denen Peymann zusammengearbeitet hat, gehören Gert Voss, Ignaz Kirchner und Kirsten Dene.

"Der liebe Gott in Wien"

Das Wiener Burgtheater (Peymann: "Ich war der liebe Gott in Wien") war 1986 Peymanns nächste Station. 13 Jahre blieb er an der Burg - nicht ohne Konflikte und Zwist - bevor er sich vor 18 Jahren in die deutsche Hauptstadt aufmachte. Als "Reißzahn im Arsch der Mächtigen" trat er im einstigen Brecht-Theater am Schiffbauerdamm an, feierte Zuschauer-Rekorde und ärgerte sich über Kritiker, die seine Klassiker-Inszenierungen als museal bezeichneten.

Das Berliner Ensemble, das er seine "zweite Haut" nennt, sei immer sein Traum-Theater gewesen, sagte der "Prinzipal alter Ordnung" bei seiner letzten Pressekonferenz. Im angemieteten Haus in Berlin-Köpenick, wo sich im Garten Waschbären und Wildschweine tummeln, will er wohnen und Berlin treu bleiben.

Kein Ruhestand

Aber der Ruhestand ist für Peymann nichts. In Stuttgart bringt er in der nächsten Saison Shakespeares "König Lear" auf die Bühne. Premiere ist am 16. Februar 2018. In der darauffolgenden Spielzeit inszeniere er in Wien, kündigte Peymann an.

Und auch ins Ruhrgebiet ist er immer gerne zurückgekehrt: Gerade hat er bei den Ruhrfestspielen gelesen, auch bei der Ruhrtriennale war er oft zu Gast, und in Bochum hat er sich mit der Lesung "Claus Peymann kauft sich eine Hose" wieder in Erinnerung gerufen.

Abschied aus Berlin mit Feuerwerk

"Das Entscheidende am Theater ist die Liebe", sagt der Regisseur und Theaterleiter, ohne den das deutschsprachige Theater um 130 Inszenierungen und 60 Uraufführungen ärmer wäre.

Vom Berliner Publikum verabschieden sich Peymann und sein Ensemble am 2. Juli mit einem "Abschied" überschriebenen Abend. "Am Ende gibt es ein Feuerwerk, das ich privat finanziere", verrät Peymann.