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Raiko Küster hat sein Ich gefunden

Schauspieler-Porträt

Raiko Küster las Hans Falladas "Kleiner Mann, was nun?". Und dachte immer wieder: Das könnte ich sein. Zumindest auf der Bühne des Schauspielhauses stimmt das. Küster spielt in David Böschs Fallada-Inszenierung Johannes Pinneberg.

BOCHUM

von Von Ronny von Wangenheim

, 25.12.2011

Diesen kleinen Mann also, der sich mit seinem Lämmchen und dem Kind, das sie Murkel nennen, durchs Leben schlägt und immer weiter abrutscht und schließlich durchs soziale Raster fällt. Es ist die bislang größte Rolle für den Schauspieler, der 2010 mit Anselm Weber von Essen nach Bochum wechselte. "Ganz schön viel Holz vor der Hütte", beschreibt er, dass es viel Text zu bewältigen gibt.

"Wir probieren wahnsinnig viel aus", erzählt er über die Proben mit David Bösch. Gut, dass er den Regisseur schon von früheren Inszenierungen kennt. Es wird eine reduzierte Fassung, so viel verrät Küster schon vorab.

Nichts von einer Revue also, wie sie Peter Zadek 1972 in seiner legendären Inszenierung zeigte. Sie geistert immer noch durch die Köpfe der treuesten Theatergänger. Raiko Küster allerdings interessiert das nicht. "Damals war ich noch gar nicht auf der Welt, sagt der 38-Jährige und lacht.

Für ihn ist Falladas Roman aus dem Jahr 1932 ein sehr berührendes Buch, das über die Zeit hinaus eine gültige Aussage hat. "Es ist erschreckend, welche Parallelen es zu Heute gibt", sagt er. Wenn Pinneberg auf dem Amt Kindergeld beantragt und an der Bürokratie scheitert, da sieht sich Küster selbst im sinnlosen Dialog mit einem Beamten, der immer gleich argumentierte: "Der Gesetzgeber sieht vor ..."

Die Krise überstehen

Er ist fasziniert von Pinneberg und Lämmchen, "zwei Leute, die sich füreinander entschieden haben". Und freut sich über sehr viele schöne Szenen mit seiner Kollegin Maja Beckmann. "Was sie die Krise überstehen lässt, ist, dass sie wissen, was sie aneinander haben".

Zum fünften Mal arbeitet Raiko Küster jetzt mit Regisseur David Bösch zusammen. Auch in "Woyzeck", "Was ihr wollt", "Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand", alle in Essen entstanden, und in "Ratten" hat der Schauspieler Rollen übernommen.Vielseitig

"Ich bin gerne vielseitig", sagt Küster über sich selbst, "ich singe gern, spiele gern, tanze und bewege mich gern, setze mir gerne Feudel auf den Kopf..." In seinem ersten Jahr in Bochum hatte er zu all dem viel Gelegenheit. "Ich habe das vergangene Jahr in Bochum sehr genossen. Es war ein tolles Jahr, wenn auch wahnsinnig anstrengend", betont er. In acht Inszenierungen steht er bislang in fast doppelt so vielen Rollen auf der Bühne.

"Ich habe hier neue Leute getroffen, neue Regisseure, die in vieler Hinsicht die Fenster aufgemacht haben", erläutert Raiko Küster. Vor allem die Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Paul Koek oder Christoph Frick, die ganz andere Arbeitsweisen als gewohnt haben, hat ihn beeindruckt. "Da gab es die eine oder andere Offenbarung."Familie als Ausgleich

Ausgleich zur durchaus auch stressigen Arbeit im Theater bietet die Familie, zu der die beiden zwölf und vier Jahre alten Kinder gehören. "Ich bin nicht bereit, alles zu opfern für das Theater", betont er, dass er ein Leben außerhalb der Bühne kennt. "Ich zweifle auch manchmal an dem, was ich tue". Als Beispiel nennt er die Inszenierung "Oft ist die Natur noch einmal schön", in der es um den Klimawandel geht. Küster: "Wenn man dann jetzt vom Klimagipfel liest, dann fragt man sich nach dem Sinn und Zweck der Geschichte." Sich zu hinterfragen, auch dabei hilft die Familie. So hat ihn seine Frau auch in den Beruf des Schauspielers gestupst. "Ein roter Faden zieht sich durch mein Leben: Das war Orientierungslosigkeit." Heute kann er darüber lachen. Doch 1996, als er auf Anhieb auf die renommierte Ernst-Busch-Hochschule in Berlin aufgenommen wurde, sah das noch anders aus. Wahnsinnig viel hatte er bis dahin ausprobiert. Schauspielerei schon zu Schulzeiten sehr intensiv, aber immer nur als Hobby betrieben. "Ich musste nicht drum kämpfen", weiß er heute, dass es ihm zu leicht gemacht wurde.

Viel experimentiert

Auf der anderen Seite fehlte auf der Schauspielschule noch das starke Selbstbewusstsein angesichts der Kollegen, die für Küster scheinbar über den Boden schwebend an ihm vorbeizogen. "Nach einem Dreiviertel Jahr hab ich geschmissen", erinnert er sich. Sein Mentor bot ihm damals an, er könne wiederkommen. "Das habe ich damals nicht geglaubt".

In der Folge hat er wild herumexperimentiert. "Ich habe bei einer Werbeagentur gearbeitet, bei H&M, beim Film, habe einen Studienplatz für Kommunikationswissenschaften belegt." Eineinhalb Jahre hat das gedauert. Da fragte seine Freundin: "Was willst du denn wirklich?" Raiko Küster hat eine Liste mit Pro und Contra gemacht. "Die eine Seite blieb ziemlich leer." Und wenig später stand Küster wieder in der Ernst-Busch-Schule und sagte: "Ich bin soweit."