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Blitzer wird 60: „Wunderwaffe“ der Polizei sorgt seit sechs Jahrzehnten für Sicherheit

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Vor 60 Jahren kam der erste Blitzer in der Nähe von Düsseldorf zum offiziellen Einsatz. Seitdem machen Radargeräte Schnellfahrern das Leben schwer und Straßen sicherer.

Dortmund

, 12.02.2019 / Lesedauer: 5 min

In Zeiten, in denen über das Tempolimit auf deutschen Autobahnen debattiert wird, mag der ein oder andere Schnellfahrer sich möglicherweise die 1950er-Jahre zurückwünschen.

Damals hatte die Polizei noch keine vernünftige Möglichkeit, zu schnell fahrende Autos genau zu erwischen. Stoppuhren kamen zum Einsatz. Diese brachten aber Nachteile mit sich: Die Ergebnisse waren nicht immer genau und der Personalaufwand war immens. Mindestens fünf Leute waren nötig, um Geschwindigkeitsvergehen von Autofahrern zu prüfen.

Da kam das Verkehrsradargerät der Firma Telefunken genau richtig. 1956 vorgestellt, durchlief das erste Radargerät der Polizei erst einige Testphasen. 20.000 Deutsche Mark kostete das Messgerät damals und galt als hilfreiche Innovation.

Am 15. Februar 1959 kam es dann bei Düsseldorf zum ersten offiziellen Einsatz. „Es war dringend notwendig. Die Verkehrsunfälle durch die Geschwindigkeit hatten deutlich zugenommen und es musste etwas passieren. Durch das Radargerät war die Messung damals wesentlich effektiver“, erklärt Felix Hoffmann, Leiter des Polizeimuseums im westfälischen Salzkotten.

Blitzer wird 60: „Wunderwaffe“ der Polizei sorgt seit sechs Jahrzehnten für Sicherheit

Felix Hoffmann, Leiter des deutschen Polizeimuseums in Salzkotten, demonstriert den Umgang mit dem Radargerät VRG2. © picture alliance / Oliver Krato / dpa

Die Zahl der Autounfälle stieg damals jährlich. Unter anderem auch wegen der immer mehr werdenden Autos auf deutschen Straßen. Während es 1950 gerade mal eine halbe Million PKW waren, sind 1959 bereits über drei Millionen Autos auf den Straßen unterwegs.

Circa 60 Millionen weniger als Anfang 2018. Auch bei den Unfällen hat sich einiges getan, aber in eine andere Richtung.

Beinahe 14.000 Verkehrstote im Jahr 1959

Im vergangenen Dezember gab der ADAC eine Schätzung für die Zahl der Verkehrstoten im Jahr 2018 heraus: 3285. Eine leichte Steigerung zum Jahr 2017, dem Jahr mit den wenigsten verunglückten Verkehrsteilnehmern seit Beginn der Unfallstatistik. 3180 Menschen waren das.

Kein Vergleich zu den schockierenden Zahlen im Jahr 1959. Damals waren es beinahe 14.000. Ein weiterer Grund für die Einführung des Radarmessgeräts.

In Nordrhein-Westfalen ist die Zuständigkeit für die Messgeräte klar geregelt. Städte, die mehr als 50.000 Einwohner haben, dürfen Messgeräte zur Geschwindigkeitsüberprüfung aufstellen. Ansonsten sind die Kreisbehörden, kreisfreie Städte und die Polizei für die Einhaltung und Überprüfung der Geschwindigkeit zuständig.

Zeitungen feierten die neue „Wunderwaffe“ der Polizei

Auf Autobahnen und Schnellstraßen sind die Polizeipräsidien für einzelne Bezirke zuständig. Beispielsweise das Polizeipräsidium Dortmund für den Regierungsbezirk Arnsberg.

Die Kreisbehörden und Städte, die mindestens 50.000 Einwohner haben, dürfen dort lediglich mit festinstallierten Radargeräten die Geschwindigkeit überprüfen. Während die Einnahmen der Polizei an das jeweilige Bundesland gehen, können die Städte und Kreise ihre Einnahmen behalten.

Seit 60 Jahren stellt die Polizei nun mit Radargeräten Temposündern nach. Doch die Geschwindigkeitskontrolle selbst ist in Deutschland schon deutlich älter.

Schon 1906 maßen eifrige Polizisten im badischen Kehl das Tempo von Kraftfahrern im Geschwindigkeitsrausch. Auf einer bestimmten Streckenlänge wurden Autofahrer mit Fahnenzeichen und Taschenuhr „überführt“.

Immer wieder waren Radarfallen der blanken Wut der Temposünder ausgesetzt: Sie wurden beschossen, angezündet, abgesägt, mit Farbe besprüht und mit Klebeband umwickelt.

Mit Blitzlicht konnten dank der ersten Radargeräte Temposünder neuerdings sogar in der Nacht erwischt werden – die Zeitungen feierten die neue „Wunderwaffe“ der Polizei, die ihrerseits davon begeistert war, „statistisch gesehen jeden Autofahrer alle zehn Tage kontrollieren zu können“.

6500 Starenkästen über das Land verteilt

In der Bevölkerung kam das neue Instrumentarium der Polizei nicht ganz so gut an, wie Fachzeitschriften damals vermerkten. Schnell wurden Begriffe wie Abzockerei und Wegelagerei laut.

Inzwischen sind etwa 6500 Geräte als fest montierte „Starenkästen“ über das Land verteilt – und versetzen mit ihren Blitzen Autofahrer immer wieder in ohnmächtige Wut. Zum Vergleich: In Italien sind es 10.000, in Brasilien sogar mehr als 16.000.

Den Umstand, dass die Städte selber Geschwindigkeitsüberprüfungen durchführen, sieht Hoffmann kritisch: „Wenn ich jemanden blitze und ein paar Wochen später den Bußgeldbescheid bekomme, ist die Zeit schon längst verflogen. Es gibt dann keine Belehrung für den Fahrer.“ Warum an der Stelle geblitzt wird, bleibt für den Schnellfahrer unklar.

Auch Heiko Müller, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Nordrhein-Westfalen, kritisiert dies: „Die Kommunen könnten da unterstützend tätig werden. Aber es ist zu begrüßen, sie nur da aufzustellen, wo es einen Unfallschwerpunkt gibt.“

In einigen Fällen konnten Rechtsanwälte den Abbau der Blitzer erzwingen, wo deren Millioneneinnahmen allzu offensichtlich mehr der klammen Staatskasse dienten denn der Verkehrssicherheit.

„Die Kommunen könnten da unterstützend tätig werden. Aber es ist zu begrüßen, sie nur da aufzustellen, wo es einen Unfallschwerpunkt gibt.“
Heiko Müller, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in NRW

Die Vorgaben, wo ein Blitzer aufgestellt werden darf, wurden in den letzten Jahren erheblich gelockert.

Während in anderen Bundesländern Mindestabstände zu Temposchildern gelten, kann der Blitzer in Nordrhein-Westfalen unmittelbar nach dem Schild aufgestellt werden.

Die Geschwindigkeitsüberwachung soll vor allem an Unfallschwerpunkten und in Schutzzonen, beispielsweise an Kindergärten, Schulen oder Seniorenheimen, stattfinden.

Belehrendes Gespräch ist besonders wichtig

Dennoch blitzt es seither ohne Unterlass – im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen allein durch die Polizei 2,1 Millionen Mal im Jahr 2015. Hinzu kommen die Aufnahmen der kommunalen Radaranlagen.

Dennoch bleibt für Müller das belehrende Gespräch nach einem Geschwindigkeitsvergehen besonders wichtig: „Das Anhalten der Verkehrsteilnehmer ist unausweichlich. Sonst geht es unter, wenn man erst Wochen später seinen Bescheid bekommt.“

Die Gegner der Radargeräte haben illegal aufgerüstet: Warngeräte für das Auto und reflektierende Folien für das Nummernschild sollen vor Bußgeld, Punkten in Flensburg und Führerscheinentzug schützen.

Die Polizei kontert seit einigen Jahren mit modernen und kleinen Lasergeräten, die die Radartechnik in Genauigkeit übertrumpfen – und mit dem Blitz-Marathon, den 24-stündigen Kontrolltagen.

Neu ist dabei die „Section Control“, der erste bundesweite Streckenradar. Seit Mitte Januar überwacht die Anlage einen 2,2 Kilometern langen Abschnitt der Bundesstraße sechs bei Hannover.

Die Geschwindigkeit der Autos wird beim Einfahren und Verlassen des kontrollierten Abschnitts erfasst und die Durchschnittsgeschwindigkeit ermittelt. Wer im Durchschnitt zu schnell war, erhält ein Bußgeld.

Blitzer wird 60: „Wunderwaffe“ der Polizei sorgt seit sechs Jahrzehnten für Sicherheit

So funktioniert die „Section Control“, die seit Januar in Niedersachsen im Einsatz ist. © dpa / Innenministerium Niedersachsen

„Die festen Starenkästen haben die Gefahr, dass die Teilnehmer darauf hingewiesen werden. Die Kontrollen von einzelnen Sektoren und die Sicherheit sind da wirklich besser. Es gibt andere europäische Nachbarn, die das bereits praktizieren. Vielleicht halten sich dann mehr Leute an die vorgegebene Geschwindigkeitsbegrenzung“, erklärt Heiko Müller von der GdP.

In Nachbarländern wie den Niederlanden, Belgien und Österreich sind sie bereits seit Jahren gängige Praxis.

Mit Material von dpa.

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