Rechtschreibreform: Die Lieblings-Fehler der Schüler

Lehrer aus NRW

Vor 20 Jahren wurde die deutsche Rechtschreibung von Grund auf reformiert. Aber hält sich da jeder dran? Ein Lehrer aus NRW hat uns erklärt, welche Wörter Schüler immer noch falsch schreiben, woran er sich nicht gewöhnen kann und wie Handys die Rechtschreibung beeinflussen. Und wenn Sie Ihre eigene Rechtschreibung testen wollen, haben wir da auch ein kleines Quiz.

NRW

, 01.07.2016, 11:27 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wo ist die Buchstabenfolge «er» in der Zeitung zu finden? Wer sich morgens einen Artikel unter diesem Aspekt vornimmt, bringt sein Gehirn schnell auf Trab. Foto: Andrea Warnecke

Wo ist die Buchstabenfolge «er» in der Zeitung zu finden? Wer sich morgens einen Artikel unter diesem Aspekt vornimmt, bringt sein Gehirn schnell auf Trab. Foto: Andrea Warnecke

Schon 20 Jahre ist unsere Rechtschreibung alt. Bei der Reform am 1. Juli 1996 ging es hauptsächlich darum, die Schreibweise zu vereinfachen. Viele, die aber noch mit der alten Rechtschreibung schreiben gelernt haben, tun sich noch schwer mit den neuen Regelungen. Die Jungen dagegen, die die es gar nicht anderes kennen, haben sich ihre eigenen Regeln gebaut.

Wie fit Sie selbst beim Rechtschreiben sind, können Sie in unserem Quiz testen

Welche Fehler die Schüler am liebsten machen und warum das überhaupt nicht schlimm ist; darüber haben wir mit Stefan Belau, Geschichte- und Deutschlehrer an einer Hauptschule in NRW gesprochen:

Schon 20 Jahre ist die Rechtschreibreform alt: Was schreiben Sie auch heute noch falsch, weil die Umstellung einfach nicht in Ihren Kopf reingeht?

Klar war es eine Umstellung - aber sie war nicht so groß wie man denken könnte. Am schwersten ist es mir gefallen, das "ß" durch "ss" zu ersetzen. Und "Stängel" bleibt für mich immer der "Stengel", auch wenn ich natürlich einsehe, dass es von "Stange" kommt und selbstverständlich mit "ä" geschrieben wird. 

Aber vieles sind ja einfach nur neue Varianten oder alternative Schreibweisen. Das ist eigentlich ganz angenehm, dass es oft einfach mehrere richtige Schreibweisen gibt. Bei bestimmten Ausdrücken muss ich aber immer zwei Mal nachdenken. Heißt es jetzt "zugrunde gehen" oder "zu Grunde gehen"? 

Welche Wörter werden von Ihren Schülern immer wieder falsch geschrieben?

Der Klassiker: "dass" und "das". Seit der Rechtschreibreform wird "dass" zwar nicht mehr mit "ß" geschrieben; daran, dass Schüler oft trotzdem nicht wissen, welches Wort sich an welcher Stelle gehört, hat sich aber nichts geändert.

Kommata werden auch gerne nach Gefühl gesetzt - so wie es gerade Sinn macht. So schlimm finde ich das aber überhaupt nicht, schließlich hat die Rechtschreibreform gerade das getan: Die Komma-Setzung so vereinfacht, das sie Sinn macht und nicht einfach nur strikten Regeln folgt. Allerdings ist es trotzdem nicht optimal, wenn die Schüler das Gefühl haben, dass Sie Kommata einfach setzen können, wie sie wollen. Oft kann so ein kleiner Strich ja den ganzen Sinn eines Satzes verändern.

Leidet die Rechtschreibung unter den ganzen Kurznachrichten und Social Media, in denen Groß- und Kleinschreibung quasi nicht mehr existieren?

Wenn ich mal von dem Handy meiner Frau aus an meine Kinder schreiben, wissen sie sofort, dass ich es bin - ich schreibe einfach auch in Kurznachrichten noch ziemlich korrekt. Diese Kurznachrichten-Sprache geht auch in den mündlichen und eben in den schriftlichen Sprachgebrauch über. In Arbeiten von meinen Schülern stutze ich dann manchmal, wirklich verwerflich finde ich das aber nicht. Sprache verändert und entwickelt sich eben ständig. Goethe und Schiller haben auch noch anders geschrieben, als wir heute - sowohl die Rechtschreibung, als auch die verwendeten Worte waren ganz anders.

Ein aktuelleres Beispiel vielleicht: Als ich jung war, war es vollkommen verpönt, "Scheiße" zu sagen. Als Götz George damit in seinen Filmen anfing, war das ein unglaublicher Tabubruch und ganz Deutschland hat die Luft angehalten. Heute hört man das alle paar Minuten auf der Straße.

Wie bringen Sie den Kindern Rechtschreibung bei und geben ihnen ein Gefühl für Sprache?

Rechtschreibung hat ganz viel mit Übung zu tun. Ein Gefühl für Sprache zu haben, ist aber eher ein Talent, glaube ich. Wir üben Rechtschreibung zum Beispiel mit Laufdiktaten, in denen die Kinder visuell erkennen sollen, was richtig ist. So können sie das Gefühl dafür bekommen, wann ein Wort "komisch" aussieht und wahrscheinlich nicht richtig ist. Aber in den Klausuren fragen wir Rechtschreibung ja nicht mehr explizit ab. Prüfungen, die aus Diktaten bestehen, gibt es eigentlich nicht mehr.

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Es gibt auch Lehrer, die vorschlagen, die Schüler in ihren Prüfungen mit einem Duden arbeiten zu lassen. Aber wenn sie nicht sehen, dass etwas falsch ist, werden sie es ja auch nicht nachschauen. Wer überzeugt davon ist, dass ein Wort so richtig geschrieben ist, kommt ja nicht einmal auf die Idee, es nachzuschlagen. Da ist es schon gut, wenn die Kinder gelernt haben, zu erkennen, wann ein Wort nicht richtig aussieht.

Ich habe es aber auch schon erlebt, dass ich eine Nacherzählung kaum entziffern konnte vor lauter Rechtschreibfehlern. Aber als ich es entziffert habe, war es sprachlich und inhaltlich super geschrieben. Also gibt es auch Kinder, die ein Gefühl für Sprache haben, aber Rechtschreibung trotzdem nicht können.

Brauchen wir Rechtschreibung überhaupt noch?

Ja, wir brauchen sie. Ich finde es zwar nicht verwerflich, wenn sie nicht immer beachtet wird und sich schnell weiterentwickelt, aber als Richtschnur ist sie schon sinnvoll. Allgemeine Regeln und eine gewisse Ordnung sind wichtig, um eine Maßstab zu haben. Aber es ist typisch Deutsch, sich zu viele Gedanken über diese Regeln und ihre Beachtung zu machen. Dabei sind es nicht einmal die Deutschen, sondern die Franzosen, die ihre Académie française zur Wahrung der französischen Sprache.

Und wie gut wissen Sie selbst Bescheid?